Ausgabe 
8.7.1909
 
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fremd war, sah sie doch als Geschäftsinhaber!» mit Genug- tinuig ihren Besitz sich mehren und hörte mit Behagen die harten Taler tut Kasten klingen. Run hatten die Vettern niib Basen der Meisterin einen Pik auf den Obergesellen. Tiefer war ein ansehnlicher, reputierlicher Mensch, und die Witfrau >var noch nicht um die Ecke der Vierzig gebogen. Am Ende mochte sich zivischen den beiden etwas anspinnen, und ehe man sich, dessen versah, war man um ein fettes Erbe gebracht. Die Verwandtschaft zettelte jetzt ein förm­liches Komplott gegen den Friedmar an und suchte ihu von dem Sockel herabzustiirzen, ans deu ihn das Vertrauen seiner Prinzipalin erhoben hatte. Der aber stand so fest, daß ihn der Gifthauch der gehässigen Sippe nicht wegblasen konnte. So verfiel man auf den Gedanken, die Meisterin >nit falscher Zärtlichkeit kirre zu machen. Tas sei ein großes Unrecht, daß eine Frau, die ihr Schäfchen im Trocknen habe, sich noch quäle, anstatt sich zu pflegen und in stiller Beschaulichkeit ihre Tage Au verbringen. Sie sollte das Gewerbe fahren und sich genug sein lassen, die Früchte zu genießen, die ihr seliger Mann eingeheimst. Die Meisterin schätzte hie bösen Redensarten nach ihrem wahren Wert. Als sie sich vor den zudringlichen Ohrenbläsern, die ihr das Haus einliefen, nicht mehr zu retten wußte, rief sie den Rachbar Nipping herbei, daß er ein kräftiges Wörtchen drein rede. Dieser pcklterte in seiner derben Art, die Mei­sterin solle der lausigen Verwandschaft ein Wippchen schlagen und den Obergesellen vom Fleck weg heiraten. Ja, das tvar leichter gesagt als getan. So was wollte verarbeitet und bedacht fein. Achtzehn Jahre hatte die Meisterin mit ihrem Mann gewirtschaf er. Der Pflastermeister war von heftiger Gemütsart und duldete keinen Widerspruch. Da hieß es, sich ducken, sollte es nicht zu Tätlichkeiten koininen. Freilich, wenn sein Zorn verraucht Ivar, könnt' man ihn um den Finger wickeln. Mit der Zeit hatte sie seine Schlvächen ausstudiert, und schließlich fehlte ihr etwas, wenn er nicht ein- ober zweimal in der Woche sein Donnerwetter losließ. Dann halt' es ihn getroffen. Und sie war ihn. übers Grab hinaus dankbar, daß er so gut vorgesorgt. Das war nichts, wenn man sich so den Bissen am Mund abspareu mußte. Dazu war sie nicht geschaffen. Jetzt riet ihr der Nachbar Kipping, sie sollt' zum zweiten Mal den Trauring wechseln. Ja, wenn man im voraus wüßte, was man eintauschte. Zwar anständig und manierlich war der Fried­mar. Dem kain kein unlauter Wort aus dein Mund. Dazu war er ein Pfennigfuchser. Was er übrig hatte, trug er auf die Landschastskasse. Da konnte man sicher sein, der ließ nichts verkommen, lvenn er den Meisterhut aufsetzte. Und was Zutuliches hatte er au sich, daß man ihn gern um sich leiden mochte.

Obacht, Meisterin, eh' du dir was einred'st. Weißt du dann, wo der Friedmar mit seinen zweiunddreißig hinaus will?

Alte Frau und junger Mann Haben nie nit gut getan."

No, so schlimm war's noch nicht mit dem Alter. Un­willkürlich trat sie vor den Spiegel, der über der Kommode hing und ihr Brustbild zurückwarf. Wann man die Jahre so mit 'nem feuchten Lappen aus dem Gesicht wischen könnt'!' Tie Ras' war alleweil dieselbig' geblieben. Nur drum herum. Da 'ne Falt', dort 'ne Falt'. Freilich keine Ackerfurchen. Aber das Haar war no.ch blond und voll wie vor zwanzig Jahren. UeLerhaupt käm's doch drauf an, wie man sich in den Gliedern fühlte. Da Ivar noch alles forsch. Herrje, wann sie heut auf den Tanzboden gegangen wär', sie hält' mit der Jüngsten um die Wette gewälzt. Die Bespiegelung ihrer Person kam der Meisterin aus einmal so kurios vor, daß sie in ein herzhaftes Lachen ausbrach. Drunten schrillte die Hausglocke. Die Meisterin wandte sich rasch um und ihr Gesicht nahm wieder den gewohnten ernstbedächtigen Ausdruck an. Auf der Treppe knarrten schwere Tritte. Gleich darauf trat Friedmar, der Obergesell, herein; ein breitschulteriger, hochgewachsener Mann, einer von den kernhaftenVogelsbergern", die alljährlich bei der Rekruteneinstellung in Hessen Aufsehen erregen. Er trug das rotblonde Haar kurz geschoren. Sein Gesicht zeigte das gesunde., Rotbran>- wie cs allen Menschen, die in der freien Lüft hantier... z» eigen ist. lieber seinen Lippen kräuselte sich ein kleiner blonder Schnurrbart. In seine-! hellgrauen Augen, deren Lider leicht gerötet waren, drückten sich Grobheit und Energie ans. Friedmar kam, mit der Meisterin abzurechnen, wie er allwöchentlich tat.

