KS8
in der kalten Winterlnst verlor sich der Weihrauchdunst. Sie hob die Auge,: zunr Himmel und faTfi', daß der doch hoch gewölbt über'm Dorf stand — hier wie anderswo, überall fern! Und die Sterne glitzernd, und kalt wie neugierige Augen. Sie zog die Kapuze tiefer in die Stirn. Was fragten die da oben nach Menschenleid, nach der Qual eines Mädchenherzens? — — „Mer muß nehmen, wat sich biet, is et net dän, daun is et dän, ech sein alleweil froh." Es war Wefas Stimme, die ihr das in's Ohr schrie, und doch war's wieder das eigene Herz, das die Worte rief. Ja, froh sein um jeden Preis! Nicht darben und sich zerquälen um das, was geschehen und nicht mehr zu ändern ist!
Nelda erinnerte sich genau eines Gesprächs, das sie nrit Agnes Röder geführt, als diese noch Braut war. Ja, Durst hatte sie immer gehabt, aus der Quelle alles Lebens zu trinken, aber jetzt war der Durst ein anderer. Man hatte ihr den Becher an die Lippen geführt und dann weggerissen, als sie kaum die Zunge genetzt; eine brennende Eier war geblieben. Es war gleich, in welchem Gefäß der Trank jetzt gereicht ward — nur trinken, sich satt trinken und dahei vergessen!
Sie strich die Hütten entlang wie ein Schatten. Rund um sie die Stille des Dorfes und des Abends. Dunkelheit. Aus den niederen Fenstern trüber Lichtschein, schwarz blickten die Berge herein. Ein Hund schlug an, verschlafen kläffte ein anderer Antwort. Sie dachte nicht an Vater und Mutter, die daheim im einsamen Haus an der Chaussee saßen, auch nicht an Xylander, den einzigen Freund — an diese drei zu denken war ihr peinlich; sie schämte sich dann jener Regung, die immer und immer unabweisbarer wiederkam. <sie dachte an Rainer. Nicht in gekränktem Stolz, im Schmerz des Berloren-Habens — nein, mit Zorn. Er hatte ihr den Becher von den Lippen gerissen; zu früh! Sie ballte die Hände zu Fäusten. Er hätte sie vollends austrinken lassen sollen, dann mochte er gehen. Tann war doch der Durst gestillt, dann blieb ihr die Erinnerung an etwas Ausgenossenes. Aber so — —?!
Ein wilder Trotz lag auf ihrem Gesicht, als sie mit geblähten Nasenflügeln die Luft einzog und arrsstieß und sich mit steil aufgerichtetem Körper den: Wind entgegen stemmte.
Kein Mensch begegnete ihr. Es läutete sieben, als sie wieder vor der Bürgermeisterei stand; das war die Zeit, in der Besä die Ziegen im Stall molk. Bon dorther glomm auch Laternenschein. Ter Stall lag abseits neben dem Haus; ein einsamer Hofwinkel, auf den der Magd Kanmier- fenster schaute, trennte beide. Die Stalltür war airgelehnt. Ein matter Lichtstreif fiel durch die Spalte ititb huschte über Neldas Füße. Man hörte drinnen das Stroh rascheln, eins der Hühner im Schlafe gackern. Warum war Besä so still? Sonst sang sie hier gern mit schallender Stimme.
„Besä!"
Keine Antwort. Nelda blieb verwundert stehen — die Besä konnte nicht hier sein, die mußte doch sonst das Rufen hören! Aber der Laternenschein?! Noch einmal:
„Besä — —!" Wieder keine Antwort.
Sie trat näher zur Stalltür, der gesrorne Schnee knackte unter ihren Füßen. Da — der Lichtschimmer drinnen erlosch plötzlich. Alkes finster.
Horch! Klang jetzt nicht ein unterdrücktes Kichern? Und jetzt — träumte sie, hörte sie recht? — war das nicht Flüstern einer Männerstimme?!
Nelda stand wie angewurzelt, sie wagte sich keinen Schritt weiter, sie hielt den Atem an und fühlte, wie eiskalt ihre Hände und Füße wurden; nur ihr Kops brannte.
Was war das? Eine glühende Röte schoß ihr jäh in's Gesicht, ihre Hände krampften sich zusammen; sie machte einen Katz wie ein getroffenes Wild, stürzte dem Haus zu und auf ihre Stube. Tort riß sie sich das Kleid vom Leibe, als hätte ihr Rock etwas Uureines gestreift; sie warf sich über's Bett und schluchzte: ,Harum hast du mich verlassen, Ferdinand? Warum konntest du mich nicht lieben?! Ich werde schlecht. Bater, Mutter — Papa, Papa, hilf mir!"
III.
Bürgermeister Dällmer saß nun schon seine fünfundzwanzig Jahre in der Eifel; einen so schlechten Winter wie den diesjährigen hatte er noch gar nicht verbracht. Nicht, daß der rauher gewesen wäre als die früheren; immer lag der Schnee fußhoch bis tief in den März und
in den Mulden hockte!: die Nebel, aber die Stimmung war trüber, der Aerger im Amt zu groß.
