Ausgabe 
7.10.1909
 
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koch "einen Einheitsbegriff bildete, wettn auch die späteren Spal- lungtit ans dem ArtikelHessen"" schott erkenntkich sind. Er kantet:Hessen, Landgraftschaft im oberrheinischen' Kreise, die gegen Morden an das. Stift Paderborn und das Herzogthüm Braunschweig, gegen Osten an das Eisfeld und Thüringen, gegen Süden an das fuldische Land und die Wetterau, und gegen1 Westen an Nassau, Wittgenstein und Waldeck grenzt."" Man sieht, welch weites Land sich damals noch in die Grenzen Hessens einschloß. Und man erkennt 'die Bedeutung umsomehr, wenn man von kleinsten Ländchen erzählen hört, etwa von Erbach oder Isenburg. Ta wird z. B. von Erbach berichtet: Erpach, Reichs­grafschaft auf dem Odenwalde1, hat auf 24 000 Einwohner usw. UfttM oder von Isenburg: Grafschaft in der .Wetterau, enthält 3035 000 Menschen und ist meistens reformiert usw. Solche Staaten unterster Ordnung, kleiner wie das bescheidenste Kreisamt heute zu sein Pflegt, lagen noch innerhalb hessischer Grenzen. Ihre Grafen und Fürsten verfügten über die Macht, die allen­falls heute ein Kreisrat besitzt. Schade, daß unsere Ouelle nichts über die Größe und Einwohnerzahl des alten Hessen zu sagen hat, der Vergleich ist so nicht durchzuführen.

Sehen wir statt dessen zu, was wir noch über Landesbeschaffen- hcit des Staates aus dem alten Buch erfahren :Es ist größten- theils ein bergisches und waldiges Land, hat aber auch angenehme Thäler, hin und wieder fruchtbare Aecker und gute Wiesen, in unterschiedlichen Gegenden guten Weinwuchs und beträchtliche Mineralien, auch heilsame Bäder und Gesundbrunnen."" Tie Schilderung ist nicht eben erbaulich, Hessen verfügt zwar auch heute noch über reiche Wälder, will aber doch in zweiter Linie ein gutes Ackerbauland fein, das nicht nurhin und wieder"" über fruchtbare Aecker verfügt. Allerdings verstehen wir die Sprache des Lexikons schon besser, wenn wir daran zurückdenken, daß gerade über Hessen die Kriegsfackel in den voranfgegangenen Jähr- zehutett oft genug schaurig flammte.

Von Industrie und Gewerbe wird nichts erwähnt. Ta fich das Buch durch manche Feststellung als sehr verläßlich erwiesen hat, kann angenommen werden, daß in der Tat auf diesen Gebieten! damals in Hessen nichts belangreiches geleistet wurde. Eigent­liche Industriegebiete gab es damals ja überhaupt kaum im Reiche. Der niederrheinische Bezirk lag in den Wehen des Werdens; einzig der sächsische hatte schon Klang. Hessen aber hat bis aus den heutigen Tag (von einigen Städten und ihrem Umland ab­gesehen) nicht den Anspruch auf industrielle Bedeutung erhoben.

Umsomehr suchte es in den Städten die Wurzeln seiner" Kultur. Manches ehrwürdige Städtebild hat sich, wie wir wissen, bis heute erhalten, manches aus interessantem Städtewesen spiegelt sich in den Zeilen des alten Bandes, lieber Gieße n allerdings weiß das Buch nicht eben Piel zu berichten:Wohlbefestigte Stadt und Amt in Oberhessen, nebst einem alten Schloß und einer lutherischen Universität, welche 1607 gestiftet worden. Sie ge­hört dem Landgrafen von Hessen-Tarmstadt und liegt 6 Meilen von Frankfurt. Man findet allda ein Zeughaus, ein ansehnliches Universitätskollegium, ein Pädagogium, ferner die fürstliche Tarin- städtische Regierung von Oberhessen und das Konsistorium mit einem Superintendenten. 1759 ward diese Stadt von französischen Truppen besetzt."" Tas ist alles! Nichts z. B. von Einwohnerzahl und Zahl der Häuser. Eins von beiden ist aber bei jeder halbwegs bedeutenden Stadt stets vermerkt. Tas Fehlen läßt auf den bescheidensten Umfang schließen. Wenigstens nach heu­tigem Begriffe! Tenn in diesen Tagen hatte selbst Tarmstadt nur"" 3000 Einwohner. Aber die Zahl ist ja nicht immer! maßgebend, die Qualität muß mehr gelten.

