Ausgabe 
7.7.1909
 
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Ballons, welche registrierende Instrumente tragen und daher ohne Bemannung bis zu den höchsten erreichbaren Höhen (noch übe« 20 Km.) hiuanfgesandt werden können. In einer bestimmten Höhe platzen in der Regel diese Ballons und ihre Apparate werden durch eine Fnllschirmvorrichtung die zerrissene Hülle hält vielfach den Fall schon genügend auf unversehrt zur Erde befördert. Man ist daraus angewiesen, das; diese Ballons gesunden und, entsprechend einer sichtbar an ihnen angebrachten Anweisung, in der auch eine Belohnung für unbeschädigte Ablieferung der Apparate ausgesetzt ist, dem betreffenden Institut, zugesandt werden. Ihn von den vielen durch diese Art der meteorologischen Forschungs- fahrten gefundenen Ergebnissen daS wichtigste und überraschendste mitzuteilcn, bemerke ich, daß diese Ballons, zuerst die französischen von Teisserenc de Bort in Paris, in Höhen von 1015 Km. eine relativ warme Luftschicht angetroffen haben, von deren Existenz mau seither feine Ahnung halte und für die auch noch keine volle Erklärung gefunden worden ist.

In dritter Linie kommt, erst seit 1900, die Erforschung des Lustmeeres mittels Drachen für die Meteorologie in Frage. Es ist gelungen, Kastendrachen zu konstruieren, die bei günstigem Wind Registrierinstrumente bis 6000 Meter zn heben vermögen. Diese Drachenmeteorologie hat sich in unseren Tagen ganz besonders entwickelt, da sie mit beit geringsten Kosten verbunden ist und außerdem die Angaben der Jnstrimtente infolge der natürlichen Ventilation besonders exakt sind. Man hat sogar richtige Drachen- observatorien errichtet, die fortlaufend Drachenaüsstiege unter» nehmen. So ist bekannt die Reichsdrachenstation in Friedrichs­hafen, die Station in Lindenberg bei Berlin und die leider jetzt, wegen der Kolifsionsgefahr mit den Drähten der tzochspannungs- leitungen, aufgehobene Drachenstation der deutschen Seewarte in Hamburg. Man muß derartige 'Institute möglichst entfernt von Großstädten errichten, denn im Falle des Abreißens der Drachen, was bei starkem Wind, den der Drachen Plötzlich in größeren! Höhen antrifst, leicht möglich ist, legen sich die viele Kilometer langen Drähte über die Hochspannnngsleitungen, besonders der elektrischen Straßenbahnen, nud rufen störenden Kurzschluß hervor. So hat man auch das Berliner Observatorium fetzt nach Linden­berg verlegt; Professor Aßmann, Direktor des dortigen aeronan- tischen Instituts, hatte früher aus erwähnten Gründen manchen Prozeß mit der Berliner Straßenbahn zu führen. Reben den Drachen werden von den aeronautischen Instituten auch noch Fessel­ballons zu Ausstiegen verwandt.

