Ausgabe 
9.1.1909
 
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längst darauf, ihn einmal ins' Gebet zu Nehmen, weil er die Heu- drina so zurückhiclt, auch nicht nach Mainz gehen ließ. Und mit der Tante Sette wollte er sich nicht erzürnen, von ihr erbte die Hendrina noch einmal einen schönen Batzen Geld.

Er blieb stehen und schlug die Arme taktmästig übereinander, um sich jn erwärme».Dnnnerliel, en verflucht Geschicht." Frau- leutskram, Deuwelskram! Das war doch immer so gewesen, und nun sollte er das auf seine alten Tage nochmal erfahren. Er spähte nach dem Himmel, ob sich wohl noch kein Witterungs-. Umschlag airküttdige. Aber der war kristallblau, nur rings am Horizont hing's wie ein rosiger Schleier. Das war die Kälte. Tie Sonne stand wie eine strahlende Kugel noch kaum über dem Rheingau. Nein, es mürbe nicht wärmer. Er kannte das. Acht, zehn, wohl auch vierzehn Tage lagen sie hier fest. Hier in dem verfluchten Bingen, ivv die Leute in beit Tag hinein lebten, grab', als ob alle Tage Sonntag sei. Als ob man nichts aus der Welt N tun habe, als lustig zu fein. Wie hatte doch gestern abend der Wcingürtner gesagt:Ach was! 's Zukünftige! Fürs Ge­wesene gibt der Jud' nix, un auch net fürs Zukünftige! Wann mer nor immer ans Zukünftige , denke, sollt', da braucht mer jo gar net usf der Welt zu sein! 'S Zukünftige, des is L Bett do owwe nff'm Friedhof! To will ich erscht noch emol waS vum Gegewärtige haivwe, eh' se mich do euuff schleife! Lustig gelebt un selig gestorwe

- heisst 'm Deiwel sei Recht verdsrwe. Du. machscht 'n mierig Ge­sicht un dcnkscht ans Zukünftige, un ich. denk ans Gegewärtige und mach e fideles!"

Und die Hildegard, die war natürlich ihres Vaters Tochter. Gerade so leichtherzig, so schwätzig, so obenhinaus wie der. Da kant sie ja auch schon den Hafenweg herauf mit schnellen Trippel- schrittchen, eine weihe Kapuze um das braune Gesichtchen.

Wie so'n Heidenntädchcn," dachte der Alte grimmig.Und so'n Winohnns hat sie auch schon bei sich, morgens in der Herrgotts­früh." War das nicht der junge Mensch, der gestern die Hendrina so angelacht hatte? Run ja, natürlich war er's. Der hatte schon alles mlsgeschiwppert, der war schon mit der Nase ans der Spur. Jetzt blieb er stehen und verabschiedete sich. Die Zwei lachten und schäkerten. .

Er drehte sich zornig um, er wollte nichts sehen. Wer die Hildegard kam schon eilig daher:Oehm, Oehm," rief sie lustig.

Nun mußte er sich doch umdrehen.Du bist es?"

Gtihde Marge, Oehm! Ihr macht jo e ganz verkrumpelt Ge­sicht bei dem scheene Wetter! Gelle, wie schee kalt! Heut middag gehe mer all' nach Rüdessem!"

All'," sagte der Alte.Wer all'?"

Die Hildegard lachte leichtherzig.Ei, e ganze Hengel! Und die Hendrina darf nach mit! Ter Beert geht sicher mit." Ihre Augen funkelten.

Die Hendrina! Die is nit für eso Sachen!"

Oehm! Oehm! Seid doch net so! Mer kann doch so e groß Medche net behandle wie ä klä Kind! Eimol must se doch nnner die Lent'! Ihr wollt ie doch net ihr ganz Lewe in Matt' in wickle! Die will doch nach emol ä Mann kriege!"

Das is wohl die Hauptsache" knurrte der Alte!En Mann! Mein Dochter brauch' hinner. keinem Mann herzelaufm!"

Herzelaufe! No ja, das nit! Awwer freie must mer sich doch Eine! Un die Hendrina, die wirb nach Eine wolle! Ihr Mndder hat doch nach Ente genoturne!"

:Wenn du hinner Mannsleut' Erlaufen willst."

Ich !" Die Hildegard war gar nicht beleidigt.Das hawwe ich nach net riehdig! Awwer Spaß, will ich hawwe! Oott, Oehm, duht doch.net so! Die Tante Sette sagt nach"

Mas sagt die Tante Sette?"

Ei, sie sagt, wenn Ihr Euer Hendrina bäh- zu eine Manche niache, vo bäht sie nach wisse, was. sie däbt."

Der Alte murrte grimmig.Verdrehte FrauenÄeut" Un sic sagt nach" die kleine Bingerin lstelt inne. Mas sagt sie?" Jetzt stampste der Alte grimmig auf.

Die Hildegard war einen Augenblick ein wenig verlegen. Dann aber lachte sie lvck.

Sie sagd, Ihr halt' Zeit Eures Lebens uff Eurem Geldsack Messe un Hütt' keinem was gegönnt, un so wollt Ihrs aach mit der Hendrina mache. Un das könnt ihr net passe, un do döht sie noch liewer ihr Geld Uff die anner Seil' vermache!"

Ter Alte fühlte ordentlich, wie es ihm eilten Stich gab durch und durch! Das war ja natürlich mir ein schlechter Spatz von der Sette, im Ernst dachte sie nicht daran, den Bertvandten ihres Vaters ihr Geld zu vermachen, aber wenn die erst davon Wind bekamen, wer. weist, tote die dann bohrten Und stocherten. Und wenn sie ihnen auch nur einen Teil answarf, nein, das bürste sie nicht, jeder Groschen gehört ja von Gott und Rechts-. Wegen der Hendrina!

