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aber sie bewahrte die sichere Ruhe der Frau, die es gelernt hat, solcher Huldigung keine große Bedeutung beizumcsftu. t
Bei ihm war's auch nur eine Aufwallung gewesen, ine Frenoe, nach der inneren Einsamkeit der letzten Stunden inmitten gleichgültiger Menschen mit einer sympathischen Frau allein zu sein.
Sie sprachen ganz offen mit denr heimlichen Vergnügens zweier Kinder, die einer strengen Aufsicht entflohen, über ihre gegenseitige Sympathie und die merkwürdige Fiigung, die jtc in letzter Stunde zu diesem! Karneval vereint hatte.
Sie naimten sich wieder Lena und Hans und feierten den. Echlußrefrain ihres Rosenmontags.
„Es ist wirklich zu drollig!" plauderte die junge Frau, den Kopf ein wenig kokett in die Erke gedrückt, daß ihr inattr- weißer Teint sich! leuchtend von dem Tunkelrot des Lannnets abhob. „Ich hatte an dem' Sonnabend gar nicht die Absicht ans- zngehen, und zu Blum gehe ich nun erst gar nicht gern -- ich hatte mich gerade mit einem Roman recht bequem in einen Faulenzer gesetzt und blätterte die erste Leite um, da merke ich an denr Ring hier, den ich als eine Art Talisman liebe und immer trage, einen fehlenden Brillanten. Tarin bin ich nun eigen — ich urteile bei Anderen gar nicht so streng, wenn mal irgend etwas an ihrer Toilette nicht ganz tadellos ist, aber an lmir selbst kann ich auch das Fehlen eines winzigen Brillanten nicht eine Stunde länger ertragen. Außerdem bin ich ein Kind des Augenblicks — wenn Sie's noch nicht gemerkt haben, werden »Sie's schon irodji Merken, ich handle int ersten Impuls, leider in allen Dingen, erst später kommt Has' Zaudern, das vorsichtige Erwägen — nun, diesmal trieb mich's sofort zu dem Juwelier auf die Wilhelmstraße, unb ivie ich zurückgehe und gerade denke: Pfui, ist das häßlich naßkalt, nrach, daß du schleunigst wieder in dein behagliches Zimmer kommst, da winkt mir meine Be- kannte — wär's die Schlettau gewesen, ich hätte abgewehrt • - über bei dieser Frau —"
„Wer war die Dame eigentlich, Lena?" fiel der blonde Offizier ein. „Ich bin da wirklich ein bißchen neugierig — sie 'paßt mir so gar nicht zu Ihnen •— Sie nehmen mir's doch nicht übel?"
„Wer ich. bitte Sie, nichts schätze ich hoher als ein ehrliches Wort, und Sie Huben auch! ganz recht, toir passen nicht zusammen, und die ganze Clique, die vielleicht dicht neben uns in# Coups sitzt und uns beide durchhechelt, für die existiert die Frau nicht, Und ich würde es um der Frau willen nicht wagen, sie in diese Gesellschaft einzuführen ich würde mich maßlos empören, wenn Man sie Wer die Achseln ansähe, aber ich wäre nicht stark genug, den Kampf für sie zu wagen. Sie hat einst dieser Gesellschaft angehört, zu der Zeit, als ich sie kennen lernte — da war ihr Mann Oberstabsarzt bei einem' Potsdamer Garderegiment — ein brutaler Kerl, der sie alle Augenblicke mit dem Revolver bedrohte — eines Tages flüchtete sie zu ihren Eltern und ließ sich von ihm scheiden, war dumm genug, ihm einen Teil ihres Geldes zu lassen — sie war immer fchpn eine sensitive, etwas haltlose Natur — damals waren ihre Eltern noch reich, dann machte ihr Vater Bankerott und starb, ihrer Mutter und Schwester blieb nur das Notwendigste zum Leben, sie selbst suchte sich mit dem Rest ihres Vermögens hier in Wiesbaden eine Existenz. zu gründen, indem sie Zimmer vermietete. Ich traf sie gleich in den ersten Tagen meines Hierseins, nnb weil ich mich immer Ungezogen fühle zu den Stiefkindern unter uns Frauen, besuche ich sie öfter und gewähre ihr die Wohltat sich auszusprechen. Sie Ist ein dedauernswertes Geschöpf -- seit vier Jahren verzweifelt bemüht, durch eine Heirat sich und ihrem! Töchterchen ein Glück und eine gesellschaftliche Position zu erringen. Ihr Unglück ist's, daß sie ihre Ansprüche zu hoch schraubt — irgend einen ehrens werten Kaufmann, auch ivohl einen Arzt oder Beamten hätte sie Wohl schon bekommen können, aber sie ist verwohnt, sie war in Potsdam sehr gefeiert und von Offizieren der feudalsten Regimenter umschwärmt — diese Bekanntschaften kultiviert sie noch heut, aber statt eines Mannes findet sie da leider immer nur eineu Geliebten •— das ist ja auch, so klar, daß Unbeteiligte! gar nicht begreifen können, wie sie doch bei jeder neuen Eroberung erneut hoffen kann, sie würde geheiratet werden, llnd warum ist sie schließlich so weit gekommen, daß sie sich svritvirst in ihrem Bestreben den Mann an sich zu fesseln, in ihrer Sehnsucht sich anzuschmiegen? Weil sie fein Geld. hat. Geld ist eben eine Macht, die so viele Brücken schlägt, so viele Unebenheiten glättet .— Armut ist demoralisierend, Armut ist schrecklich."