Roch eine fünfte Art der Erforschung der höheren Luft­schichten sei hier erwähnt, unsere Hochobservatorien, wie Mont- blank, Säntis, Sonnblick, Zugspitze u. v. a. So arbeiten, wie wir gesehen haben, Rundballon, Ballon sonde, Drachen, Fessel­ballon und Hochobservatorium unentwegt an der Erforschung der freien Atmosphäre und ihren Beobachtungen haben wir schon manchen Einblick in die ungemein verwickelten meteorologischen! Vorgänge int Lnstmeer zn verdanken; sie haben, neben freut telegraphischen europäischen Witterungsdienst, es möglich gemacht, schon jetzt der lenkbaren Lnstschisfahrt, die von Wind und Wetter vorderhand nur zu sehr abhängig ist, ratend zur Seite zu stehen. Es findet kein Ausstieg eines lenkbaren Luftschiffes statt, ohne daß fein Steuermann die Wetterkarte und die Berichte der Drachen-, statioiten studiert hat, denn welche Zerstörung eine an sich ganz harmlose Gewitterböe dem modernen Lenkluftschiff bringen kann, hat der Tag von Echterdingen zur Genüge bewiesen. Gerade jetzt, wo in Kürze die große internationale Lnstschiffahrtsausstellung in Frankfurt a. M. eröffnet wird, .sei darauf hiugewiesen, daß. man nach menschlichem Ermessen alles getan hat, um, gestützt auf die exatten meteorologischen Beobachtungen Hunderter von Stationen, derartige Katastrophen zu verhindern. Der meteoro­logische Sicherheitsdienst liegt in den Händen der dortigen Wetter- dienststelle, der während der Ausstellungszeit ein engmaschiges Retz von Beobachtungsstationen zur Verfügung steht, die über bemerkenswerte meteorologische Erscheinungen sofort telegraphische Meldungen senden. Dazu steht fortlaufend das gesamte Beobach- lungsmaterial unserer Hoch- und Drachenstationen zur Verfügung. Das größte Interesse beaitsprucht die Vorhersage der Wind-Ge­schwindigkeit, da bei einer Geschwindigkeit von mehr als 15 m.-sek. kein Luftschiff mehr gegen den Wind anzufahren vermag und sich nicht lange in feinem Kurs halten kann. Sobald Gefahr im Verzug ist, werden die über beit Ausstellungsplatz fahrenden Schiffe durch optische Signale von den bevorstehenden Wetteränderungen unterrichtet, so daß sie rechtzeitig die schützende»' Hallen erreichen können. ----- Sollen die modernen Motorluftschiffe, und das ist ganz sicher, ein allgemeineres Verkehrsmittel als seither werden, so muß in erster Linie der meteorologische Nachrichtendienst viel weiter ansgebant werden. Demi keine Gesellschaft wird die finan- ziellen Schäden, die ihr überraschend eintretenbe Unwetter bringen, auf die Dauer überstehen können. Einen, ich glaube wohl ge­nügenden, Schutz hiergegen, vermag der öffentliche Wetteruach- richteudienst durch besonders für die Luftschisfahrt aufzustellende Prognosen, die auf drahtlosem oder optischem Wege zu übermitteln waren, zu geben, wenn das seitherige auch jetzt schon für

Zwecke der Landwirtschaft unzureichende Wetternachrichten­system wesentlich verbessert würde. So muß vor allem die west­liche Grenze des Nachrichtengebietes ----- Westküste Europas über den atlantischen Ozean bis Nordamerika. geschoben werden. Schon int vorigen Jahre hat man in dieser Hinsicht Versuche an»

gestellt, die ergeben haben, daß eine Uebermittlüng der Wetter­beobachtungen der großen Handelsschiffe auf. funkentelegraphischem Wege durchführbar ist. Die Versuche wurden von dem Ob­servatorium Aachen auf derKaiserin Augusta" ausgeführt.

Ferner müssen noch mehr aeronautische Observatorien errichtet werden, besonders auch an den Westküsten des Erdteils. Ihre Beobachtungen wie die zahlreicher Gipfelstationen müßten regel­mäßig telegraphisch den Dienststellen gemeldet werden. Noch weit größere Summen als seither wird ein solcher Wetterdienst er­fordern, aber die auf dem Spiel stehenden Werte rechtfertigen! die hohen Kosten vollauf.

Mein kleiner Zunge.

Bon Carl E w a l b.*)

T i c Biersuppe u u d Tante Ann a.

Heute gibt cs zu Mittag Biersuppe und Tante Anna. Nutt ist Biersuppe ein schlechtes Gericht, und Tante Anna gehört auch nicht eben zu den leckersten Bissen.

Sie hat gelbe Zähne, einen kleinen Buckel und sehr strenge Augen, die noch dazu nicht beide gleich streng fiitb.. Sie zankt fast ununterbrochen mit uns, und wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, kneift sie uns sogar.

Tas allerschlimmste aber ist, daß sie uns beständig mit gutem Beispiel vorangeht, was uns nach und nach noch dem Bösen! in die Arme treiben kann.

