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8.7.1909
 
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vsmerstag den 8. Juki

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Die Pflastermeisterin.

Roman von A l f r e d B o ck.

(Nachdruck verboten.)

I.

, Za, Meisterin, 's hat alles zwei Seiten auf der Welt. Gibst du das Geschäft dran, haft du deine Ruh' und kannst Strumpf' stricken und Unterkamisole für die ganze Ver­wandtschaft. Aber warum dann mit deinen Vierzig so'n Altweiberleben anfangen? Guck, ich hab' meine Sechzig auf dem Buckel und nrein schepp Bein dazu, lind nehm's in der Werkstatt mit meinen drei Gesellen auf. Nein, da red't mir keiner was vor. Das Heruntlungern macht vor der Zeit mürb imb bringt einen auf überzwerche Gedanken. Der Mensch muß was haben, tvas sein Blut durcheinander fegt. Hernach schmeckt das'Essen. Grad das Schanzen hält einen auf dem Dainin. Heut' nacht int Bett ist mir's durch bett Kopf gegangen. Dein Mann selig hat fortgemitßt. Ro, dein Schorttstein raucht noch. Freilich, eine Manns­person gehört während hier herein. Und da sollst du keine Sperenzien machen, lieber die Liebesspaß' bist du doch hinaus. Da ist dein Obergesell, der Friedmar. Ein nüch­terner Mann und nicht auf den Kopf gefallen. Und hat ein Äug' auf dein' Kram, als wär's sein eigen Gut. Den halt' dir warm, Meisterin. Sagt der dir auf, köunt's schief gehen mit dem Geschäft. Dann der Friedmar hat Zucht luud Ordnung unter deine Leut' gebracht. Das inacht gar nrchts aus, daß du ihm fünf oder sechs Jahr über bist. So'n Mensch guckt auch in die Höh' und will weiterkommen. Also, wann du klug bist, setzst du den hier als Meister ein !u>td hast ausgesorgt dein Lebtag. Du kannst's drehen und wenden wie du willst, 's ist das Gescheitste. Jetzt weißt du, wie ich tnich zu der Sach' stell! Ich muß an die Arbeit!"

Nachbar Kipping hinkte geräuschvoll hinaus und ließ die Meisterin in schweren Gedanken zurück. Johanni waren's zwei Jahre, daß sie den Pflastermeister hinausgetragen hatten. Ein stämmiger, robuster Mann, dem man ein langes Leben zugetraut hätte. Drüben in Hainstadt waren ihm bei der öffentlichen Ausbietung die Pslafterarbeiten zuge- schlagen worden. Saß intgoldenen Kreuz" beim Straßen­meister und Kreisbauaufseher und trank seinen Schoppen. Auf einmal zuckt' er wie vom Blitz getroffen zusammen, fiel um und könnt' sich nicht mehr rühren. Wie sie ihn Keimbrachten, lallt er so vor sich hin, mit der Sprache war's vorbei, und drei Tage später war er ein stiller Mann. Die Meisterin war ganz vergeistert vor Schreck, so plötzlich war das Unglück über sie heremgebrochen. Aber dann mußt' sie sich doch aufraffen und überdeitken, wie's mit dem Ge- ichäft gehen sollt'. Die Pflasteret war ein eigen Gewerk. Sn der Stadt selbst gab's wenig zu schaffen. Draußen auf dem Land ivar der Meister den Submissionen uach- gegangen, hielt sich Gesellen und zog mit diesen auf die

Arbeit. Da hatte er nicht den Herrn gespielt, die Hände in den Hosentaschen, sondern war mitten unter seinen Leuten gefesselt und hatte wacker zugegriffen mit Hamtner und Ramme. Bei großen Verdingungen war er wochenlang von Haus fortgeblieben. Wann er heimkam, bracht' er jedesmal einen gespickten Betitel mit. Nun war er. hin, mitten in seiner Mannes kraft. Was sollt' werden? Ein Frauenzimmer könnt' dem (Geschäft allein nicht Vorstehen. Der Meister hatte ein hübsches Sümmchen zusammenae- pflastert. Und überdies der Mietzins von zwei Stockwerken int eigenen Haus. Da war leine Not. Die Meisterin könnt' znsehen. Dazumal war Friedmar, der Obergesell, vor sie hingetreten:Meisterin, ich hör', Ihr wollt uns aufkün- digen. Wann's erlaubt ist, möcht ich ntat darüber mit Euch sprechen. Bei uns Pflasterer heißt's, wann ein Stein sein ordentlich Bett hat und attgenetzt ist, der hält für die Ewig­keit. Ja, so ist's auch mit dem Geschäft. Wo der Grund gut ist und gehörig geschafft wird, bftt müßt's schon dick komnten, wann das aus den Fugett gehen sollt. Ich hab' gemeint, Ihr sollt das nicht so fortwerfen, was Ihr in dev Hand habt. Mit den Arbeitsleut' getrau' ich mir fertig zu werden, 's könnt sein, daß ich das Seil 'n bißchen strammer ««ziehen tät, ivte der Meister selig. No, und das Schriftliche, das habt Ihr ja als fort besorgt. Ich an Eurer Statt täi's mal probieren, ob's so weiter läuft."

Das wär' schon recht, Friedmar," versetzte die Meisterin, aber wann matt sich abplagt, ivill man wissen für wen. Und ich bin allein und hab' kein Kind."

Ihr müßt anders rechnen," sagte Friedmar.Wann Ihr die Setti jetzt wegfchickt und das Gewerk aufgebt, heißt das soviel, als Kapital fortgeschmissen. Ihr habt doch die Kundschaft im Kreis herum. So'n Geschäft hat sein' Wert. Ihr seid ja nicht festgebunden, wann's Euch nicht mehr paßt. Eh' man's meint, find't sich einer, der's Euch abnimmt, und Ihr steckt den Profit ein. Ueberlegt's Euch noch mal, Meisterin."

Die Meisterin holte sich bei diesem und jenem Rats, Berufene und Unberufene gaben ihren Senf dazu. Am Ende dünkte ihr, daß keiner so vernüttftig gesprochen hatte, wie der Friedmar. Und sie ging auf seinen Plan ein, behielt die Zügel in der Hand und trieb das Pflastergeschäft als Witfrau fort. Der Obergesell war unermüdlich. Früh­morgens war er der erste am Platz und sah mit Luchs­augen darauf, daß jeglicher ein sauberes Stück Arbeit lieferte. Die alte Kundschaft stellte er zufrieden und warb neue an. Bei den Steinbruch- und Sandgrubettbesitzern kaufte er das beste Material, ohne mehr dafür als den Marktpreis zu bewilligen. Unversehens nahm das Geschäft einen lebhaften Aufschwung.

Die Meisterin war froh, daß ihr die Führung der Ge­schäftsbücher diese beschränkten sich auf ein Kassenbuch und ein Journal, worin die laufenden Geschäfte bet Zeit nach eingetragen, würben über manche einsame Stunde ihres Wittums hinweghalf. Obgleich ihr die Geldgier ganz