8«
zU steigen»," schlug Lisbeth mitleidig, aber gelasscp vor, „mal vergeblich warten lasse»
Helene antwortete nicht, sie saß ,etzt ganz stul und sah zu, $yie Lisbeth ihre Frisur vollendete.
Mitte Juli fiel dies Jahr die dreiwöchentliche Nebnng des Regiments 187 auf dein Schießplatz.
Es war am Abend vor dem Abmarsch. Im Kasino laßen die unverheirateten Offiziere bei einer Pfirsichbowle. Die Fenster der hohen, einfach und gediegen ausgestatteten Räume waren weit geöffnet, um der kühlenden Abendlust Einlaß zu gestatten, da «in Kasinvgarten leider fehlte, was in der heißen Jahreszeit steten Anlaß zu Klagen gab.
„In Altengrabvw haben Sie Luft genug," tröstete der,Ba- millousadjuiaut, ein spindeldürrer, sehniger Mensch mit einem regelmäßig geschnittenen, auffallend blassen Gesicht, einen dicken Oberleutnant, der soeben pustend und stöhnend den engen Kragen Unter dem feisten Kinn geöffnet hatte nnd wie ein Fisch, den Min ans Land geworfen, nach Lust schnappte, halblaute Vertuschungen über den fehleichen Kasnwgarten ausstoßcnd.
„Sprecht wenigstens heut noch nicht Von Altengrabvw!" mischte der freche Leutnant Bercken, ein Kvrpskamerad Hassingens, sich «in und zog ein wehleidiges Gesicht. „Mir wird Übel, tvenn ich das Wort bloß höre — drei Wochen Schießplatz in der heißesten Zeit des Jahres — es ist mehr, als ein armer Leutnant ertragen kann."
„Das meinst du doch «vohl nicht im Ernst, Kurtchen!" Ts war HanS Hassingen, der sprach. „Denk an unsere Kameraden, die „drüben" alle Qualen der Hölle durchwachen, um der schwarzen Bestien Herr zu werden, und von denen so viele schort unter der Mut der Tropensonne das tödliche Blei empfingen. Während wir hier bei eisgekühlter Borvle sitzen, schmachten sie hort nach zinem einzigen Trum? sauberen Wassers —"
„C'est la guerre!" meinte der kleine Bercken ohne sonderliche Rührung. „Da weiß man doch, wofür man alle Strapazen Erleidet, und wenn als einziger Lohn nur der Tod ^rs Vaterland Winkte — es ist doch schön, fiir eine edle Sache m den Tod zu gehen. Aber alle Theorie ist grau — auf weißem Aktenpapier uiedergeschriebene Schlachtenplane, nach denen man wütend mit blinden Schüssen nach einem Feinde schießt, der ans einer roten Fahne, bestenfalls aus einem Häuslein Soldaten besteht, finde ich absurd — dafür Menschen abschinden noch absurder — und M wird wieder eine große Schinderei in Altengrcibow, seid versichert !"
„Maul Halten, mein Sohn!" warnte Hassingen und warf einen bezeichnenden Blick nach den älteren Offizieren,die an einem der offenen Fenster eine Gruppe bildeten. „So was denkt man, aber man sagt es doch nicht — wie ich dich kennen wirst du auch dem Schießplatz seine guten1 Seiten abgewinnen, ich habe noch nie bemerkt, daß du dir die Butter vom Brote Nehmen läßt."
„Du hast gut reden, mein Junge I" sagte der kleine Bercken, Und seine unglaublich frechen, dunklen Augen musterten den alten Kvrpskameraden mit offenbarem Hohn. „Wer im gelobten Laude zurückbleibt, soll nicht Steine werfen auf die, welche mit Grausen der Tage in der Wüste gedenken, in die sie ziehen müssen."
Hassingens sympathisches Gesicht verdüsterte sich, und ein wenig erregt fiel er ein:
„Findest du es so beneidenswert, als Halbinvalide hier auf Wachkommando zu bleiben? Ich ginge weiß Gott lieber —"
Er brach plötzlich ab, das leidige Erröten, das er so ost verwünschte und doch nicht verhindern konnte, kant und stieg bis in feine Schläfen. Er hatte gelogen.
Er blieb gern hier, sehr gern sogar, selbst um den Preis des zeitweisen Jnvalidenseins. Er dachte an Helenens Jubel, als sie fein Zurückbleiben erfahren.
Espach mochte der nähende Abschied von Lisbeth wohl im Kopse herumgehen, denn er saß mit nachdenklicher Miene, die Arme auf den Tisch gestemmt, und beteiligte sich mit feinem Wort an der Unterhaltung. Ihm tvandte sich jetzt Berckeus Necklust zu. „Prost Espach! Weiß der Teufel, was Ihnen! wieder ist, Sie kommeir mir so verliebt — verlobt — verheiratet Vor — jedenfalls walzen Sie irgendwelchen großen Plan hinter Ihrer Denkerstirn herum."
Ter brünette Offizier blickte auf und lächelte eigentümlich, da er nach seinem Glase griff.