„Da möcht' ein andrer Bürgermeister sein. Hol' der! Teufel die verdammten Bauerndickschädel!" Mit starken Schritten ging Dalliner in der Wohnstube ans und nieder. „Ich halt's nicht mehr aus!"
„Aber, Onkel, wenn du's nicht aushalten kannst," sagte Nelda mechanisch aus ihrem Traum heraus — sie saß an: Fenster, die Stirn gegen die Scheiben gedrückt —> „leg' doch die ganze Schererei nieder!"
„Was?!" Er stand, als hörte er nicht recht. „Was red'st du, Kind?" Er trat auf sie zu, drehte ihren Kopf zu sich herum, bog ihn mit der mächtigen Hand hintenüber und sah ihr durchdringend in die Augen. „Bist du so bis über die Ohren in dich selbst vertieft, daß du gar teilt Ang' mehr hast für das, was um dich ist? Guck' dir mal au, wie's hier oben aussieht! Die Welt sagt „armselig"; 's ist nicht unwahr auf den ersten Blick. Hier kann nur einer sitzen, der mit dem Herzen dabei ist. Meinst du, ich soll sie im Stich lassen, weil sie, wie ungezogne Kinder, nicht wissen, was sie wollen? Pfui, Nelda, darum die Flinte in's Korn schmeißen?"
„Aber du klagst dgch, Onkel, warum tust du's denn?"
„Ja" — er nickte und lächelte dabei — „das ist so die menschliche Natur! Man seufzt und beklagt sich, weil mau immer bewundert sein will wegen der eigenen Bor- trefflichkeit. Daß ich's hier aushalte! Zum Kuckuck noch emal, und ich möcht' doch nicht wo anders sein als hier oben!" Er schlug sich auf die breite Brust uud riß den Rock von einander, als lüfte er sie dem Eifelwind entgegen. „Heiho, meine Eifel!"
Er lachte. „Was meinst du, Nelda, wie würd' ich mich ausuehmeu in: Frack oder in der Uniform zwischen den verdammten Zierbengels? Ich kann das nicht mehr. Ich will nicht sagen, daß die Menschen hier Engel find — o je! Die Gemüter sind roh, die Leidenschaften ungezügelt. Es geht ihnen wie den: Strunk auf den: Feld, sie wachsen ans, wie sie wollen; nur der Pfaff tut seine Weihrauchspritzer über den Acker hin. No, allzuviel macht das auch nicht. Sie beten schon, freilich! Aber sie haben noch 'was Unverfälschtes; mit dem Material ist's immer besser umgehn als mit dem künstlich präparierten.
Hat ja auch eine Zeit gegeben, da hab' ich gemeint, ich kann's hier nicht aushalten; war noch zu sehr an den Dunstkreis vom Salon gewöhnt, an die Sporen und Lackstiesel. Aber ich sage dir" — schwer fiel seine Hand auf der Nichte Schulter — „lieg' du nur einmal so recht fest an der Brust der Natur, dann kriegst du andre Augen. Sie werden heller. Du sitzest auf einem hohen Berg — unter dir kribbelt und Wibbelt es, lauter Ameisen — du bist wie ein König! Wenn dein Rock auch vom alten Steffens nach der Mode von anno dazumal fchueideriert ist und deine Stiefelsohlen Nägel haben, du bist doch reich! Du hörst das Herz der Natur pochen und deins pocht dagegen. Man wird besser, man ist nicht mehr so kleinlich.
Herr Gott, wenn ich so alle Tag die Berge anseh, und im Wald die Bäume und die Wasser rauschen hör', da sag' ich mir: o, du mein Schöpfer, wenn du mir Wurm so 'was Herrliches aufbebaut hast, wie darf ich da dem Mitwurm, der neben mir kriecht und nicht geringer ist als ich, was entziehen?! Ich muß ihm so viel gewähren, als ich irgend kann. Schockschwerenot nochmal, was bin ich für ein erbärmlicher Kerl! Beklag' mich gar zuweilen, raison- niere: „Bauerndickschädel, nicht mehr aushalten und so weiter!" Hab' ich mich wirklich beklagt, Nelda, sag' mal?" Er sah sie fragend mit einer Miene aufrichtiger Bekümmer- nis an.
(Fortsetzung folgt.)
schiller und dis deutschen UsmpsnifteK.
Ein Zahlenbild zur 150. Wiederkehr des 10. November.
Von Ernst Challier sei:., Gießen.
In Nr. 15 vom Jahre 1908 der Neuen Musikzeitung habe ich unter der Bezeichnung „Von Leuten, die ihren Beruf verfehlt haben" uachgewiesen, daß 240 unserer bekanntesten Komponisten, bevor sie sich der Musik widmeten, einem anderen Beruf angehört hatten oder doch in der Vorbereitung zu diesem begriffen waren. Wenn das in der Musik, die so zahlreiche Bildungsstätten answeisen kann, nachweisbar ist, so muß


