1909
09 3 f
Auf Liebespfaden.
Rvmatr ton H. Ehrhardt.
'Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
V.
_ Bleiern und dLfteschiver schleppte die Reihe der ungewöhnlich Heiden und trockenen. Sommertags sich in der kleinen Harzstadt dahin.
Bei der tropische» Temperatur war der militärische Dienst doppelt anstrengend, und Exerzierplatz und Kasernenhof hörten gar manchen derben Fluch, manch verzweifelten Notschrei, sahen gar Manchen Schweisstropfen über braunrote Gesichter fliesten.
Von allen Milibärpersonen freuten sich nur Leutnant ton Kasstngen und Leutnant Espach des wolkenlos blauen Svmmer- HimmelS.
Sie wanderten nach des Tages Last und Hitze fast jeden Abend ihren heimlichen Liebespfad.
Hassingen genoß freudig und skrupellos das Zusammensein Mit seiner kleinen .Helene, Wie auf Verabredung sprachen sie nie mehr ton der Aussichtslosigkeit ihrer Liebe. Noch immer siegte bei Has singen die Stimme der Vernunft, die ihn mahnend auf den Weg wies, bat' er sich von Jugend ait torgezeichnet hatte, ilnd wenn er Mich oft, die zarte junge Mädchengestalt an seiner Brust fühlend, für Momente glaubte, sich nie mehr ton ihr trennen Zn können, so hütete er sich doch, diese Gefühle laut zu äußern.
Er war überhaupt nicht wortreich in seiner Liebe und auch »licht überschwänglich in seiner Zärtlichkeit.
"Ich denke manchmal, er liebt ntich gar nicht mehr," sagte Helene eines Tages zit ihrer Freundin Lisbeth, die noch immer hrit Leutnant Espach ihre nächtlichen Spaziergänge machte, als ioandele sie mit ihnr int hellen Sonnenschein unter dem grünen Buchenlaub, obgleich sie beide wußten, daß sie sich liebte», nur instinktiv wohl das Gefühl hatten, es sei für sie gut, sich recht genau feinten zu lernen.
Das blonde Mädchen mit ihrem stets wachen und aufmeik« famen Blick verstand ruhig und sicher auf ihr Ziel zuzusteuern.
„Du bist viel zu verliebt in ihn, kleine Helene," sagte sie in der gönnerhaften Art, die sie oft gegen die Jüngere aunahnr, ünd blickte dabei in den Spiegel zwischen den beiden Fenstern, iwr, dem sie saß, um eine moderne Frisur zu probieren, die sie in der neuesten „Woche" an einer englischen Schauspielerin ge- fehtm hatte, „ich hab dies schon' oft genug torgehalten, du hättest Wn nicht sofort um dm Hals fallen dürfen — man must die Männer nicht so verwöhnen."
Es war in dem schmucklos, aber gut möblierten Zimmer, das die beiden Freundinnen bewohnten, nach dem Mittagbrot, zu Kiner Zeit, da alle der Ruhe pflegen durften.
Eine drückende Hitze Herrschte, es roch nach verbranntem Haar und einem Parfüm, das Lisbeth trotz des Verbots ton Fräulein Möller doch immer lvieder benutzte.
Helene hockte im ineißett Unterrock und geöffneter Bluse auf
dem Rande ihres Bettes, das dem Lisbeths gegenüber stand, nit8 ihre schräg stehenden träumerischen Kinderangen hingen an den? Gesicht der Freundin im Spiegel.
„Wie du wieder sprichst, Lisbeth. Als ob du seit zehn Jährest den Männerfang betreiben möchtest. Und dabei hast du noch nicht einen einzigen gekriegt!" setzte sie mit ganz unbewußter! Bosheit hinzu.
Lisbeth antwortete nicht gleich, sie war gerade damit beschäftigt, die eine Hälfte ihres mit der Brennschere gewellten Haares in eilten! lockeren Bausch über Stirn und Schläfen zu legen. Erst als ihr dies nach Wunsch gelnngeit war, sagte sie, sich im Stuhl zurücklehnend und sich aufmerksam im Spiegel musternd:
„Daß ich Espach bekomme, ivenn ich ernstlich will, darauf kannst du Gift nehmen, aber nur deshalb werd ichs erreichen, weil ich mich kühl zurückgehalten habe — ich habe ihn wohl eben so lieb als du deinen Hans, aber ich will geheiratet sein."
Sie drückte energisch ihren Kopf in den Nacken und schob ihr kräftiges Kinn dabei etwas vor, wobei sie selbstbewußt lachte und ihre festen, großen, weißen Zähne zeigte.
„Heiraten tut Hans mich ja doch nicht!" murmelte Helene, den Blick senkend, weil ihre Augen sich mit Tränen füllten, die sie tapfer niederzukämpfen suchte, „er sagt, es ginge nicht des Geldes wegen, und ich sehr ja auch ein — aber manchmal denke ich doch, wenn er mich so liebte wie ich ihn, würde er doch eist Mittel ersinnen, mich heiraten zu können, es kommt doch oft tot, daß Männer Rang und Stellung hinwerfen für eine Fran —< mit ihr entfliehen —"
„Wenn er ober sie viel Geld hat," fiel die praktische Lisbeth ein, „dann geht alles, aber soll dein HanS vielleicht Kellner in Amerika tverden?" Sie trug gleich krasse Farben auf. „Daß er dazu keine Lust verspüren! würde um den Preis, dich entführest zu können, ist ihm doch nicht zu verdenken — und was sollte e# sonst werden? Vielleicht Buchhalter in Eurer Fabrik?"
„Hör auf!"
Helene schrie es fast auf und griff sich mit den Händen ftst die Ohre», als wolle sie sich taub machen. Sie dachte au die .schmutzige, verräucherte Nägelfabrik in Barmen, an die kahlen Kondorstichetk, deren Fenster auf den Hof hinausgiugen — sie. sah die blassen Gesichter hinter den trüben Scheiben, sah ihres Vaters gebeugte, nachlässig gekleidete Gest-alt und die ewig abgehetzte Mutter, die nicht fähig war, Ordnung und Sauberkeit ist dem großen Haushalt und unter der zahlreichen Kinderschar zu erhalten, und sie sah daneben den Geliebten, den vor nehmet eleganten Offizier, an dem immer alles so tadellos sauber, so. bis inS Kleinste hinein korrekt und sorgfältig gepflegt aussah, gleichviel, ob er in Uniform säbel rasselnd durch die Straßen schritt oder im schlichten Zivilanzug am Gartenzauu auf sie wartete..
Sie empfand einen ungeheuren Schmerz 6ei der Vorstellung, er könne ihretwegen sein glänzendes LeutnautSlebeu gegen das eines air Kontor und Fabrikhof gebannten Kaufmanns eintauscheu,
„ES ist unmöglich!" Ein- Schütteln ging durch ihre junge Gestalt.
„Nun, wenigstens versuchen wRrde ichS mal, seine KMM«