Tante Anna macht sich auch nichts aus Biersuppe. Aber sie ißt sie natürlich mit einem entzückten Gesichtsausdruck und sieht meinen kleinen Jungen ärgerlich au, der nicht einmal den Versuch macht, beit Anstand zu wahren.

Warum ißt der kleine Junge seine ausgezeichnete Biersuppe nicht'?" bemerkt sie darauf.

Ein verächtliches Schweigen.

So eilte vorzügliche Biersuppe. Ich kenne einen armen, unglücklichen Jungen, der ganz unbändig froh wäre, wenn er eine so vorzügliche Biersuppe bekäme."

Mein kleiner Junge sieht sich Tante Anna voller Interesse an, wie sie mit entzücktem Augenanfschlag ihre Biersuppe schlürft, Wo ist er ?" fragt er dann.

Tante Anna tut, als hätte sie die Frage nicht gehört.

Wo ist der arme Junge'?" fragt er wieder.

Ja. . . wo ist er? frage ich.Wie heißt er?"'

Tante Anna wirft mir einen wütenden Blick zu.

Wie heißt er. Taute Anna?" fragt der Junge.Wo wohnt er? Er kann meine Biersuppe gern bekommen."

Meine auch" fagc ich resolut und stoße den Teller von mir..

Tie Augen meines kleinen Jungen sind sehr groß geworden und hängen an Tante Annas Gesicht. Sie hat sich inzwischen wieder erholt.

Es gibt viele arme Jungen, die ihrem Schöpfer, danken wür­den, wenn fie solch gute Biersuppe bekämen", sagte sie.Außer­ordentlich viele, lleberch."

Ja . . . aber so nenn uns doch nur einen, Tante", sage ich.

Mein kleiner Junge ist von feinem Stuhl herabgeglittem Er steht da, das Kinn gerade über dem Tisch, beide Stände um den Teller geschlungen, bereit augenblicklich mit der Biersuppe abzuziehen, hin zu dem armen Jungen, wenn er, bloß seine Adresse erfahren könnte. '

Aber mit Tante Anna ist nicht gut Kirschen essen.

Eine Menge arme Jungen", sagt sie wieder.Hnn der te. Und .darum sollte ein anderer kleiner Junge, den ich nicht nennen will, ober der hier im Zimmer ist, sich schämen, daß eti nicht dankbar für die Biersuppe ist."

Mein kleiner Junge glotzt Tante Anna unverwandt an, wie der Vogel die Schlange. '

Solch eine vorzügliche Biersuppe! Ich muß wirklich noch um einen Teller voll bitten."

Tante Anna schwelgt in ihrem Martyrium..

Mein kleiner Junge steht sprachlos, mit offenem Mund und runden Augen.

Ta schiebe ich meinen Stuhl beiseite, erhebe mich und sage in aufrichtiger Erbitterung:

Hör nun, Tante Anna . . . Tas ist wirklich nicht schön von dir. Wir sitzen hier mit einer Masse Biersuppe, die wir durchaus nicht leiden können, und die wir am liebsten los wären, wenn wir nur jemanden wüßten, der sie haben möchte. Tu bist die einzige, die jemand weiß. Du kennst einen armen Jungen,

*) Alle, die Carl Ewalds BuchMein großes Mädel" er­freut hat, werden auch nach dessen .Seitenftücf:Mein kleiner Junge" (Verlag von Albert Langen, München) greifen. Auch aus diesem Buch weht uns ein Tust von Schönheit, ein frischet; Hauch fröhlich-nachdenklicher Lebensweisheit entgegen, der uns er- guickt und uns Gewinn bringt. Ewald erzählt von den ersten Lebensjahren eines jungen Menschenkindes : der Kinderzeit bis zum Eintritt in die Schule. Kindererziehimg! Endlose Abhand­lungen, zahllose Merke sind darüber geschrieben worden. Hier spricht ein Vater und Poet dazu: die eigene Art, mit der er seinen ^kleinen Jungen" liebevoll betrachtet, zeigen am besten die zwei Stücke, die wir ans seinenErlebnissen" hier wiedergeben.