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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Vie big.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Hinter dein jungen Paar schloß sich die Tür des Xylan- derschen Hauses. Sie schritten über die einsame Chaussee. Sie gingen sehr langsam. Es war noch nicht spät, aber hier draußen alles wie ausgestorben. Ein lauer Windzug striche durch die Nacht, ein warm treibender Hauch war darin, der an Frühling mahnte. Schloß man hie Augen und ließ die Luft um die Schläfe fächeln, konnte man wähnen, die Büsche am Wege Zeigten schüchternes Grün; gleich würde Amselruf ertönen und Froschgeguarr aus dem Graben.
Nelda fühlte Frühlingsahnung; sie sagte sich nicht: viel zu früh! Sie ließ die unbehandschuhten Hände von der milden Luft bestreichen, das leichte Kopftuch hing ihr halb im Nacken, den Regenmantel hatte sie nicht zugeknöpft. Sie sagte nichts; ihr Gesicht schimmerte weiß im Sternenlicht, die Lippen hielt sie lächelnd geöffnet. Sie sah so froh aus, so jung. Ihr Begleiter schaute sie von der Seite an; sie mußte wohl seinen Blick fühlen, denn sie drehte ihm auf einmal das volle Gesicht zu.
„Nun, ist's nicht schön? Sind Sie froh? !"
Er vermied ihren Blick und starrte auf seine Stiefel- spitzen nieder.
„Ich verreise morgen!"
Die Antwort war merkwürdig unvermittelt.
„Sie verreisen? Ach, wohin denn?"
„Zu meiner Mutter. Sie ist in Sinzdorf bei Bonn." „So — also nach Siuzdorf! Wohnt Ihre Frau Mutter da?"
„Sie ist in der Irrenanstalt."
„O mein Gott!"
Es war Nelda herausgefahren mit einem tiefen Schrecken, ihr fröhliches Gesicht wurde plötzlich ernst.
„Ja," sagte er eintönig, wie man eine gut gelernte Lektion hersagt. „Sie hat das Unglück, das über unsre Familie hereingebrochen ist, nicht ertragen. Ich setze voraus, gnädiges Fräulein, daß auch Ihnen nicht unbekannt ist, was sich die Spatzen auf den Dächern zupfeifen. Mein Pater war — es ist zu schrecklich für den Sohn, das harte Wort auszusprechen! — ein Ehrloser. Wissen Sie, was das heißt?! Er hat uns nichts hinterlassen als einen Namen, den zu tragen ein Fluch! ist. Die Menschen weisen mit Fingern auf diesen Namen, und wo sie's nicht tun — aus Mitleid ! — wenden sie sich Weg und zucken die Achseln Noch schlimmer! Meine Mutter hat es nicht ertragen, ihr Verstand ist darüber in die Brüche gegangen. Da sitzt sie in Sinzdorf und denkt, sie sei die Kaiserin von Deutschland, putzt sich und behängt ihren armen Leib mit Lappen Und hält den Kopf hoch, damit ja die Krone nicht herunter falle. Meine arme bescheidene Mutter! Sie lacht und
lacht — die Wärterinnen tun ihr den Gefallen und reden sie „Majestät" an — sie ist dann sehr huldvoll und knixt und lacht und lacht und knixt —"
„Hören Sie auf!"
Nelda krampfte ihre Hand um die seine und zwang ihn so, still zu stehen. „Sagen Sie's nicht so eintönig, so furchtbar! Ich — ich kann es nicht hören!" Ihre Lippen zuckten.
Er stöhnte tief. „Oh, das ist noch nicht das Schlimmste!"
Er riß sich los von ihrer Hand und eilte beschleunigten Schrittes weiter, seine Stimme war nicht mehr tonlos, sondern leidenschaftlich erregt.
„Sie ist tot für die Welt. Aber ich, ich muß darin leben! Zwischen Kameraden sein, deren Ehre keinen Fleck hat! Ich muß den Namen tragen, den —' Ich darf an nichts denken, was einen anderen glücklich macht. Karriere, Familie, Liebe, Brai'.t, Frau — — alles aus!"
Seine Stimme sank, bis sie tonlos war ivie zu Anfang; es hatte ihn doch übermannt. Er hatte es ihr sagen wollen, schonungslos, aber ruhig; nun hatte er etwas heraufbeschworen, was ihn selbst aus der Fassung brachte, er war nicht mehr Herr über sich. Er fühlte, lute seine Stimme versagte und sein Herz pochte. Es flimmerte ihm vor den Blicken. Neldas Augen waren fest auf ihn gerichtet, groß und schwimmend; nun löste sich langsam eine Träne nach der andern unter ihren Wimpern.
„Sie weinen —?! Fräulein Nelda!"
Sie blieb stehen, er hielt ihre Hände; ein seltsames Wohlgefühl lief ihm durch die Glieder.
„Armer — armer —!" Sie schluchzte laut.
„Sie weinen um mich?!" Unwillkürlich flüsterte er. „Sie liebes gutes Mädchen, ich danke Ihnen! So kann ich doch sagen," setzte er noch leiser hinzu, „es hat auch einmal jemand um mich geweint!----Fräulein Nelda, weinen
Sie wirklich um mich?"
„Ja, um Sie!"
Sie hob das tränenüberströmte Gesicht mit einem innigen Ausdruck zu ihm auf. „Sie tun mir so schrecklich leid! Wenn ich Ihnen doch helfen könnte! Ach, ich bin so traurig! Ich muß die ganze Nacht dran denken und noch viel, viel länger! Es ist zu schrecklich — Ihre arme Mutter — und Sie! O was gäb' ich drum, könnt ich Ihnen helfen!"
„Fräulein Nelda!"
Er konnte nicht anders, er mußte ihre Hände an die Lippen führen, eine nach der andern. Ihre Dränen taten ihm so wohl, wie der Regen einem verkümmerten Saatfeld. Freilich war's ihm, als sagte ihm die innere Stimmer d!ui hast deine Sache nicht gut gemacht; warum hast du ihr eigentlich all das erzählt? Nicht um ihre Dränen fließen zu machen und ihr dann die Hände zu küssen und auf der einsamen Chaussee still zu stehen und in überströmende Mädchenaugen zu blicken! Du wolltest doch sagen: geh weg! —s und du sagst: komm her!----
Rainer schreckte zusammen und lreß die Hande, des.


