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öilder aus Siebenbürgen.

Vvn Leo Greifer.

S i e b e n b ü r g i s ch e S a g e n.

STytn je ein Land einen besonders günstigen Nährboden für die Entstehung zahlreicher Sagen abgegeben hat, so gewiß, das Land Siebenbürgen. Zwei Quellen insbesondere sind es, aus denen der bunte Strom der Sage sich speist: Natur und Ge­schichte, jene zum Mythos, diese zur historischen Sage führend, oder, beide gemischt, zu jener Art halbmythischer Vorstellungen, in denen die Historie znm Mythos abgeblaß,t, der Mensch der Vorzeit, in ein halb göttliches Wesen verwandelt, in das Reich der Natur zurückgesunken scheint. Nun sind Länder, in denen die Natur sich gewissermaßen von Anfang an mit dem Menschen verbündete, sich ihm als Freundin erwies, und das in ihm leicht zu Wedenbe Mißtrauen durch Milde und Fruchtbarkeit säuftigte, der Sagenbildung nicht entfernt so günstig wie jene anderen, in denen die Schrecken des Pan größer sind als seine Fürsorge und die Furcht vor den Elementen, die phantastische Verlockung durch geheimnisvolle Orte und Erscheinungen gewaltiger als die Tauk- barleit für den Segen, mit dem ein karger Gott die Felder der sich mühenden Menschen beschenkte. Denn, schon der Roheste emp­findet Angst vor dem ihn umgebenden Bösen, aber Dankbarkeit für das Gute stellt sich erst spät bei den fortgeschritteneren Völkern ein. Nicht anders geht es mit der Geschichte. Je ruHiger,^heller die Entwicklung war, desto geringer die. Ausbeute an Sagen. Milde, Weisheit und Sittlichkeit mythisch zu einem Lichihelden zu verschmelzen- dazu bedarf es eines Grades positiver Frömmig­keit, der schon ein Merkmal innerer Kiiltur ist, dagegen führen Wildheit, elementare Kraft und Grausamkeit der geschichtlichen Personen um vieles früher und leichter zu deren Mythisierung. Dem Frieden und seinen stillen Taten gebricht es an Farbe, Geheimnis und Sinnlichkeit, an denen der Volksgeist sich dcch- terisch entzünden könnte. Kriege, Wirren und Unordnung aber reizen zu Träumen, Deutungen und Phantasien, werfen bte Menschen in Abenteuer, deren Ausschmückung die wunderbarsten -Verstrickungen zuläßt, und bieten Bilder des Heldenmutes, rühren­der Treue, verworrener Schicksale, an denen die triebhafte Fabulrer- lust des Volkes sich rasch ergötzen lernt. .

