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wieder hinter uns, aber schon verflucht nahe, so daß unsre Gäule doch mit den Köpfen zusammenzuckten. Und der übernächste Schuß wieder vor uns, eigentlich bedenklich nahe. Da wurde mir's klar, die Kerls da drüben schießen sich einfach auf uns ein. Sie schießen zuerst die sogenannte große Gabel, wie das der Artillerist nennt, — nicht wahr, meine Herren? und dann schießen sie die kleine Gabel, und dann schmeißen sie uns so ein Ding mitten in die Schwadron hinein. Und das wäre soeben die kleine Gabel gewesen. Also, wir wußten ja nun, was wir zu erwarten hatten.
Ta kommt noch ein Schuß. Der saß beinahe in der Schwadron. Und ein Sprengstück riß mir meinen Trompeter neben mir aus dem Sattel, daß er sofort auf das Gesicht fiel und sich nicht mehr rührte.
Nun mußte der nächste Schuß kommen — da sie jetzt recht hübsch eingeschossen waren, so hatten sic vielleicht gar keine große Eile damit — der traf die Schwadron ja ziemlich sicher.
Sehen Sie, meine Herren, da hatte ich so 'was wie Nerven. Ich wußte, jetzt kommt's, und dem entgehen wir nicht. Ich habe mir's natürlich nicht merken lassen. Aber ich kann Ihnen sagen, diese Einschießerei war mir höllisch unangenehm, ganz höllisch! Das kann man ja ruhig zugeben. Ich glaube, wenn die Leutnants und die Leute bei meiner Schwadron ehrlich waren, hätten sic mir Wohl auch gesagt, daß das nicht .zu den Annehmlichkeiten des Lebens zählt. Da entschloß ich mich kürz imb ritt hinüber zu dem andern Rittmeister von der Kürassierschwadron. Der kam mir schon auf halbem Wege entgegen. Und beinahe zu gleicher Zeit fragten wir einander, ob's denn nicht besser iväre, den Platz zu räumen, da wir doch hier offenbar als Bersuchskärnickel von den Herren Franzosen ange- seherr mürben. Nachdem wir unfern Entschluß gefaßt hatten, hinter den Hügel zu gehen und uns etwas seitwärts von der Batterie aufzustellen, die wir bewachen sollten, um nicht gerade Kugelfang abzugeben, kamen schnell die Kommandos. Wir saßen im Sattel und, weiß der Teufel, beinahe hätte ich die Bewegung im Galopp ausführen lassen. Aber ich hatte so ein Gefühl wie: nein, du wirst dich doch vor den Kürassieren nicht lumpen lassen. Und da die nur Trab ritten, ritten wir auch Trab.
Na, wir kamen noch mit 'nem blauen Auge davon. Eine halbe Minute später sauste so ein Ding von da drüben herüber und krepierte gerade dort, wo etwa der Zugführer meines dritten Zuges gehalten hatte. Illso mit meiner Schwadron wär es wohl Essig gewesen für den weiteren Feldzug.
Nun will ich aber zu dem zurückkommen, weshalb ich Ihnen das erzähle, meine Herren. Sehen Sie, mir war scheußlich zu Mute! Bor allen Dingen, als mein alter, braver Trompeter da lag, die halbe Schulter weg — ach, das war nicht schön! Und ich hätte ja längst den Platz geräumt, aber vor dem verfluchten Kürassierrittmeister drüben hatte ich Angst. Wenn die Kürassiere es aushielten, daß die Kerls sich auf sie einschossen, na, dann konnten's die Dragoner auch. Und als wir nachher Platz gewechselt hatten, kann ich Sie versichern, meine Herren, und ich schäme mich dessen gar nicht, mir war, weiß Gott, das Hemd naß auf dem ganzen Buckel.
Ter Oberst stand auf. Sein Pferd war gemeldet, und er sagte noch im Gehen:
— Wissen Sie aber, was das Ulkige dabei war? Nachher, als wir in Sicherheit hielten, gestand mir der Kürassier, es wäre ihm auch sehr ungemütlich da gewesen. Er wäre gern fortgeritten mit seiner Schwadron, aber er hätte sich geschämt, es zu gestehen, und vor den Dragonern wollte er sich doch nicht lumpen lassen!
Der Oberst grüßte und verschwand.
Als ich nachher mit Fritz Morsum nach Hause ging, sagte er mir ein paar Worte der Anerkennung, fast der Liebe gegen unfern Koinmandeur. Das wäre doch ein großartiger Mann, und die letzte Geschichte, die er erzählt, sei ihm wie aus der Seele gesprochen.
Ich fragte ihn noch, was ihm denn eigentlich geschehen wäre, er hätte so blaß ausgesehen. Aber da meinte er sofort:
— Nein, nein, das ist vielleicht vom Sturz gewesen. Blaß? O nein! . . .