Aus der Umgegend der oberhessischen Hauptstadt verzeichnet das Lexikon getreulich alle einigermaßen namhaften Städtlein und Flecken, so Groß-Linden, Ällendorf, Staufenberg, Butzbach, ohne allerdings mehr als die geographische Orientierung zu geben. .Nur Grüningen macht eine Ausnahme, die für die damalige Zeit recht charakteristisch, ist:Liegt in der Grafschaft Solms. Jetzt ganz fürstlich, da sonst die eine Hälfte stoll- bergisch war.""

Aus dem weiteren Umlande Gießens ragte Ende des 18. Jahr­hunderts vor allem die alte Reichsstadt Friedberg hervor, lieber sie wird erzählt:Friedberg, evangelische stehe Reichs­stadt. Hier ist das feste Bergschloß, oder die außer der Stadt belesene alte Burg zu besehen. Von denselben rührt die yan- erbschaftliche kaiserl. und des heil. röm. Reichs Burg Friedberg her. Die Glieder derselben heißen Burgmänner, und sind von giitcnt Adel. Kaiser Carl IV. verpfändete diese Stadt 1349 für 10 000 fl., welche Pfandschast in späteren Jahren "an die Burg von Friedberg iam, weswegen, die Stadt jedem neu erwählter« Burggrafen huldigen muß. Tie Einkünfte der Burg belaufen sich auf 20 Ö00 fl., wovon der Burggraf 6000 st. als Besoldung zieht. . . uswc""

Ein Geringes von Industrie verrät die Beschreibung von Büdingen: . . .Hauptstadt in der Grafschaft Oberysmburg. Es ist hier ein Residenzschloß, an demselben steht das Waisen­haus, darinnen eine Zeugfabrik ist. Tas Seminarium oder die Freyschüle ist 1606 angelegt Nicht weit davon am Büdinger Walde findet man ein Salzwerk."" Lauterbach,dem Frey- tzerrtt von Riedesel gehörig"", war sogar Handelsstadt:Hier wird ein großer Handel mit (einen Garn und Tuch getrieben." Alsfeld wird nur ganz kurz erwähnt.

Tue Landeshaüptstädt, auch damals bereits Sitz von Re­gierung ttnd Fürst war noch recht bescheiden und wenig vvn den anderen kleinen Städten und Residenzen verschieden. Es heißt in unserer Quelle: Tarmstadt landgräfl. heßische Residenz­stadt, evangelisch-lutherischer Religion in der oberen Grasschaft Katzenellnbogen, zn Ende der Bergstraße. Merkwürdig sind die dreh verschiedenen Schloßgebäude, das Prächtige HauS des Land- ßraseiis Ludwig VIII. Das fürstliches Betzräbuißgcwölbe in den Schloßkirche usw. Außerhalb den Vorstädten steht aiich ein Waisen­haus. Man zählt über 9000 Einwohner."" Offenbach war zwar tto'ch ein Flecken, hatte aber schon die Anfänge seiner zu­künftigen Industrie auszuweisen: Aus dem! dasigen (sic!) Schloß, residierten die 1718 ausgestorbenen Grafen von Wenburg-Offeiy- bach. Es ist hier eine , deutsch- und eine französisch-reformierte Kirche (Emigranten! Genau, wie in dem nahen Hanau. Ter Vers), auch eine lutherische, ingleichen eine Judenschule. Man findet auch da eine Porcellaiu- und andere Fabriken.""

