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Nr. 72
SägJ.o
Spätinghof.
Roman von K. v. d. Eide r.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
12.
, In den nun folgenden Tagen entwickelte Tine im geheimen eine rastlose Tätigkeit. Sie ging auf den Boden und stöberte in der alten Lade herum, die noch ihre Sachen! uus den Dienstjahren enthielt, sie packte, ordnete und stu- drerte den Fahrplan der Königlichen Eisenbahn, der allwöchentlich in der Zeitung stand.
Sie interessierte sich auch mit einem Male für die Milch- kunoschaft und: maß oft ein, trotz des Stirnrunzelns der Großdeern. Me fragte Heistersche nebenbei, wie es ihrer Mue m Amerika ginge, und wie die Mile es gemacht hätte, hrnuberzukommen. Sie wurde nicht müde, den weitläufigen Bericht der Alten anzuhören.
Einmal holte sie in Jans Abwesenheit das Schreib- geschirr hervor und schrieb mit ungeübter Hand einige Zeilen. Helle Tränen rannen über ihre Wangen, während sie schrieb. Aber sie ermüdete nicht in ihrem Beginnen; der eine Gedanke leitete sie: Jan in seinem Vorhaben zuvorzukommen.
Eines beruhigte sie: Jan hatte die Schweine noch nicht verkauft. Sie wußte, er war viel zu gewissenhaft, um Ivrtzureisen, ehe er dies, besorgt hatte. ' Sonst hatte er alles in Haus und Hof geordnet. Der Wallach war verkauft, die Kühe waren im Stall. Die Vorratskammer, Boden und Keller waren versorgt. Viel gab es nicht mehr rn Ordnung zu bringen.
Als Jan eines Tages sagte: „Donnerstag fahre ich nach Husum, um die Schweine zu verkaufen," stand es bei Tine fest: jetzt war die Stunde gekommen.
„Dann kann ich wohl mitfahren," sagte Tine mit erzwungenem Gleichmut, „ich wollte Mutter gern mal besuchen."
... „Meinetwegen," entgegnete Jan kurz. Die Großdeern gönnerhaft hinzu: „Ja, uns Frau, Sie können ruhig mrtfahren. Drei können leicht auf die Wagenbank sitzen: ®en Vutterkorb nehme ich auf den Schoß."
■[CV auf. Es ging besser, als sie gedacht hatte.
r'j.ay, ^opite keinen Verdacht. Weshalb sollte eine Tochter nrcht ihre Mutter besuchen? Aber Tine dachte nicht daran. Rem, dre Mucker konnte ihr nicht helfen, die würde sie nicht ernmal verstehen.
... Ure Zachen waren gepackt. Einen Reisckoffer besaß sie Nicht ^o hatte sie sich denn ein Bündel zurechtqemacht, tote es die Dtenstdeerns beim Antritt mitbrachten.' Einen Arbeitsrock, etwas Wäsche, Schnhe und Strümpfe hatte sie hrnerngepackt.
Auch ein kleines Paket hatte sie sich bereit gelegt. Es war ihr beim Ordnen in die Hände gefallen: kleine Hemd- Ken, Jäckchen und Windeln befanden sich darin.
„Das muß ich gebrauchen," dachte Tine und legte es zu dem anderen.
Den Ueberschuß voll ihrem Milchgelde, das ja ihr Haus- haltungs- und Taschengeld war, wollte sie mitnehmen. Es' waren fast zweihundert Mark. Den größten Teil des Geldes nähte sie in ihren Unterrock.
So packte und kramte sie. Manchmal hielt sie inne und dachte: „Wozu dies alles? Wäre es nicht besser, ich stürbe?"
Aber die Lust 51111t Sterben war ihr vergangen, frischer Lebensmut durchströmte ihre Adern. Sie hatte alles mit größter Vorsicht und Heimlichkeit betrieben, niemand hatte: etwas Außergewöhnliches an ihrem Packen gefunden. Sie ivollte ja zu ihrer Mutter verreisen
Jan kam ihre Reise sehr gelegen, sie hatte es wohl gemerkt. Geiviß wollte er die Zeit benutzen, um seinen Plan auszuführen. Was er wohl sagen würde, wenn sie ihm zuvorgekommen war. Dann konnte er sie nicht mehr als eine Klette betrachten, die sich an ihn gehängt hatte, dann war er frei. Alles war zur Abreise fertig; nur eines fehlte noch: Tine wußte von ihrer Dienstzeit her, daß sie ein Ab- zugsattest haben mußte. Dieses zu erlangen, war ihre einzigste Sorge.
Am Mittwochnachmittag machte sie sich auf nach dem Hofe des Lehnsmannes Klaas Bartels. Sie nahin einen Korb über den Arm, nur auf dem Rückivege etwas bei Tieß Höcker einzukaufen. Auf diese Weise ivar ihr Gang weniger auffällig. <
Sie traf den Lehnsmann zu Hanse an und brachte ihr Anliegen vor. Der gutmütige, etwas wichtigtuendc Mann ivar wie aus den Wolken gefallen.
„Ein Abzugsattest, Abmeldung, ja, ivas ich sagen wollte — hm — jawohl. Wohin denn? —. Nach Amerika? —\ Was ich sagen ivollte — hm — hin — also nach Amerika? — Das ist aber hellisch iveit! Hm -- ivas ich sagen ivollte — haben Sie denn da jemand? Hin — allein wollen Sie dahin, das sollten Sie sich doch man überlegen."
Klaas Bartels zögerte noch, seine Feder in Tinte zu tauchen; er sparte gern an geschriebenen Worten.
„Hm, ja — ivas ich sagen ivollte, wenn Sie cs absolut verlangen, muß ich eins ausschreiben."
„Also, Frau Katharine Thomsen, geborene Klasen. Hm, was ich sagen wollte — ist denn Ihr Mann damit einverstanden? — Was Sie sagen! Ihr Buch haben Sie auch mit? Ja — hm — wollen Sie denn in Amerika dienen? —> Hm, was ich sagen ivollte — das ist aber — na — hier ist das Attest. Nein, kosten tut es nichts."
„Viel Glück denn, Frau Thomsen. Aber ivas ich sagen wollte — Sie sollten doch mair lieber hierbleiben!"
Tine hielt den Schein in ihren Händen. Das ivar besser gegangen, als sie dachte. Der Lehnsmann dachte gar nicht daran, sie auszuforfchen, ein Kopfnicken, eine abwehrende Handbewegung ihrerseits genügte ihm. Aber eins hatte sie itoch auf dem Herzen.