Er zählte die großen und Heilten Münzen langsam hin. Die Meisterin buchte in ihr Kassenbuch die Einnahme und schrieb die Lohnausgabe ab. Das Geschäft war schnell be­endet. Nun sprachen sie von, der Arbeit, die in der kom­menden Woche zu beginnen war. In Dietkirchen, einem Flecken, der zwei Stunden von der Stadt entfernt hart tot der preußischen Grenze lag, waren der Kirchenplatz und die Hauptstraße zu pflastern. Das Material an Sand und Steinen war bereits angefahren. Nun stieg am Süd- ende der langgestreckten Ortschaft die Straße beträchtlich an. Der Gemeinderat hatte darum -- freilich erst nach dem abgeschlossenen Verding die Forderung gestellt, es sollten für die bergan führende Wegstrecke nicht die großen Basaltwürfel, die bereits geschichtet waren, sondern kleinere Steine verwendet werden. Der Führwerksverkehr durch Dietkirchen war sehr bedeutend, und man befürchtete, daß die Hufe des-aufwärts schreitenden Zugviehs auf den gr .-ßcn glatten Steinflächen zu wenig Stützpunkte finden w. , n. Das war an sich richtig, aber die Ueberlegung der Ge­meindeväter und ihrer Sachverständigen kam insofern zu spät, als ein Drittel! der großen Basaltwürfel nun über­flüssig und das kleine Steinmäterial erst zu beschaffen war Da war guter Rat teuer. Mit der Gemeinde durfte man sich nicht überwerfen. Die Meisterin fürchtete Schwierig­keiten und Verluste. Aber Friedmar machte sich anheischig, die großen Steine, soweit man ihrer nicht bedurfte, an die einzelueit Hofreitenbesitzer in Dietkirchen zu verkaufen. Den morgigen Sonntag gedachte er in aller Frühe aufzu­brechen und bei den benachbarten Bafaltbrücheu Nachfrage zu halten, ob man das Notwendige rasch liefern und der Meisterin aus der Verlegenheit helfen wolle.

Morgen am Sonntag?" fragte die Meisterin erstaunt. Habt ihr dann nicht Kirmes; in Fischbach?"

Ja wohl."

lind da willst du nicht Heimmächen?"

Wann die Mutter noch leben tät', wär' ich hin, aber so"

's könnt' doch fein, daß du sonst da was hätt'st." Von wegen der Mädercher? Nein, Meisterin, lind unter den Buben, die da herum hopsen, kommt man sich jetzt schon ganz talpig Dor.'

(Fortsetzung folgt.)

DieDräut".

Hochzeitssitten und H o ch z e it s g ebr äu ch e im Vogelsberg. (Nachdr. verb.).

Von Herrn a n n S t r a ck.

(Bei unserem Preisausschreiben mit dem ersten Preise ausgezeichnet für die beste volkskundliche Arbeit.)

I. Die Einladung zur Hochzeit.

Marieche, kehr a wink die Stowwe ean stell zwi Stenil boarat! Dösfe Owettd Hturnt is Goll (Got) ean er Bräujam, tut is off dieBraut" (so wird im Twrfe die Hochzeit genannt) z' loare."

Mit diesen Worten wendet sich die Mutter, eine unter­setzte kräftige Bauersfrau, Ende der 30er Jahre, an ihr zwölfjähriges Töchterchen, das soeben nach beendeter Abend­mahlzeit vom Tische anfgestaitden.

Es ist ein Sonntagabend int Winter. Die Mutter räumt bett Tisch ab, wischt mit der Schürze hier und dort noch über verschiedene Gegenstände, geht zum Ofen und legt ein paar Scheiter ins Feuer, zieht eine bessere Jacke an und bindet eine frischgewaschene Schürze vor, um das zu er­wartende Brautpaar, von dem sie weiß, daß es heute abend die Einladungen zur Hochzeit Dornimmf, würdig zu emp­fangen.

Der Vater ist Dom Tisch aufgestanden und holt feine Sonntagspfeife, eine lauge Pfefferrohrpfeife, Don der Wand werktags raucht er nur eine kurze, handlichere Pfeife stopft beit Kopf Doll Tabak, setzt bett Daumen ein paarmal fest daraus, zündet bett Tabak an und bringt mit ein paar kräftigen Zügen bie Pfeife in Brand. Dann setzt er sich wieder an den abgeräumten Tisch, über den die Hausfrau ein Fraitsentuch gebreitet, schmaucht behäbig seine Pfeife und wartet auf den Besuch, das Brautpaar.

Das sechsjährige Karlchen, ein pausbäckiges Kerlchens must dieweil nach deut Fenster und will sehen, ob die Got Minna mit ihrem Bräutigam Heinrich bald kommen. Der GroßDater sitzt beim Ofen auf dein Holzkasten; die