„Vielleicht haben Sie recht, Bercken, einmal muß man wohl daran glauben. Also lassen Sie uns trinken auf die Eine, die Feine, die Kleine —"
An dem kleinen Leutnaut vorbei blickte er Hassingeü fest ins Wst? und leerte feist Glas ist einem Zuge.
Bercken pfiff leise durch die Zähne.
Daß die Beiden gemeinsam etwas äüsgeheckt hatten, darüber iuar er sich längst klar, aber unter Kameraden ist Diskretion in solchen Fällest Ehrensache.
Er unterdrückte deshalb auch die anzügliche Bemerkung, die ihm auf der losest Zunge lag, als die beiden befreundeten Offiziere gleich darauf, unter dem Vorwand?, noch einen Spaziergang machest zu wollen, aufbrachen.
Eine halbe Stunde später schrittest die beide» Offiziere ist dunklest Zivsl eilig durch die Anlagest der Promenade, die sich gleich einem Gürtel nm die kleine Stadt zog. Der Mond war ausgegangen und streute Silberslecken auf ihren Weg, beleuchtete grell die weißen Villen 'ist dem dunklest Grün ihrer Garten, aus benen sich zuweilen der rotgelbe Lichtkreis einer Lampe, um! die eine heitere Gesellschaft sich geschart, scharf heraushob.
Asts einer geöffneten Tür, die auf eine große Veranda hiuaus- sührte, klang Musik, leise, diskrete Klaviertöne, und gerade, als die beiden Offiziere alt deut Gartenzaim entlang gingen, fetzte eine herrliche Altstimme ein zu einer schlichten, schwermütigen Melodie. Unwillkürlich verlangsamten sie ihre Schritte.
„Lockt dich denn nicht dieser Sirenengesang, du Musiknarr?" fragte Espach, bett Freund aut Arm ergreifend.
Hassingen, der Ivie immer von der Macht der Musik in eine Art Zauberbanst geschlagen wurde, war stehen geblieben.
„Ich muß ehrlich gestehen," sagte er leise, als fürchte er die Sängerin zu stören, „daß eine schöne Menscheustimme eine groß« Gewalt über mich auszuüben vermag, meine Frau muß jedenfalls fingest könnest —"
Ein gedämpftes Lachen unterbrach ihn.
„Bescheiden bist du nicht, Hans. Schlank wie ne Tamte, • schöm sehr reich und Sängerin —" Er zögerte etwa«, und bann! klang in die traurige Melodie des Volksliedes der Nachsatz, den Espach feiner Rede anfügte: „Arme kleine Helene!"
(Fortsetzung folgt.)
Aus einsamer Heide.
Novelle von Helme Stökl.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetznstg.)
Ich hörte still an, was man mir auseinandersetzte. Als ich so weit hergestellt war, nm marschieren zu können, machte ich mich aus bett Weg nach .Holstein. Ich wollte meine Strafe haben, die Brieftasche mußte meine Schuld beweisen. Ich wußte gut, wo ich sie begraben hatte. .
Nur zuweilen für kurze Zeit Arbeit nehmend, oest größeren Teil des Weges mich durchbettelstd, so erreichte ich mein Ziel, die ein fasste Heide. Ich sand die Brieftasche und kehrte mit ihr in die Stadt am Rhein zurück.
Ich lies; mich ztt dem Richter bringen, der die Ver- hastdlung geführt. Ich mochte wohl zum Erschreckest aus- sehen, denn er fuhr vor mir zurück wie vor einem Gespenst. Ich zeigte ihut die Brieftasche. Ob er mich wirklich für geisteskrank hielt, ob es die Unlust war, die umständliche Verhandlung noch einmal aufzunehmen, ich weiß es sticht. „Das Gericht hat mit Ihnen nichts zu schaffen," herrschte, er mich an, „Sie gehörest in den Narrenturm. Gehest Ste, oder ich lasse Sie als einen Verrückten ins Irrenhaus sperrest!"
Jus Irrenhaus! Dahin gehörte ich nicht; ich war nicht irre. Ich ging aus deut Äerichtsgebüstde, und mit Ranzel und Stock, iuie ich war, sprang ich ist den Rhein. Ich hatte ein Leben genommen, und ich wollte ein Leben dafür geben. z .
Nach Wochen fasst ich wieder zu mir. Matt hatte mich herausgezogen und in ein Krankenhaus der Barmherzigen Brüder gebracht. Der Sturz in das Wasser nach den Anstrengungen und Aufregungen vorher hatte mir von neuem ein Gehirnfieber zugezogen, das mich an beit Rand des Grabes brachte. „ „ .
Nur ganz langsam kehrten Leben und Bewußtsein zu mir zurück, mit ihnen kam jetzt die Erkensitnis der gasigen, Schwere meiner Schuld. Ich wußte, daß ich das Kainszeichen mit mir Herumtragen müsse, wohin ich auch gehe. Ich meinte, verzweifeln zu müssen.
In dieser furchtbaren Zeit fand ich einen Retter an einem der Barmherzigen Brüder. Es war ein alter, weißhaariger Mann, dessen hageres, von tiefen Furchen durchzogenes Antlitz von bestandenen eigenen schweren Seelen- länipsesi erzählte. Wie er mir zusprach, wie er mein ge-