Tie Hildegard sah ihn schlau von der Seite an. Sie wollte ihn schon kriegen, ben alten Knasterbart, der seine Tochter ein« sperrte und von allein zurückhielt.

Jo, und wann der Rhein jetzt zu is, do kommt se sicher. ÄÄrig Jahr war se aach da! Do wäre mer allzesarmne itr Rüdestem. Un die Tante Sette, die hot sich ä klääne Spitz geholt! Di«! war emol sidel! Die hot's was gerne, wann mer sidel is!"

Sie liest das ein paar Augenblicke auf den Alten Mitwirken, der sich ordentlich krümmte. Tann fing sie listig wieder an:

Am näschde Mittwoch is aach Bali hie" Mas geht das mich an," brummte van Eu G'rad Euch nix. Aber die Hendrina! Die Hendrina, dis soll mit uff de Ball! 's is jo ä Schänd', dast die noch nie dauzH war! Wo se schnnn achzeh' Johr alt is. No die Tante Sette, die wird schee gucke, wann ich er das verzehl."

Jetzt fuhr der Alte zornig in die Höhe:Watt iS datt für ein Geschwätz? Watt wils dn kalsakte.ru? Scham dich matt, du! Wenn du «ix Besseres weist',, dann bis' als ganz still! Das ist alles dummen Frauleutskram! Bon meinslvegen kann die Hen­drina mitgehn! Auch ans den Ball!"

Tie Hildegard hüpfte ordentlich in die Höhe:

Seht Ihr, Onkel Endert! Ich haivwe doch gleich gesagt, der is net so schlimm, wie se all mache! Des wär ja aach schun «ich ä Berricktheit, wann mer ä Mädchen däht insperre wie ii Kattarievogel in ft Käfig. Rn must ich's awwer gleich der Hendrina sage." Sie lief hurtig wie eine Bachstelze über das! Gangbord. Der Alte sah ihr zornig brummend nach. Dast sie -nit der Tante Sette drohte, das hatte ihn mürbe gemacht. Mochte sie denn mitgehn, die Hendrina. Das dauerte ja nur ein paar Tage. Und er wollte schon aufpassen.

Mürrisch und einsilbig stapfte er am Nachmittag neben Steuer­mann Weingärtner über das Rheiueis. Borans gingen die jungen Leute, ein ganzer Trupp. Die Hildegard wippte lustig über die glatten Schollen, Hendrina ging langsamer und ängstlich auf dem mit Äsche bestreuten, gebahnten Wege. Es wurde schon dämmerig, die Sonne stand am Bergessanm und stillte mit röt­lichem Schimmer das weite Tal, lockte ans den übereinander ge­türmten Schollen herrlichen bläulichen und rosigen Widerschein. Der ganze, in Schlaftgenwindnugett ans andere User führende Weg war wie besät mit Menschen, die sich in der Ferne wie kribbelnde schwarze Punkte bewegten. Wenn man zurückblickte, lag Bingen in rosigem Dust, aus dem Schloß Klopp und die massigen Türme dunkel emporstiegen. Die Fenster der Rochus- kirche hoch oben auf dem Berge glühten rot, der meiste Rauch aus den Schornsteinen stieg kerzengrade auf. Bor ihnen, noch weit, lag Rüdesheim. Seine Häuser schienen in den Schnee ver­sunken, gran und weit, ganz geduckt an den Berg. Der Mond kaut über den Rheingan herauf, sehr groß, ganz voll, aber noch blast.

ES war herrlich, das Tal zu durchqueren, / die gekesselte«! Wasser zu schreiten. Die scharse stille Mite b?.ete das Gesicht, liest das Mut schneller kreisen.

(Fortsetzung folgt.)

ErddLbensüM.

Die geheimrnsvolle Ursache und die furchtbare Wir­kung der Erdbeben hat von jeher bi.. Phantast« der Men­schen ans das Lebhafteste beschäftigt und bei primitiven Völkern tote bei den Menschen des Altertums maimig- sältigc sagenhafte Vorstellungen hervorgerufen, in denen naive ErMrnngsversuche mythologischer oder dichterischer Art enthalten waren. Als eine Strafe Gottes, der die Wohnstätten der slindigen Menschen in ihren lstrmtd festen erschüttert und die Vergänglichkeit, die Gebrechlichkeit alles Irdischen durch die Gewalt seines Zornes erkennen läßt, erscheinen die Erdbeben yt der Bibel. So heißt es im 60. Psalm:Der du die Erde beweget und zerrissen hast, heile ihre Brüche, die so zerschellet ist." Und im 114.: Die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe. Vor dem Antlitz des Herrn erbebte di« Erde." Die Chinesen schreiben noch heute alle Erdbeben dem Werke böser Geister zu, und nach jeder Erderschiitte- rung werden den erzürnten Dämonen große Opfer ge­bracht, um sie zu versöhnen und ihre Wut zu beschwichtigen. Aehuliche Vorstellungen von einer übernatürlichen Ursache der Erdbeben werden von verschiedenen primitiven Völ­kern berichtet. So glaubten die Indianer Perus, daß Gott sich zuweilen von seinem Himmelssitze erhebe, um die Zahl der Menschen zu zählen; bei jedem seiner Schritte erzittere dann die Erde und aus der Stärke des Geräusches, das dann zu ihm empordröhne, ivisse er die Zahl der Menschen zu