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„Ich möchte doch den Herrn Lehnsmann recht sehr bitten, keinem Menschen was davon zn sagen," bat sie schüchtern.
Der Herr Lehnsmann warf sich in die Brust.
„I bewahre," sagte er mit der wichtigsten Amtsmiene, die ihm zu Gebote stand. „Das ist ja ein Amtsgeheimnis. Ich werde doch nicht meine eigenen Paragraphen umstoßen. Nein, keine Besorgnis. Adjüs, Frau Thomsen — was ich noch sagen wollte — grüßen Sie zu Hanse und besuchen Sie mich bald mal wieder."
Run stand Tine draußen. Der erste selbständige Schritt war getan, und ermutigt wie ein Kind, lvelches das Laufen lernt, ging sie Schritt für Schritt weiter.
Sie nahm den Weg über den Kirchhof. Einen Augenblick blieb sie an Jaks Grabe stehen; sie nahm Abschied. Ihr war's, als würde sie nun eher von dem Einfluß befreit, den er noch nach feinem Tode auf sie ausgeübt hatte.
Mit schwerem Herzen stand sie am Grabe. Der Wind wehte ihre Röcke, der Frost schüttelte ihren Körper. Keine Träne kam in ihre Augen; kein anderes Gefühl als das des Verlassenseins quoll in ihrem Herzen auf. An der Kirchhofspforte warf sie noch einen letzten Blick zurück. Es war das letztemal, daß sie diesen Weg ging.
Auf der Straße begegnete ihr Frauke _ Steffens, die mit freundlichem Kopfnicken an ihr vorbeischritt. Etwas wie Neid regte sich in Tines Herzens.
„Warum bin ich nicht wie diese," dachte die Unglückliche, „so frisch, so fröhlich und klug. Frauke hat es gar nicht gut, ihre Mutter ist krank und quesig und der Vater alt und wunderlich; sie selbst wird schon zu den alten Jungfern gerechnet und sie ist doch allezeit freundlich und heiter. Ich vber, die ich es so gut haben könnte, war all mein lebelang traurig und unglücklich. Warum muß ich immer denken und grübeln über Dinge, die ich doch nicht verstehe?"
So fragte sich Tine Thomsen und wußte sich keine Antwort zu geben. ...
Ziemlich früh am nächsten Morgen ging die Fahrt vor sich. Netzen dem Bauern saß breit und stattlich die Großdeern mit dem Butterkorb, auf den Knien. Hinter ihnen in einem großen Kasten grunzten die Schweine.
Ungeduldig knallte Fan mit der Peitsche, da trat Tine heraus, einen letzten scheuen Blick tvarf sie auf das alte Bauernhaus, dann kletterte sie mühsam hinauf und schob ihr Bündel unter die Bank.
Jetzt rollte der Leiterwagen die Trift entlang, die Straße" hinauf. Es rüttelte und stieß, daß die Frauen aus der Bank hochhopften. Mit leerem Mick sah Tine um sich. Nein, sie ließ hier nichts zurück, kein Herz, das um sie trauerte, kein Auge, das ihr Fortgehen beweinte. Es kam ihr vor, als hätte sie jahrelang an einem warmen Ofen gesessen und dabei gefroren.
Schweigend fuhren sie durch die stille Marsch, und Tine blickte geradeaus, der Zukunft entgegen.
In der Ferne ward der Kirchturm von Husum sichtbar. Jan trieb die Pferde an. .Die Großdeern faßte ihren Korb fester. „Ob es heute wohl sechzehn Groschen für das Kopf Butter lohnt?" fragte sie.
Sie erhielt keine Antwort, die beiden, welche stumm netzen ihr saßen, hatten ganz andere Gedanken.
Der Wind wehte scharf vorn Meere herüber. Tine band §te Kapuze fester. Sie trug einen wolligen, cremefarbigen chal, den ihr die Mutter früher einmal aus der Stadt mitgebracht hatte. Diese Kopfbedeckung war eigentlich dazu bestimmt gewesen, einer städtischen Schönen das wohlfrisierte Haar zu umhüllen, wenn sie zum Balle ging. Die junge Bäuerin benutzte es als Kopftuch, fest unter das Kinn zu- 'sammengeknotet. Nur einzelne widerspenstige Locken guckten hervor und Zmrahmten das noch immer schöne Antlitz.
Immer mehr Locken pustete der Wind heraus. Er rötete Tines Wangen und machte ihre Augen klar und glänzend. Als der Wagen endlich hielt und Jan abstieg, sah er seine Frau an nnd war betroffen über ihr liebliches Aussehen.
Der Wagen hielt bei der Wirtschaft von Boy Abraham, weil hier auch der Postwagen von Ostrup vorfuhr, mit dem Tine nach Jans Meinung zu ihrer Mutter fahren würde. Tine und die Großdeern stiegen hier ab, Jan fuhr weiter, dem Schwetnemarkt zu.
Tine legte ihr Bündel nieder, mit einem Male sprang sie auf und lief dem langsam davonrollenden Wagen nach; ihr. war eingefallen, daß sie das Paket aus dem Wagen
liegen gelassen hatte, das Paket mit den kleinen Sachen, die von ihrem verstorbenen Kinde stammten.
