151
Ereignisse, die Märztage von 1848, hat er später auf Grund der knappen Tagebuchnotizen eingehender dargestellt, wobei er jedoch die Form des Tagebuchs beibehielt. In seinem Urteil vertritt er natürlich den Standpunkt des Militärs, Und er teilt auch, die damals am Hofe und in der Armee allgemeine Meinung, die heute nicht mehr widerlegt zu werden braucht, daß die Revolution das Werk ausländischer Emissäre und alles von langer Hand zum Kampfe vorbereitet gewesen sei.
Die Auszeichnungen setzen ein am 27. Februar, an welchem Tage die erste Nachricht von dem Pariser Aufstand nach Berlin gelangte; sie schildern die wachsende Erregung in Berlin und besonders die militärischen Beratungen. Am 13. März wird der erste bewaffnete Zusammenstoß erwähnt: „Unter den Linden mußten die Ulanen, welche mit Steinen geworfen wurden, von der Waffe Gebrauch machen; ebenso auf dem Schloßplatz, wo die daselbst ausgestellte Kavallerie durch Schimpfen und Steinwürfe insultiert wurde. Der General v. Tümpling gab ein Zeichen, die Dragoner machten rechtsum kehrt und hieben ein, wobei manche Unschuldige unter der Stechbahn mit verwundet wurden, so namentlich Leutnant v. Kunitz, Adjutant von der Garde-Landwehr. Das Geschrei der Bedrängten und das Klatschen der Säbel machte einen ganz eigentümlichen Lärm. Der Schloßplatz wurde so bald gereinigt. . ."
Die Ereignisse drängen nun schnell zur Entscheidung, immer häufiger kommt es zu Zusammenstößen, bei denen die Menge das Pflaster ausreißt und mit Steinen wirft. Jü- teressant ist dabei eine Notiz unter dem 17. März: „Man hatte am Morgen einen großen Blutfleck vor dem Palais des Prinzen von Preuße n gesunden, als wenn er von den Verwundungen des vorigen Tages herrührte. Ter Prinz machte mir auf dem Schlosse selbst Mitteilung davon und war empört, auf welche Art man ihn zu verdächtigen suchte."
Der Morgen des 18. März.
„Den 18. März," so fahren die Aufzeichnungen fort, „war der Morgen eines verhängnisvollen Tages angebrochen, tote ihn die Hauptstadt Preußens noch nicht erlebt hatte, und welcher die Monarchie und besonders das Haus Hohenzollern schwer erschüttern sollte.
Und gerade an diesem Morgen schien sich alles wieder in ruhiger und gesetzlicher Weise zu gestalten: man sah nur vom Schlosse aus auf dem Schloßplatz einzelne Trupps und zuweilen einen Mann auftreten, der etwas vorlas, um welchen sich dann ein dichter Saufen bildete.
Auf dem Schlosse aber erschien nach 10 Uhr eine Deputation von 12 Mitgliedern des Gemeinderats von Cöln. Ich sah den König, zuvor er in den Sternensaal eintrat zum Empfange dieser Deputation. Seine Majestät seufzte tief auf, faßte sich dann aber schnell und machte eine Bewegung, die deutlich ausdrückte: „Nun in Gottes Namen!" Herr v. Wittgenstein an der Spitze der Deputation schilderte nun den Zustand der Rheinprovinz und drang in den König, feste und sofortige Zusicherungen zu geben, weil sonst für die Rheinproviuz alles zu befürchten sei. lieber letzten Punkt wurde der König sehr ungehalten und verbat sich solche Aeußerungen. Sonst antwortete er einlenkend."
Gegen 1/21 Uhr erschien eine Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten auf dein Schlosse. „Ich war gegenwärtig^ schreibt Graf Waldersee, „als infolgedessen der Minister v. Bodelschwingh dieser Deputation, nachdem sie vom Könige entlassen war, den Entwurf dieses Patents vorlas. Die Deputierten waren hocherfreut, daß ihnen der König mehr gewährt, als sie gebeten, und beeilten sich, die Kunde dieser Konzession zur Kenntnis der Stadt zu bringen. Der Prinz von Preußen nahm mich beim Arm und sagte: „So weit sind wir nun gekcnmnen, aber wie weit wir noch kommen werden, wissen wir freilich nicht."
Die ersten Schüsse.
