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Mädchens fahren, eine undeutliche Entschuldigung niur- nielnd. Er sah sich um.
„Pardon, gnädiges Fräulein, wir sind zu weit gegangen! An Ihrem Hause sind wir längst vorbei, wir müssen nmkehren.
„Ach so!" Sie lächelte ihn an, noch Tränen in den Wimpern.
Sie schritten zurück, aber setzt rascher; sie sprachen auch nicht mehr miteinander, der Wind war ihnen nun entgegen und fächelte schärfer Neldas heißes Gesicht. Sie weinte nicht mehr, im Gegenteil, ein glücklicher erwartungsvoller Glanz lag auf ihren Zügen.
„Gute Nacht," sagte sie lächelnd an der Haustür. „Gute nacht — auf Wiedersehn!"
„Gute Nacht!"
Er verbeugte sich tief, ohne ihre Hand zu nehmen, dann trat er zurück.
Einen Augenblick hielt sie noch zögernd die Klinke — sie horchte auf seine sich entfernenden Schritte. Nun waren sie verklungen. „Auf Wiedersehen," murmelte Nelda, kaum die Lippen bewegend; dann schloß sie die Tür.
Drinnen int Flur eine erbärmliche Beleuchtung. Auf der untersten Treppenstufe stand die kleine Küchenlampe, tief niedergeschraubt, und verbreitete einen durchdringenden Petroleumgeruch. Die Eltern schienen bereits zu Bett, ebenso die Magd. War's denn schon so spät?! Nelda nahm die Lampe und stieg die Treppe hinauf.
Eben jetzt öffnete sich im ersten Stock die Schlafzimmertür, und Frau Tallmers kleines vergrämtes Gesicht mit dem spitzen Näschen unter der weißen Nachtmütze guckte heraus.
„Nelda, bist dn's? Wir sind schon zu Bett gegangen, der Papa fühlte sich heut abend so schwach. Auch die Lena schläft, sie hat morgen die große Scheuerei. War's hübsch bei Lylanders? Was habt ihr gegessen? Hast du die Haustür auch zugeschlofsen?"
„Es war sehr hübsch, Mama!"
„Hast du die Haustür auch wirklich ordentlich zn- gemacht?"
„Ja, ja!"
„Und laß die Lampe nicht so lang mehr brennen, das Petroleum ist haarsträubend teuei’, dreißig Pfennig das Liier! Hörst du? Tu nicht, als ob wir's so könnten! Ach Gott ja, wenn dn — war sonst niemand bei Xylcmders, kein Bekannter von ihm?"
„Gute Nacht, Mama!"
Hastig stieg Nelda die zweite Treppe hinan; sie antwortete nicht mehr, ihr Herz klopfte. Oben in ihrem Giebelstübchen setzte sie die Lampe auf den kleinen Tisch am Bett und ließ sich schwer auf den Stuhl daneben fallen. Wie im Traum streifte sie das Kleid ab und zog die Nadeln aus deut Haar: lang und dicht fiel es ihr um die nackten Schultern. Zerstreut zog sie das Ende einer Strähne durch die Finger, ihre Augen starrten wie gebannt in den flimmernden Lichtkreis ‘bet kleinen Lampe. An was dachte sie? Sie wußte es selbst nicht. Es wogte in ihr auf und ab, es sprühte Tropfen und zog wirbelnde Kreise, wie Wasser, itt das man jäh einen Stein geworfen.
So saß sie lange.
Dann trat sie vor den Spiegel und blickte lange unbeweglich mit weitgeöffneten Augen hinein.
„Bin ich das?" fragte sie langsam und laut, und eine glühende Blutwelle schoß ihr in die Wangen. Sie schloß die Augen halb und lächelte. „Ich glaube, er mag mich — ja, ja!" Sie nickte dem Bild int Spiegel zu. „Ja, du, ja!"
Ein plötzliches Knistern in der Zimmerecke ließ sie zil- sammenfahren; zwischen Tapete und Mauer rieselte Mörtel herunter, aber sie erschrak. „Dummheit!" Mit einem Ruck schleuderte sie die Röcke von sich und sprang ins Bett. Ta saß sie halbanfgerichtet und flocht das lange Haar in einen Zopf für die Nacht; sie sah ans wie ein Kind mit der hängenden Flechte und den schlanken Armen. Sie verschränkte sie hinterm Kopf und lag dann regungslos ausgestreckt. Eine Stunde verging, die Lampe schwelte, der Docht begann zu verkohlen; mit großen verträumten Augen blickte sie aus einen Punkt. Die weiße Brust hob und senkte sich in kräftigen Atemzügen; es war Nelda unendlich wohl.
Mit einem häßlich qualmenden Dunst erlosch die Lampe. Sie merkte es nicht. Sie lag mit offenen Augen im Dunklen;
endlich wurden ihr die Lider schwer, ihre Gedanken verwirrten sich.
„Ob er wohl — an — mich — denkt--armer -
— — Sinzdorf — morgen — auf Wiedersehn — auf W--"
Die Zunge gehorchte nicht mehr, der Traum kam und jagte bunte Bilderreihen vorüber. Und alles wob sich um1 eine Gestalt.