„Jan," rief sie atemlos, „Jan!"
Jan hielt und drehte sich nur. Tine kam heran, stieg auf eine Speiche des Rades und langte das Paket herunter. „Ich hatte es vergessen," murmelte sie.
Dann ergriff sie Jans Hand, die sich ihr keineswegs geboten hatte. „Adjö, Jan," sagte sie innig. Er sah sie an, und er mochte wohl auch den Gedanken haben, daß er sie vielleicht jetzt zum letzten Male sähe. „Adjö, Tine," antwortete er ebenso. Sie hatten sich in ihrem ganzen Leben nicht so lange und freundlich angesehen wie jetzt.
Jan fuhr weiter. Noch einmal wandte er sick) um und sah sie mitten cntf dem Fahrdamm stehen. Wie eine Blume der Straße erschien sie ihm, das liebliche, blühende Gesichtchen von einer duftigen toeißen Wolke umhüllt. Sie sah dem Wagen nach, es war beinahe, als ob sie tvinkte; dann kani plötzlich ein Wagen raschen Trabes daher, und sie eilte davori wie ein fortgejagter Hund.
Allmählich, als sie wieder bei dem Gasthof anlangte, verlangsamte sie ihren Schritt. Die Großdeern war bereits fortgegangen, da lag noch das Bündel in der Ecke. Tine nahm es auf und sah nach der Uhr. Es währte noch reichlich eine Stunde bis zum Abgang des Zuges. Der Bahnhof war in zehn Minuten vom Gasthof ans zu erreichen, so hatte sie noch viel Zeit.
Sie ging hinein und trank eine Tasse Kaffee. Die Zeit erschien ihr endlos lang. Die Wirtin setzte sich zu ihr und fragte nach ihren Reiseplänen. Dann kamen andere Frauen, die sie in ein Gespräch zu ziehen suchten. Verlegen und vertvirrt gab Tine Antwort. Endlich schien es ihr an der Zeit, zu gehen. In einer halben Stunde fuhr der Zug nach Hamburg.
Sie nahm ihr Bündel und machte sich auf den Weg.
„Ich denke, Sie wollten mit der Post nach Ostrup", meinte die Wirtin.
„Ja, ich habe noch etwas zu besorgen," sagte Tine, „ich steige unterwegs ein."
Nun war sie draußen. Sie hielt sich seitwärts unter den Bäumen; sie hatte Angst,' einem Bekannten zu begegnen.
Unbehelligt kam sie auf dem Bahnhof au. Sie wartete, bis der Platz vor dem Schalter leer war; dann trat sie heran und forderte schüchtern ein Billett nach Amerika.
Der Beamte fragte noch einmal, er glaubte, sich verhört zu haben.
„Nach Amerika", wiederholte sie.
„Rach Amerika, über das Wasser?"
Der Beamte lächelte. „Ja, das geht nicht. Nehmen Sie nur erst ein Billett bis Hamburg. Dort erkundigen Sie sich nur weiter auf dem Auswanderungsbureau."
Tine nahm die Fahrkarte, zählte umständlich den Fahrpreis auf und ging auf den Perron. Hier stand sie an die Mauer gedrtickt, bis ihr Zug kam.
(Fortsetzung folgt.)
Die ttraftwagenfahrt quer durch AM«, die der Berichterstatter des „Tag", Oberleutnant a. D. Graetz von Daressalam nach Swakopmnnd durchgeMrt hat, haben wir in Nr. 104 schon kurz berichtet. Am! 10. August 1907 erfolgte der Ausbruch vvn Daressalam, von wo die Fahrt zunächst auf der alten Karawanenstraße nach dem' 225 Kilometer entfernten Morogvro ging. Schon nach 90 Kilometer erwies sich die Belastung des Automobils als zu schwer, und man mußte sich nach langen BemüHungen, das' Fahr- ?feug aus einem Morast, in den es versunken war, wieder zu befreien, dazu entschließen, den Oberbau und fast die gesamte Abrüstung zurückzulassen. Jin September 1907 wurde Puga erreicht, in dessen Nähe sich die erste schwere Panne ereignete. Em Zylinderbruch in der Steppe Nakata machte die Hertzeisch«sfung von Ersatzteilen aus Europa nötig, die eine lange Fahrtuntel- brechung zur Folge hatte. Endlich, am 28. November, tonnte biß Reise fortgesetzt werden, die zu einer scharfen Prüfung für Wagen! und Lenker wurde. Galt es doch, steile Berge, fortwährende Schlaugenwindungen des Weges, zerfallene Brücken nnd.tiefern- geschnittene Wasserläufe zu überwinden. Der. November hätte fast der Fahrt ein vorzeitiges Ende bereitet. Das Auwmobil rutschte infolge Rachgebens eines nur wenig mehr als meterbreiten Stern- dammes ab und wäre unfehlbar in einen Abgrund gestnrzr, wenn es nicht an einem vorspringenden Felsen hängen gebucveu wäre. Eine zufällig des Weges kommende Karawane befreite den Wagen aus seiner schlimmen Lage und bracht« ihn, zerHUN zwar und mit verbogener Achse, aber doch leidlich heil in «laM heil. Den Weg nach Mpapua maßten erst Tynamitsprengiwgen