In Siebenbürgen trug das Reich der Natur wie das der Geschichte von je den Charakter des Elementaren, Unberechenbaren und Geheimnisvollen. Nicht allein daß die Besonderheit der siebenbürgischen Landschaft, in der der ungebrochene, meilentiefe Wald vorherrschte und anm großen Teile heute noch vorherrscht, im allgemeinen aufs Unübersichtliche gestellt war, so daß der Mensch bei jedem seiner vordringenden Schritte auf etwas Un­erwartetes gefaßt sein mußte, das hinter der nächsten Biegung seines Weges hervorbrechen konnte, sondern der Gott drefes^Landes hatte auch noch außerdem für ein ganzes Arsenal örtlicher schrecken gesorgt: hier stiegen tödliche Gase aus dem Boden, dort sprudelte ein höllischer Morast, Höhlen öffneten da und dort ihre,unergründ­lichen Hallen, Seen lagen eingesenkt in die verwachsenen Kessel des Gebirges, sonnenlose, feuchte Felsenspalte, wie mit »tiefen* keilen in den Berg getrieben, schienen ins Innere der Erde htnetn- zuführeu. So wimmelte es von Objekten, an denen die phan­tastische Naturwissenschaft der Urzeit sich üben, deren Geheimnis sie auf ihre Weise und nicht viel anders tote bte Naturwifsen- schaft von heute,erklären" konnte. Denn der Hammer des Riesen ist als Erklärung eines Blitzes um nichts schlechter tote unsere modernen Theorien. Kein Wunder also, daß sich.an iede Oertlichkeit, wo sich eine Berghöhle, ein See, eut seltsam ge­formter Felsen befindet, eine Sage knüpft, bte zuweilen nur all­gemein mythischer Natur, doch häufig auch mcl)r_ uavellisttsch- anekdotischer Art ist. Schlangen, Drachen und Geister bewohnen jene Orte, und diese Fabeltiere und Spukwesen sind es, die dem Menschen, der sich den nächtlichen Städten nähert, Verderben be­reiten. Drachen und Nattern erregen den Sturm im St. Annensee, einem einsamen Mecerauge auf den Höhenj des Czomcil- oder -luS- nader-Gebjrges. In der Höhle von Almesch wohnr eine nackte gratt die in jeder Neujahrsnacht aus dem Berge kommt, um die Wäsche abzuholen, die die Bewohner des nahen Dorfes zu dm Begütigung in der Vornacht bereitgelegt haben Jene Almescher Höhle aber ist dieselbe, durch die dereinst der Rattenfänger von Hameln mit den hunderiunddreißig aus Westfalen! entführten Kin­dern wieder zum Vorschein (am, und jene Kinder wieder sind dieselben, die später die sächsische Nation in Siebenbürgen be­gründeten. Der Retezatn, ein hoher Berg im Hatszeger Gebirge, führt seinen Namen (retezatü der Abgeschnittenes daher, daß ihn eine Königstochter, die ihren um die Schönheit feines Sanb« Besitzes beneideten Bruder töten wollte, von dem gegenüberliegen­den Gebirge her mit einer Pflugschar traf und so ein großes Stück des Berges sortschnitt, währenb ihr Bruder, der auf dem Gipfel stand, unverletzt blieb. Im Feketeto (schwarzen See) aber, erzählt man, stand der Palast des Feenkönigs, um den ewige Fmsterms ivor. ®odj bic (beliebte1 beA Eömgs begehrte nncl) Licht, unb so warb auf dem Felsenturme über bem See ein Kür- fuitkelstein aufgestellt, der wie die Sonne leuchtete. Als die Ge­liebte aber ihrem Herrn die Treue brach, erlosch das Licht des wunderbaren Edelsteins und toieber herrschte Finsternis ringsum. Doch heNte noch irrt die Treulose, in Wahnsinn verfallen, in tzeN stürmenden Wäldern des Gebirges umher und klagt.

Solche und ähnliche Naturmythen sind in Siebenbürgen Legion. Neben ihnen finden sich zahllose sagenhafte Ueberlieferungen, die auf dunkle Ereignisse der siebenbürgischen Urgeschichte zurückzugehen scheinen. Bekanntlich sind Landgebiete, die nicht mehr von einem Urvolke, sondern von dem ihm nachfolgenden Eroberervolke be­wohnt werden, ungemein sagenreich, denn die neuen Besitzer be­wahren jenen Urkampf, der zur Vertreibung der früheren Be­wohner des Landes und zur Errichtung ihrer eigenen Herrschaft geführt hat, getreu im Gleichnis und bilden daraus, wenn auch nur selten, ein zusammenhängendes und organisches, so doch trümmerhaftes mythisches Heldenepos, in dem der verjagte Feind in übermenschlicher Vergrößerung als ein Geschlecht von Titanen oder Riesen zu erscheinen pflegt. Nun bildet der häufige Wechsel der Völker, in deren Händen sich die Macht befindet, just in Sieben­bürgen ein besonders charakterisierendes Moment der halb im Dunkel verschwindenden Urgeschichte des Landes, so daß auch dem Mythos, der aus dem Schatze der historischen Erinnerungen gestaltet zrt werden pflegt, ein schier unübersehbares Feld eröffnet war.. llnd wirtlich gibt es kaum eine Burg im Lande, mag sie nun in Trümmern liegen oder nur noch die Stätte gezeigt werden, wo sie gestanden haben soll, die nicht als von Riesen erbaut ge­dacht würde. Unzählig sind die Hügel, die für Hunnengräber ge­halten werden und von vielen Orten, wird berichtet, es Habs daselbst einst ein Götzentempel, das Gotteshaus längst spurlos verschwundener Naturreligionen gestanden.

