Ausgabe 
8.9.1909
 
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Nerven.

Novelle von Georg Freiherr von Omptedü.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Ich Hütte bei dem Sprunge Morsums Gesicht beob­achtet und meinte,' einen Zug verbissenen Entsetzens aus seinen Lippen zu sehen. Diese hohl liegenden Augen, aus denen die größte Energie und trotzdem etwas wie em Zu- rückzucken vor der Gefahr des Fallens lag, werde tch nre vergessen.

Fritz Morsum hatte sein Pferd abgegeben. Er war noch immer in einem Zustande gewisser Aufregung. Und als ich seinen Rock abklopfte, um den Sand zu entfernen, merkte ich, daß er am ganzen Leibe zitterte.

Er brach schnell ab und wollte ins Kasino gehen. Es war beinahe, als möchte er sich dem nicht aussetzen, aus- aeforscht zu werden. Er sprach nicht mehr über das Vor­kommnis., , .

Nun saßen wir bei einem Glase Sherry und entern Butterbrot. Es waren nur noch zwei andre Herren an­wesend. Der Kommandeur hatte sein Pferd bestellt, aber es verzögerte sich nod) einen Augenblick, bis es kam. Und da fing er über den Fall, der ihm eben vorgekommen, zu sprechen an, über das Pferd, wie man es korrtgreren solle, Und hatte dabei ein freundliches Lob für den jungen Retter, das Morsum, purpurrot werdend, hinnahm.

Der Kommandeur sagte:

Ja, ja, meine Herren, fallen müssen wir Kavalleristen lernen, obgleich es natürlich nicht immer angenehm ist. Ich erinnere tnich aus meiner Praxis mancher alten Reiter­seele, die Pech gehübt hatte und viel und unglücklich ge­fallen war und dann schließlich die Nerven verloren hatte.

Wir wußten, welche Nerven unser Oberst besaß, und Unwillkürlich machte ich mir den Schlußreim darauf: es kommt auch daraus an, was für einen Menschen es trifft. Dentt bei diesem Manne hier uns gegenüber, dem and) schon Silberfaden das Haar durchzogen, hatten wir etwas vonNerven" noch nie bemerkt.

Der Kommandeur fuhr fort: .

Wer keine Nerven hat, hat eben Gluck entwickelt. Ich bin immer glücklich, gefallen. Ich. kann ja von mir selber sagen, mir ist jedes Hindernis wurst. Mtr P es auch immer wurst gewesen. Ich hübe kein Verständnis dafür, daß es einem Kavalleristen anders gehen komtte. Meine Herren, das klingt wie Renommieren . . .

O, §err Oberst! Ach, Herr Oberst! klang es von 'bett andern.

Nein, nein, es ist mein vollkommener Ernst, Sehen Sie mal, warum soll ntan nicht zugestchen, daß man Nerven hat, weiin man sie hat? Ich kann Ihnen sagen, es ist ja bei einer andern Gelegenheit gewesen aber tch habe

doch einmal in meinem Leben so etwas gemerkt, was Nerven sind. Ich' glaube, daß es falsch ist, vou Nerven verächtlich zu reden. Es gibt ja Leute, die stellen das auf einett ähir- lichen Standpunkt wie etwa die Feigheit. Aber Feigheit ist etwas andres. Das können Sie mir glauben. Feig­heit nenne ich, toemt jemand Nerven hat und sie nicht bändigt, sondern sie zeigt, und, wenn's brenzlig wird, vor der Gefahr davonläuft. Nerven an und für sich kann man sehr wohl haben, und eine Schande ist's so lange nicht, wie man sie beherrscht, so lange wie man über den inneren Schweinehund im Menschen Sieger bleibt. Derjenige, der vermöge seiner Konstitution nie an eine Gefahr denkt, meine Herren, seien Sie mal ehrlich! dessen Verdienst ist es doch gar nicht, wenn er im Augenblick der Gefahr sichtapfer" zeigt, weil er sich vielleicht höchst mollig fühlt. Wenn dagegen der andre, dem in Augenblicken, wo es bald Matthäi am letzten ist, wirklich die Nerven ausgehen, sich doch beherrscht und mit keiner Miene zuckt: das nenne ich wirklich Mut.

Ich kann Ihnen aus meiner eignen Praxis etwas erzählen. Vom Jahre 1870. Ich führte damals die Schwa­dron, und toir standen bei ja, weiß der Teufel, ich glaube Bezons aber nicht das bei Paris west das Nest, Ein Stück von mir entfernt hielt noch eine Schwa­dron Kürassiere. Wir hatten den Befehl bekommm, dort zu stehen. Wir warett nämlich, wie es damals noch jedes­mal besonders angeordnet wurde, Artilleriebedeckung. Da hielten wir denn abgesesseu und warteten. Dies Warten im Felde ist eine verfluchte Geschichte manchmal. Wenn man was zu tun hat, Herumreiten kamt, den Platz wechseln, das ist ganz was anderes. Aber so gemütlich halten bleiben und sich beschießen lassen! Na, Gott, es gibt ja schließlich was Netteres, offen gestanden! Ich reite lieber eine Jagd. Kurzum, jetzt waren uns gegenüber offenbar französische Batterien aufgefahreit und fingen zu feuern an. Wir standen nämlick) sehr dumm, man konnte uns sehen von drüben. Aber Gott, wir hatten Befehl, dort zu sein. Na, da blieben wir eben da.

Und nu* fingen die Franzosen an Bum! Bum! zu machen. Da kamen denn die niedlichen Spielzeuge von den Kerls da drüben durch die Luft gesaust Und flogen pfeifend und zischend, daß man sie förmlich! sah oder tventgstens ahnte, über unsre Köpfe weg. Hinter uns lvühlteti fte sich ihren Trichter in den Boden und krepierten. Bum! Bum!

Es war zu weit, als daß uns die Sprengstücke ge­troffen hätten. Das war bis dahin nicht weiter unan- genehm. Man mußte sich ja Jagen, wenn sie etwas nied- riger schössen, risse es mts vielleicht die Helmspitze weg. Aber sie schossen eben nicht niedrig. Und schließlich, wir wären ja auch ohne Helmspitze weiter geritten.

Aber da fielen plötzlich die nächsten Schüsse weit vor uns, daß wir deutlich sahen, wie Dreck, Erde und Dampf sich mischten. Ich hielt ein Stück vor der Schwadron mit meinem Trompeter. Da plötzlich saß der nächste Schuß