VI.
Leutnant von Ramer war in schlechter Laune ansge- wacht. Er hatte die Nacht wenig geschlafen — die materiellen Genüsse gestern bei Lylanders konnten unmöglich die Schuld tragen — erst gegen Morgen ivar eilte bleischwere Ruhe über ihn gekommen. Nun mußte er aufstehen, der Zug nach Sinzdorf ging um zehn. Unmutig fuhr er den Burschen an, der die Läden öffnete.
„Der Herr Leitnant müssen nu ufstehn!" Der biedre Gottlieb Schmitz trappste mit knarrenden Stiefeln Über die Diele. „Et is schon h so spät!"
„Ja, ja — trampeln Sie nicht so, Schmitz! Es ist gräßlich!"
„Zn Befehl, Herr Leitnant!"
Auf den Spitzen seiner ungeheuren Rindsledernen wie eine Sylphide schwebend, mühte sich der Biedere zur Tür hinaus. Er kannte beit Ton — ja, das war immer so, wenn der Herr Leutnant nach Sinzdorf machte! Da mußt er wohl en. Schatz haben, der untreu war!
„Opla!" sagte Schmitz, als er in der Wohnstube das Spiritusflämmchen unter der Kaffeemaschine anzündete. „Gottlieb, mein Junge, ärger du dich uit, wann dein Leitnant schlechter Saun is; drück als en Ang' zu! Ke Wunder, er hat en untreuen Schatz! O Jesses!"
Ein untreuer Schatz war für Gottlieb Schmitz das Furchtbarste auf. der Welt. Seit Hauptmann Xylcmders Settchen ihm nach achttägiger Bekanntschaft die Treue gebrochen und dem langen Flügelmann von der Kompagnie die frische Wurst von zuhause zugewendet, kannte er sich mit untreuen Schätzen aus. Er hätte jeder Weiblichkeit ab- geschworen.
„So," — er blies die Flamme aus und tat einen derben Zug aus der Kaffeekanne — „heiß, awer gud! Nu kann er kommen! Ja, wann ich uit wär! En Mutter sorgt nit besser sor ihr Kind!"
Ganz gerührt goß er noch einen Schwurr Wasser in die Kanne;"es reichte sonst nicht mehr für zwei Tassen.
(Fortsetzung folgt.)
Vsr hrmimL Jahren im heßeÄMde
Von E r i ch F e 1 dha u S.
Ins Land von gestern zurück führt eins von den wenigen Büchern, die trocken! und nüchtern bat Zeitgenossen erzählen, wie es einst um Deutschland stand. „Hübuer's Staats-, Zeitmigs- und Konversationslexikon" heißt das heute seltene Buch, bessert reicher Inhalt, trotz mangelnder Verkehrsgelegenheit sorgfältig znsnmmengrtragen, mehr zu erzählen weiß aus den Zeiten um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, als große Geschichts- werke vermögen. Ter oft weitschweifige, heute seltsam genug anmutener Text des dicken Bandes plaudert von^Deutschland und den .Einzelstaaten, wie das Reich in zehn „Kreise" eingetcikt war, die abermals aus Dutzenden verschiedenster Herrschaften zu saMMengesetzt, eine Landkarte ergaben, fleckenreicher als das Kleid eines Bettlers. Und ein armes Land war ja allerdings dieses Deutschland von 1798. Noch waren die Wirkungen der lernen Kriege nicht überwimdcit, noch tobten bedenklich scharfe konfessionelle Zwistigkeiten, die sich, sonderbar genug, in. den Zeiten des Lexikons deutlich wiederspiegeln. , J
Was wir im Einzelnen ans den tausenden kleiner Artikel anführen wollen, um damit einen Vergleich mit dem „Heute zu ermöglichen, wird sich im allgemeinen auf das Gebiet des heutigen G r o ß h e r z a g t u m s Hesse n beschränken. Er» schreckend ist das Bild der Kleinstaaterei, wenn nur den Artikel „Oberrheinischer Kreis", zu dem. ja auch Hessen rechnete, nach- schlagen. Da heißt es n. n.: „Zn ihm gehören Hessen, die Wett er an, die Stifter Fulda, Worms, Speyer, Straßburg und Basel, der Johannitermeister, die gewesenen Reichst städte im Elsaß, das Westrei.ch, Lothringen, Savoyen, die rheinischen Prälaten, das Herzogtum Zweybrücken, die Grafschaften Sponheim, Saarbrücken, Falkenstein uub Leiningen, die Länder der Fürsten von Nassau, die Grafschaften Solms, Hanau, Isenburg, Sayn, Wied, Wittgenstein, Hatzfeld und Waldeck, und die Reichsstädte Frankfurt am Mahn, Friedberg, Speyer, Worms, Wetzlar und Gelliehausen." Fürwahr — ein buntes, fast wirres Bild! Uub dabei bedenke mgn, daß Hessen damals


