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Montag den 8. November
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
'(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Es ivar nicht das erste Mal, daß Nelda wie heut in der Kirche zu Manderscheid saß. Der Onkel legte ihrem Gehen dorthin nichts in den Weg. „Bin ja selber Katholik, mein Water und Mutter waren eifrig genug, 's ist nicht ihre Schuld, wenn der Joseph und ich, jeder so auf seine Weise modelt, 's ist was nm der Weihrauchluft, die wirkt auf die Jugend wie das Federweiß vom jungen Wein. Geh du mir, Kind, wenn dein protestantisches Gewissen sich nicht sträubt; sieh zu, was du findest! Nur durch eignes Probieren lernt man, wie gekocht sein muß!"
Da saß nun Nelda in der Kirchenbänk. Heute war sie mit Wefa hier, die kniete jetzt drinnen im Beichtstuhl, 's war niemand sonst mehr da, alle waren sie nach und nach gegangen mit Schnäuzen und Scharren und Räuspern. Sie hätte jeden beneidet, jeden einzelnen. Wer doch auch seine Sünden so hintragen könnte vor das süß lächelnde Madonnenbild. Oder in dem braunen Beichtstuhl hinter dem grünen Gardinchen zum Ohr des Geistlichen flüstern und oann aufstehen und heimgehen frei von Qual, ohne Schuld!
Langsam dämmerte die eiiigeschlossene Luft sie ein, verträumt glitten ihre Blicke die Wände entlang. Wie Sterne funkelten die Lichter am Altar, ein flimmernder Schleier wob sich von dort her, goldne Pünktchen tanzten im Halbdunkel; mit rotem geheimnisvollem Schimmer schaukelte die ewige Lampe — winkte sie nicht? Nickten nicht alle Heiligenbilder, neigten sich! nicht die Lilienstengel? Ging nicht ein himmlisches Säuseln durch das Kreuzgewölbe und lullte das aufgeregte Denken zur Ruh?!
Sie wagte sich rächt zu rühren, wie gebannt saß sie still; Vergangenheit und Gegenwart verschwammen, nur ein süß traumhaftes Bewußtsein blieb, ein Mittelding zwischen Schlaf und Wachen. Nelda hätte sich nicht gewundert, wäre die Orgel von selbst erklungen, hätten Engelsstimmen vom Chor gesungen. Es war ihr, als müsse sie aufspringen, dort vor den Altar unter's Marienbild eilen, die Hände erheben und dann die Stirn zu den Fliesen neigen. Die Erhörung war gewiß. Ein heiliger Schauer lief ihr über den Rücken — da — ein Schritt! Der Sand des Steinbodens knirschte.
Besä trat auf sie zu, das Gebetbuch mit dem darum geschlungnen Rosenkranz fest an die Brust gedrückt. Ein Abglanz himmlischer Seligkeit lag auf des Atädchens Zügen, so schien es Nelda; nie war ihr das bräunliche Gesicht mit den lustigen Augen und dem derben Mund edel vorgekommen. Fetzt deuchte sie's so.
„Fertig," sagte Wefa. „Nu gehn mer!"
Sie gingen. Wefa tunkte knixend in's Weihwasser
becken; Nelda tat ihr's verstohlen nach, sie zuckte zusammen, als der eigne nasse Finger die Stirn berührte. Nun standen sie draußen, lautlos glitt hinter ihnen die Kirchtür in's Schloß.
War der Himmel der Erde näher? Myriaden von Sternen, groß und leuchtend, blitzten über der Gasse. Der Himmel schien nicht hochgewölbt; flach, sich auf Berge stützend, lag er über'm Dors. Man brauchte nur die Hand auszustrecken und zuzugreifen, da hatte man ihn. Nelda mochte nicht sprechen, jeder Laut dünkte ihr eine Entweihung; am liebsten wäre sie auf den Kirchenstufen nieder- gesunken — Laßt mich hier liegen, hier allein finde ich
Ruh! —
Aus dem Pförtchen der Sakristei trat der Kaplan; er trug die lange, schwarze Soutane und den breitkrämpigen Filzhut. Recht irdisch und wohlgenährt ging er an den Mädchen vorüber; Nelda sah nur sein weißes Haar ehrwürdig unter der-Krämpe flattern. Jetzt fiel der Sternenschein hell auf seine breiten Züge, die verschwommenen, gutmütigen Aeuglein richteten sich auf Befa. Diese knixte. Der geistliche Herr hielt an, ließ sich die Hand küssen unb strich dann dem Beichtkind über die gerötete Wange.
Er schmunzelte. „Nun, du schlimme Sünderin, geh' heim, bet' fleißig!"
Sie kicherte, haschte wieder nach seiner Hand und führt« sie mit einem Schelmenblick an die Lippen.
„Nun ja, ja, ich weiß, du bist ein gutes Kind!" Er wendete den wohlgefälligen Blick nicht von ihr und lacht« gemütlich. „Hör', Besä, du verstehst dich ja am besten auf die Hühnerzucht im ganzen Dorf; wann sie wieder legen, krieg' ich die ersten Eier, gelt? Ich hab' schöne Bildchen dafür und ein geweihtes Zweiglein vom Altar der Hochheiligen zu Buchholz! Brauchst dem Burgemoister
nix zu sagen, er" —
Jetzt bemerkte der geistliche Herr erst Nelda; sie hatte zur Seite gestanden. Sein behagliches Lächeln verschwand, er hob würdevoll die fleischige Hand zum Gruß und schritt bann, die Soutane straff um das Bäuchlein ziehend, gemessen zur Pfarrwohnung hinüber.
Nelda stand und sah im nach, bis der letzte Zipfel in Wind unb Dämmerung verflattert war.
„E so en guter Herr," kicherte Befa, „e so kommod! Alle Tag' einen Rosenkranz, damit is't gut!" Sie machte einen kleinen Hopser vor innerem Vergnügen.
„Kommen Se, Fräulein Nelda!" Sie griff vertraulich nach Neldas Arm, diese wehrte sie ab.
„Geh' nur voran, ich komme nach !" Ohne Gruß mit einer raschen Wendung drehte sie sich ab und schritt die Gasse in's Dorf hinein. .
Sie mochte noch nicht nach Hans. Eine unsichtbar« Hand hatte ihr einen Schlag in's Gesicht gegeben, als der geistliche Herr so schmunzelte und Befa in die Backe kniff. Und diese selbst, war sie dumm, leichtsinnig?! — Eine Ernüchterung war mit ungeheurer Schnelligkeit gekommen;