Aus die Erzählung der Szene vor dem Schlosse, die im Anschluß an die Spenersche Zeitung gegeben tvird, folgt die
Schilderung, wie die ersten Schüsse fielen: „Der König fordert Herrn v. Minutoli (den Polizeipräsidenten) auf, auf den Balkon hinauszutreten und den draußen Versammelten mitzuteilen, daß der König nun Ruhe wünsche; die Königin sei unwohl. Gegen diesen Befehl deprezierte aber der Polizeipräsident und äußerte, er sähe sich kompromittiert, wenn man dieser Aufforderung nicht nachkäme. Der Ruf „Militär zurück", wozu sich auch der „Minister abtreten" gesellte, wurde immer dringender, so daß man sich entschließen mußte, in Bereitschaft gehaltene Truppen kommen zu lassen, um den Schloßplatz zu säubern. Es sollte dies aber mit Vermeidung des Gebrauchs der Waffen geschehen; es rückte daher von der Stechbahn aus eine Eskadron Dragoner en ligne im Schritt, ohne das Gewehr aufzunehmen, auf dem Platze vor, gleichzeitig eine Abteilung Infanterie in einer debandierten Linie aufgelöst, die zurückweichenden Menschen dicht vor sich treibend. Ich sah und hörte vom Schlosse ans die beiden ost erwähnten Schüsse bei der Infanterie fallen (ohne daß jemand verwundet wurde), welche aber den unglücklichen Vorwand zu dem längst organisierten Widerstand des Tages gaben. Alles stob nun auseinander und lief unter dem Ruf: „Wir sind verraten! Man mordet die Bürger!" nach allen Rich- tungen."
(Schluß folgt-)
Musterschutz in früheren Zetten.
Als im Fahre 1665 Colbert in Frankreich eine Reihe von Fabriken und industrieller Unternehmungen ins Leben, rief, tauchte auch der Plan auf, die Spiegelglasindustriei nach Frankreich zu verpflanzen. Seit drei Jahrhunderten besaß die Republik Venedig eine Art Monopol für die Herstellung kunstvoll gefertigten Spiegelglases, und die Republik wachte ängstlich darüber, daß dieses Monopol nicht gebrochen werde. Die Arbeiter wurden mit schweren Strafen bedroht, falls sie das vaterländische Gebiet verlassen und dem Ausland das Geheimnis des venezianischen Glases verraten würden. Den entflohenen Arbeiter, den man im Auslande wiederfand, erwartete ein schlimmes Schicksal: er tourde entführt und ins Meer geworfen; gelang die Verhaftung nicht, so warf man die Familie ins Gefängnis und fruchtete all das nicht, so kündigte man ihm an, daß er durch einen Bevollmächtigten der Republik im Auslande ermordet werden wird. Trotzdem gelang es nach einer Folge diplomatischer Winkelzüge Colbert doch, 10 Mura- neser Glasarbeiter für seinen Plan zu gewinnen. Aber diese Uebersiedelung der 10 Muranesen nach Paris, so berichtet Elphöge Frsnch im Correspondant, brachte eine Fülle von Komplikationen und Jütrignen. Als die Flüchtlinge in Paris eintrafen, hatte Colbert bereits die Gesellschaft gegründet, die die venezianischen Glasarbeiter anstellte und mit Freundlichkeiten überhäufte. Man gab ihnen schöne Wohnungen und wahre Fürsten gehälter und man bot ihnen Garantien gegen die Konkurrenz der französischen Glasindustrie. Inzwischen arbeitete der venezianische Gesandte Sagredo mit tausend Kniffen, um die Deserteure zur Rückkehr nach Venedig zu bewegen. Doch umsonst, seine Bemühungen scheiterten, und über diesen Fehlschlag empört rief ihn seine Regierung ab. Sein Nachfolger Giustiniani ging raffinierter zu Werke; er verschaffte sich einen gewissen Einfluß auf die ausgewanderten Mstranesen, indem er ihnen das schlimme Schicksal ihrer Angehörigen in Venedig vor Augen führte, und bediente sich dann der etwas fügsamer Gewordenen, um von Colbert die Aushebung der Zölle auf venezianisches Spiegelglas zu erlangen. Zugleich verweigerten nun die Muranesen die Annahme von Lehrlingen. Giustiniani ging dann noch weiter und versucht« seine Leute durch gesälschte Briefe, in denen die zurück- gelassenen Frauen ihr Unglück und ihre Leiden schilderten, Mr Rückkehr zu bewegen. Aber die Arbeiter waren mißtrauisch, sie fanden, daß die gefälschten Briefe doch zu gewandt und gut geschrieben waren, um echt zu fein, und! blieben einstweilen in Paris. Uebrigens nahmen die Muro-