Mainz, die an Bewohnern reichst« Stadt des Großherzog­tums, war (Silbe des 18. Jahrhunderts gleichfalls sehr bedeu­tend, wenn auch noch selbständiger Bischofssitz, also nicht zn Hessen zählend:Sie ist alt, groß und volkreich (wieviel Ein­wohner wird nicht verraten; der Vers), aber die meisten Gassen sind eilige und wmklich. Unter den Häusern erblicket man hin und wieder auch ansehnliche Paliäste. Tie Festungswerke sind wichtig .... Tie Universität ist 1477 gestiftet, und 1746 mit neuen Privilegien, ingleichen mit einer schönen Bibliothek, bota­nischem Garten und anatomischem Theater versehen worden. Ter 1763 verstorbene Churfürst, Johattn Friedrich Carl, hat auch Maynz zu. einem beträchtlichen Handelsplatz machen lassen, wo­von die Oster- und Augustmesse herrühren. Die Schiffsbrücke über den Rhein ist 2100 Schuhe läng."" (Folgen historische Taten.) Tie Beschreibung ist die längste, die von irgend einer Stadt des Heutigen Großherzogtums gegeben wird. Ihr nahe kommt nur noch diejenige von W o r m s, wo namentlich alle Luther- Erinnerungcn breiten Boden finden:Sie ist zwar nach der französischen Verwüstung von 1689 wieder gut aufgebaut worden, es gießt aber noch manche wüste Plätze, oder höchstens Obst- und Weingärten, wo vormals Gebäude standen. Man rechnet gegenwärtig ohngefähr 700 Häuser und 6000 Einwohner. Ter Magistrat und viele Bürger sind evangelisch, und hat sie mit dem Bischof, welchem der Rath jährlich schwören muß, wegen ihrer Freiheiten öfters große Schwierigkeiten gehabt nsw.""

Originell ist der Bericht über einen Brauch' in Alzey:Tie Keßler und Kupferschmiede haben hier viele Vorrechte und kommen an einem" gewißen Tag aus Schwaben, Franken, Elsaß usw. zu­sammen, weiches des Kalt-Kupferschmiede-Handwerks Altzeyer Tag genennet wird."" (Also eine Art neuzeitlichen Kongresses!)

Alle diese Städte und Orte haben in den kommenden 100 Jahren ein starkes, wenn auch keineswegs gleichmäßiges Wachs­tum erlebt. Eine aus der unmittelbaren Nähe Gießens aber, das heute preußische M etzInt, blieb stark zurück, zählte es doch damals weit über 8000 Einwohner. Heute muß diese Stadt von alter Reichsstadt- und Reichskämmergerichtsherrlichkeit zehren.

So wandeln sich die Zeiten und mit ihnen die Wohnsitze der Menschen in einer geschichtlich kürzen Zeitspanne.

AZber öa§ gliegen.

Von Hans Thoma.

Künstler und Spiritisten haben von jeher viel über das Fliegen durch den Raum nachgedacht. Tie Aviatiker haben das Rätsel ans ihre Weise gelöst. Trotz aller scheinbaren Unterschiede handelt es sich bei allen um eine Ueberwindnng der Erdenschwere. Tie Propeller, die künstlerische Phantasie und die Fernwirkungen der Fakire sind Resultate ein und derselben mystischen Sehnsucht, Befreiung von der Schwerkraft. In seiner launig stillen Art plaudert Hans Thoma in der soeben erschienenen ersten Nummer des. neuen Jahrgangs vonlieber Land und Meer"" (Chefredakteur Dr. Rudolf Presber, Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) über das Fliegen der Menschen im Traum und im Leben:Den Traum vom Fliegen haben alle die schon gehabt, die ich darüber gesprochen habe, sic alle wissen, was und wie das Fliegen ist. Das Fliegen gehört zn den schönen Träumen, es kommt einem so natürlich vor, daß mau denkt, warum habe ich es nicht schon lange probiert es ist ja so leicht man braucht nur beide Füße zugleich in die Höhe lzu heben;- msiit tättni so in einer fast sitzenden Stellung, die Beine nach vorne, durch den Raum schweben, auch! in stehender Stellung. Doch am schönsten ist es aber, wenn man die Beine rückwärts streckt, wie es die Störche machen. Tie Hauptsache ist, die Füße von der Erde losmachen. Ich habe vom Fliegen schon so lebhaft geträumt, daß ich noch während des Auf­wachens mir sagte: Jetzt kann ich es aber wirklich! Natür­lich lag ich aber, als meine sämtlichen Sinne erwachten, gleich darauf schwer in beit Federn. Ich möchte dieses Träumen gar nicht erzählen, wenn ich nicht wüßte, daß, andere Menschen diese Zu­stände auch kennen und wenn nicht die Erfindung beS Luft­schiffes und der Flugmaschine die Menschheit gegenwärtig wieder einmal recht stark bewegte. Wir können jetzt fliegen! das klang aus allein Jubel heraus nicht etwa Zeppelin kann fliegen. Denn der Traum vom Fliegen, diese Seelenkraft, ist zu einer schöpferischen Geisteskraft geworden; wie alles kühne Wagen