Aber er war doch blaß gewesen.
*
Das Jahr darauf — ich hatte ch seitdem nicht wieder gesehen — war er abermals eingezogen. Es war Regi- mentsrennen. Unser Rittmeister hatte ein Pferd, das wohl kaum Siegesaussichten hatte. Er wollte es selbst reiten. Doch seine Frau, die gerade erwartete, geriet anßer stch über diesen Gedanken, sie barmte, er könne das Gen st: brechen, ein verheirateter Mann — das ginge doch nicht.
Der Rittmeister war empört. Er, von dem jeder Mensch wnßte, daß er das Herz durchaus auf beut richtigen Fleck hatte, mochte nicht, baß es hieße, er ritte nicht, weil cs bie liebe Gattin nicht wünschte. Aber wegen bes Zustandes seiner Fran, um des ehelichen Friedens willen, gab er nach.
Gerade in dem Rennen, in dem das Pferd genannt war, starteten nur wenig andere Tiere. Weil das Feld so klein war, hatte der Kommandeur gebeten, um den Gästen, die gekommen waren, das Regimentsrennen mit anzusehen, doch etwas zu bieten, möglichst viele Herren möchten in den Dattel steigen. Deshalb kam kurz vor dem Rennen unser Rittmeister zu Fritz Morsum und sagte:
— Sie sind ein so geschickter Reiter. Wollen Sie mir nicht einen Gefallen tun? Ich reite nicht. Wollen Sie das Tier für mich reiten?
Morsum konnte beit Ritt kaum ausschlagen. Er hatte kein Pferd genannt. Wenn fei» eigner Rittmeister ihm, bent Reserveoffizier, fein Pferb anvertraute, so wäre es wirklich fast unmöglich gewesen, anszuschlagen. Morsum war l.icht, bas Gewicht sprach also auch nicht mit. Infolgedessen antwortete er:
— Es ist mir eine große Ehre, daß der Herr Rittmeister bas Vertrauen zu mir haben. Ich werde reiten.
Das Tier, um das es sich handelte, war — und darin bestand der eigentliche Grund, weshalb die Dame durchaus nicht ihren Mann darauf im Sattel sehen wollte —, wie sich unser Adjutant ausdrückte, „die reine.Fallmaschine".
Vielleicht wnßte das Morsum gar nicht. Aber als ich ihn vor dem Rennen traf und er eben daran ging, sich abwiegcn zu lassen, sagte ihm plötzlich ein anderer Herr des Regiments:
— Na, Morsum, ich wette, beim ersten Hindernis liegen Sie!
Ein Ulan ans einer Nachbargarnison meinte lächelnd: — Wenn Sie nicht beim ersten liegen, wette ich, beim zweiten. Aber die größte Wette will ich darauf abschließen, daß Sie jedenfalls nicht durchs Ziel gehen. Ich habe näin- lich das Tier bis zum Herbst im Stall gehabt.
Morsum war, wie ich bemerkte, wieder bleich geworden. Er trat auf die Wage, um das Gewicht fcstzu?, stellen.
Als er, die Reitpeitsche in der Hand, neben mir standj zog er mich abseits. Ich merkte, daß er sehr aufgeregt war. Er fragte mich mit merkwürdig unsicherer Stimme eine Menge Sachen hintereinander, ohne überhaupt die Antwort abzuwarten, woraus ich entnahm, daß er bloß das Bedürfnis hatte, irgend etwas zu sprechen, ttm die Zeit bis zu Beginn des Rennens hinzubringen. Er wollte wissen, ob er seine eigne Zäumung anflegen dürfe, ob es nicht besser sei, das Tier auf Kandare zit reiten. Dann kam er auf den Gedanken, ein Martingal wäre notwendig. Er fragte, ob der Gaul zum Ausbrechen neige, ob man ihn scharf beim Kopfe nehmen müsse wegen des Falles.
Ich machte ihm Mut: •»
— Ach, weißt du, die reden bloß so! Warum sollst du gleich daliegen? J°ch glaube es nicht. Aber du siehst schlecht aus! Ist dir nicht wohl?
— O ja, ich wüßte nicht!
— Aber du bist blaß, du hast mir doch mal gesagt/ du hättest mit dem Magen zu tun.
— Ja, aber der ist jetzt ganz in Ordnung.
— Ueberlege dir's doch, du kannst ja den Ritt noch! immer ansschlagen. Ich glaube, so furchtbar böse wird der Rittmeister nicht sein. Und ein Rennen sollte man nur reiten, trenn man gesund ist.
Aber er wollte nichts davon wissen.
Ich konnte ihn, da ich. selbst mitritt, nicht weiter beobachten, denn ich mußte mich um mein eignes Pferd kümmern, das ich auch bloß fteuerte; um das Feld zu füllen. Gewinnausfichten hatte ich nicht.
(Fortsetzung folgt.)