Aber auch im Kreise Der eigentlichen Geschichte bot sich der dichterischen Kraft des Volkes ein ungewöhnlicher Reichtum an poetischem Rohstoff bar: abenteuernde Fürstengestalten, Kriege, Raubzüge und Seuchen gaben Spielraum zur Erfindung heroischer oder rührender Anekdoten, und da die Unsicherheit des Lebens, .die Verworrenheit der politischen Verhültnifse, die die Phantasie zu entzünden pflegen, in diesem Lande bis tief in das neunzehnte Jahrhundert hineiureichteu, io erlischt die sagenbildende Kraft des Volkes nach dieser Richtung erst spät, ja bei zweien der sieben- bürgischen Völker, ben Walachen unb Zigeunern, scheint sie heute noch in voller Blüte zu stehen. Bon den Fürsten ist es insbesondere die neronische Gestalt Gabriel aus dem Haufe Bathori, um die die Sage ihr Raukemoerk schlang. Pest- und Braudmärchen aus der Zeit der Tartareneinfälle und Türkenkriege gibt es mancherlei, Frauenraub, Gefangenschaft, Trennung von Ehegatten und rüh­rendes Wiedersinden bieten Anlaß zu den phantastischsten Varia­tionen. Interessant ist es, wie vereinzelte Ausläufer des großen deutschen Sagenstromes von dem Geiste des siebenbürgischen Sachsenvolkes ausgenommen und amalgamiert werden. Klingsor wird aus Siebenbürgen berufen, um den Sängerstreit auf der Wartburg zu schlichten. Doktor Faust hat sich u. a. auch lange Zeit in Hermannstadt aufgehalten. Daselbst habe er auf dem großen Ring mir mächtigen Steinkugeln Kegel gespielt, die sich im Rollen in Menschenschädel verwandelten, habe sich, in der Gestalt des damaligen Hermaimstädter Pfarrers, promenierend auf dem Kirchendach gezeigt und sich schließlich auf dem Turmknopf auf den Kopf gestellt, und was dergleichen wunderbare Streiche mehr sind. Auch gilt der gelehrte Magier als der Erbauer jener un­übertrefflichen Landstraßen, die aus der Römerzeit noch erhalten sind und bereit Festigkeit den int Straßenbau wenig erfahrenen Nachkommen als eine Wirkung übermenschlicher Kräfte erscheinen mußte.

Einen besonderen Kreis für sich bildet die siebenbürgische Schatzsage. In ben Zeiten der Wirren und räuberischen Feld­züge, die jahrhundertelang das Land überschwemmten, mag es wohl mehr als einmal .vorgekommen sein, daß die geängstigten Ansiedler tatsächlich ihr Geld vor dem nahenden Feinde ver­gruben, und wirklich mag auch da und dort ein Glücklicher aus späterem Geschlecht einen Topf voll Goldes beim Erdschaufeln zu Tage gefördert haben. Begierig ergriff der Volksgeist den Zipfel Wirklichkeit; ungeheuerliche Träume suchten ihn heim. Ter Schatz­stätten, die unter der Hut des Teufels stehen, gibt es zahllose im Lande, aber nur wenigen ist es bestimmt, solch einen Hort zu heben. Einmal im Jahreblüht das Geld": in den Vormittags­stunden, mitten im Sonnenlicht, wird aus der Erde heranf- schießend eine gelbe oder weiße Flamme sichtbar, die gelbe deutet auf Gold, die weiße auf Silber. Dreimal steigt das Feuer, drei­mal sinkt es. Ehe es jedoch gänzlich schwindet, hat es die Aus­stoßung eines einzelnen Gold- ober Silberstückes bewirkt, das noch heiß von der vulkanischen Erdkraft einige Zeit auf dem Boden liegen bleibt, ehe es in den Abgrund zurückfinkt. Nun muß man sich schleunigst die Stelle bezeichnen, wo das Goldstück liegt, gewöhnlich liegen Zäune und Gräben zwischen dem Beobachter und der Schatzstätte, aber man muß über sie hinweg- setzcn, auch wenn der Teufel unsichtbar den Eilenden stolpern und stürzen läßt. In der Nacht ist dann die Zeit des Grabens. Es darf weder auf dem Hin- noch auf dem Rückwege, noch während der Arbeit gesprochen oder geraucht werden. Wer schweigt und auf ben Genuß des Tabaks verzichtet, gilt als sündenrein, und nur einem solchen ist es gegönnt, den Schatz zu heben. Aber zumeist vermag der Grabende das Grausen nicht zu überdauern, mit dem ihm das höllische Blendwerk des wachenden Teufels zu­setzt; keine Drachen und Untiere erscheinen, aber alles geschieht zu ungewöhnlicher Zeit, die Büffelherde, die sonst erst morgens zur Weide zieht, kommt plötzlich im Mondschein über den Berg oder