Ausgabe 
8.4.1909
 
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Nr. 56

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Spätinghof.

Roman von K. v. d- Eide?.- (Nachdrnck verboten.) (Fortsetzung.)

Die Wintergesellschaft auf Bäkhof verlief in alther­gebrachter Weise. Der Bauer hatte für den Winter ein­geschlachtet, und bei dieser Gelegenheit fielen gleich einige Braten für eine Gesellschaft ab.

Es waren nur junge Leute beiderlei Geschlechts einge­laden worden. Schon am Nachmittage nahm die Festlichkeit ihren Anfang. Es gab selbstgebackenen Kuchen und starken Kaffee mit fettem Rahm. Es wurde viel genötigt, viel gegessen und getrunken, aber sehr wenig gesprochen.

Frauke Steffens nahm sich neben den steifen, von Seide und Goldschmuck strotzenden Bauerntvchteru in ihrem ein­fachen hellgrauen Kleide sehr zierlich und lieblich aus.

Jaus Blicke wanderten die stattliche Reihe entlang. Sie ist die schmuckste von allen," dachte er. Jetzt sah er, wie auch Jaks Augen an der zarten Gestalt wie gebannt hingen; eine innere Unruhe ergriff ihn.

Zum Abendbrot wurde bunte Reihe gemacht: jeder junge Mann führte eines der jungen Mädchen zu Tisch.

Ob ich es wohl wagen darf, Frauke zu holen?" über­legte Jan mit klopfendem Herzen: er hatte sich noch nie in einer ähnlichen Situation befunden.

In diesem Augenblicke ging Jak quer durch die Stube auf Frauke zu, verbeugte sich und reichte ihr den Arm.

Jan war Ivie vor den Kopf geschlagen. Er sah, ivie eilt Paar nach dem andern sich zu Tisch setzte. Aergerlich und verlegen blieb er in seiner Ecke sitzen, bis Stete, die jüngste Tochter des Hauses, lächelnd auf ihn zukam und fragte:Na, Jan?"

Da hielt er ihr unbeholfen den Arm hin, und sie setzten sich zu den anderen.

Jan kam sich bei Tisch sehr überflüssig vor. Frauke saß so, daß er erst den Kopf drehen »rußte, um sie zu sehen. Als er dies einmal versuchte, meinte seine Tischnach­barin, er suche die Fleischschüsfel, und brachte sie eilig herbei.

Was Siete Nissen ihm von ihren Stimmern und Kälbern erzählte, vernahm er nur halb. Mechanisch er die guten Sachen, die sie ihm reichte, den Kohlrabi in Rahmsauce und die gestobten Pflaumen. Er trank ein Glas des heißen Punsches nach dem andern: aber während die übrige Gesell­schaft nach und nach in eine ausgelassene Lustigkeit verfiel, wurde er immer stiller und schwermütiger. Nie war er sich seiner Lage so klar geworden.Ich bin der Knecht meines Bruders," dachte er,ich säe und er erntet. Es wird Zeit, daß ich fortkomme, ja, ich will fort." !

Ein freierer, fast fröhlicher Blick traf seine Nachbarin.

Ja, und das Fohlen von der Bläß sollst du mal sehen,

das hat sich bannig herausgemacht," sagte Siete. Im stillen dachte sie:Er hat hübsche blaue Augen; er ist nicht uneben."-

Nach dem Abendessen wurde auf der großen Diele getanzt. Der Hofknecht, der in der Ecke auf einem alten eiseubeschlagenen Koffer saß, spielte die Harmonika.

Jak wirbelte als erster Frauke Steffens im Tanze herum. Ihre Augen suchten Jan, der auf einer Bank abseits saß. Ihm fehlte der Mut und die Gewandtheit zum Tanzen, Stete Nissen hatte sich neben ihn gesetzt und erzählte ihm, was ihr kürzlich mit den Hühnern' passiert war.

' Jetzt kam Jak mit Frauke am Arm an ihnen vorbei. Sie waren vom Punschgeiruß und dem raschen Tanzest erhitzt: der Knecht spielte zu rasch. Frauke schwenkte ihr Tüchelchen in der Luft, um sich Kühlung zuzufächeln. Jak hatte sie schon wieder um die Taille gefaßt; ein funkelnder Siegesblick traf den Bruder.

Prost!" sagte er mit zynischem Lächeln, küßte Frauke, ehe sie sichs versah, auf beit Mund und zog sie im Tanze davon.

Jan stand langsam auf, feine Gestalt reckte sich, er rang nach Atem, siedendheiß durchrann e's seine Adern.

Er sah nicht Siete Nissens spöttischen Blick; er sah auch nicht, wie am andern Ende der Diele eine helle Gestalt sich freimachte und verschwand. Mit schweren Schritten ging er in die Stube, nahm seinen Hut und ging hinaus vor die Tür.

Er fühlte sich -in seinem Innern tief verletzt. WM er sich in den kühnsten Träumen nicht auszudenken gewagt hatte, das nahm sich der Bruder, als ob es ihm gehöre.

Die Luft kühlte seine heiße Stirn. Er blickte umher. Der Schnee bedeckte die weiten Fennen wie ein ungeheures Seichentuch. Nirgends sah er ein Sicht, nirgends Leben; alles war starr und kalt. Das Gefühl einer trostlosen Berlasseucheit überkam ihn.

Ans der Tür trat eine dunkle Gestalt.

Jan!" rief eine Stimme leise und zaghaft. Es wär Frauke, in Mantel und Tuch so fest eingehüllt, das; nur ein wenig von ihrem weißen Gesicht zu sehen war.

Einen Augenblick erfaßte heller Zorn den jungen Mann'. Er stand im Begriff, ihr ein Schimpfwort entgegeuzuschleu- dern, ein sehr häßliches Schimpfwort, das sie ans ewig getrennt hätte. Wer er brachte cs doch nicht über die zu- sammeugepreßten Lippen. Als er sie dann ansah, blickte er in zwei todestraurige Augen, und sein Zorn war verflogen.

Jan," bat sie,willst du mich nach Hause bringen?'« Er nickte.Ja, Frauke, komin man."

Als sie nun nebeneinflitber auf dem knirschenden Schnee die Trift entliniggingeit, nahm Jan ihre kleine Hand und zog sie sachte durch seinen Arm. Ein wunderbares, süßes Gefühl quoll in feinem Herzen auf, ein Gefühl, dem er keine Worte zu leihen vermochte. Als er anfblickte zum .Himmel, sah er Tausende von blitzenden Sternen. Da erschien ihm die weite Marsch nicht mehr starr und leblos) sondern heilig und friedvoll in ihrer jungfräulichen Rein-