Sie schüttelte sich vor Entsetzen. Sie mochte wohl an die Kinderjahre in dem verfallenden Schlosse denken, in denen das gräfliche Blut in ihr sich, auf Vergeltung sinnend-, gegen die Almosen der Verwandten aufgebäumt hatte. Tann schloß sie befriedigt die Augen und streckte den weichen Körper, den jetzt hie feinsten, spitzenbesetzten .BatiWemhen und weiche, knisternde
Seide kosend umhüllten, während sie sich früher die zarte Haut an grober Wüsche wund gerieben Hatte.
Der Mann blickte sie an, zuerst ein wenig finster, bmutj leise lächelnd, die Weltdame lö-ar doch ein großes Kind- und! eins, zum Verwöhnen und Liebhaben geschaffen rvar — es war ihm unmöglich-, bitter zu denken: „Warum hat sie das Geld und nicht Helene?" Er konnte sich fein kleines Mädchen Überhaupt nicht vorstellen in solcher Eleganz, zu dem' weichen, sanften Gesichtchen paßte nur das schlichte Mädchenkleid. undj der Heckeiirosenkranz einer süßen Sommerliebe, der entblättert zur Märtyrerkrone wird.
Er nahm absichtlich das Thema der Armut nicht auf, sondern sagte nach einer Weile, in der nur die Räder eintönig rolltest und die Lokomotive keuchend atmete:
„Wenn Sie ein so warmes Interesse für diese Frau haben, Sena, dann warnen Sie sie vor Meisenberg, bei dem geriete, sie an einen der gewissenlosesten, an bett Mann mit den heißen! Sinnen und dem kalten Herzen — die werden leider den Frauest immer am gefährlichsten —"
Täuschte ihn das flackernde Licht der Gasflamme hinter der trüben Glaskuppel oder war sie wirklich zusammengezuckt? Ihre Lider hoben sich.
Was für merkwürdige Augen sie doch, hätte! Im Moment schienen sie schwarz, unergründlich, starr, die Goldlichter erloschen.
„Ja, es -ist wahr!" Es kam nicht ganz klar heraus, als! presse ihr eine häßliche Empfindung die Kehle zusammen. „An solche Männer wird viel verschwendet an kleinen und großen! Gefühlen - aber nicht alle Frauen fallen immer wieder in bie gleich gestellten Schlingen."
Sie biß die Lippen zusammen, daß er meinte, unter beit weißen Zähnen müßten Blutstropsen hervorquellen.
Sie rang wohl mit einem Entschluß, aber ein gellender Pfiff verhinderte, daß er zur Tat wurde.
Vor den beschlagenen Fenstern huschten Lichter vorüber, unter den Rädern klang das rasselnde Geräusch im Fluge genommener Weichen, ein Schüttern ging durch die lange, eiserne Schlange, die in weitem Bogen in die kleine, verräucherte Halle des Wiesbadener Bahnhofs hineinglitt.
Hastig steckte die junge Frau den Narzissenhut aus das- wirre Haar.
„Steigen wir rasch aus, lieber Hassingen, tch möchte nicht für protzenhast gelten — eS war auch wieder ein impulsives Entschluß in dem Ekel vor dem Zusammenpferchen mit trunkenen und taktlosen Menschen — bereuen tue ich ihn nicht — aber meiner Freundin gönn' ich's nicht, mich spöttisch deswegest bekritteln zu dürfen."
Er folgte ihrer leichtfüßig herausspringenden Gestalt, so geschwind sein Knie es zuließ
Sie Mußten am Ausgange eine Weile warten, ehe die übrige Gesellschaft erschien, das Tantchen, die beiden Mütter, die eine! blaß, abgespannt, die andere mit nervösem- unlieben^ würdigem Gefichtsausdruck, die jungen Mädchen mit dem kleinen! Attilleristen, der so unschuldig dreinsah, als könne er kein Wässerchen trüben, der aber bei Exzellenz völlig in Ungnade gefallen war, denn trotz der sichtlich schmollenden Tochter oder vielleicht gerade deshalb lehnte sie das Angebot seiner Begleitnng schroff ab und stieg nach kühlem Abschied von Hassingen und der nust absichtlich liebenswürdigen jungen. Witwe mit Fräulein von Meppen und Erbhagcns in eine Droschke, die sie ihren nahe aneinander; gelegenen Wohnungen zuführte.
(Fortsetzung folgt.)
Aus den Berliner Märzlagen.
Auszeichnungen des Grasen Eduard, v. Waldersee.
Unter diesem Titel erscheint in diesen Tagen, herausgegeben von H-. v. Caemmerer, im Berlage von E. S. Mittler und S-ohn in Berlin, die Schilderung jener erregten Zeiten aus der Feder eines Mannes, der sie als Augenzeuge in nächster Umgebung des Königs miterlebt hat; seine Auszeichnungen bestätigen nicht nur in manchen Punkten Ergebnisse, die erst die neuere Forschung gewonnen hat, sondern sie bringen auch manches Neue und können besonders über den Verlaus der eigentlichen S-traßenkämpfe als wich- tige Quelle dienen. Der Verfasser, Graf Eduard v. Walder- see, ein Oheim des Feldmarschalls, war im Jahre 1848 Oberst und Adjutant beim Gouverneur von Berlin; er hat seine Lebenserinnerungen sür seine Kinder ausgezeichnet und in Form eines Tagebuchs fortgesetzt. Die wichtigsten


