Ausgabe 
7.7.1909
 
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der vor Vergnügen tanzen würde, wenn er die Biersuppe bekäme. Du kennst Hunderte. Aber du willst uns nicht sagen, wie sie heißen und wo sie wohnen."

Nein . . . weißt du . . ."

lind du selbst sitzt in aller Seelenruhe da und verspeist zwei ganze Portionen, trotzdem bu sehr Wohl weißt, daß du auch noch Eierkuchen bekommst. Das ist wirklich nicht schön von dir, Tante Anna!" ,

Tante Anna ist gelb vor Aerger. Mein kleiner Junge schließt seinen Mund mit einem Schnalzer und sieht mit allen Zeichen des Abscheus auf dies schlechte alte Frauenzimmer.

lind ich wende mich in stillem Aerger zu unsrer Mutter und sage: i f

Nach dem allen wäre es wirklich unpassend, wenn wir hier im Hanse noch öfter Biersuppe bekämen. Wir können sie ittchk ausstehen, und eS gibt Hunderte voll armen Jungen, die sie lieben. Muß sie durchaus gemacht werden, dann mag Tante Anna jeden Dienstag Herkommen und sie holen. Sie weiß ja, wo die armen Jungen wohnen."

Ter Eierkuchen wurde schweigend verzehrt, gleich nachher schüttelte Tante Anna den Staub von ihren Füßen. Sie will heute keinen Kaffee trinken. l :

Als sie draußen auf dem Gang steht und sich in ihre sieben Sachen entwickelt, steigt noch ein letzter Zweifel in der Seele meines kleinen Jungen auf. Ec richtet seine grünen Augen auf ihr Gesicht und flüstert: i

Tante Amur . . . Wo wohnen die Jungen?"

Tante Anna kneift ihn, bekreuzt sich und zieht mit einer größeren Niederlage ab, als sie je wieder gut zu machen vermag,

*

Seine Braut.

Erna ist fünf Jahre alt, mit sehr kleinem, blassem Gesichtchen, wasserblauen Augen und goldenen Locken. Sie ist reich und festlich gekleidet mit breiter, nachlässig geschlungener Schärpe, sein gesticktem Schürzchen, durchbrochenen Strümpfen an den dünnen Beinchen und Lackschuhen. Sie fällt, sobald sie sich in Bewegung seht, denn sie ist nur gewohnt, über Parkettboden und Asphalt Kt schweben.

Ich merke gleich, daß die Augen meines kleinen Jungen ein weibliches Wesen gesehen haben.

Und zwar das weibliche Wesen, das jedem von uns einmal in den Weg tritt und seine Seele verwirrt, . . rauschend von Seide und schön frisiert, die Seele in ihrem Pariser Roben und unser armes Herz unter ihrem Stiefelabsatz.

Jetzt steht es schlecht um Schmira", sage ich zu der Mutter meines kleinen Jungen.

Dieses Mal ist übrigens mein kleiner Junge der überlegene. Er kennt die Wirtschaft in- und auswendig und weiht Erna in alles ein. Reitet er die Pferde in die Schwemme, so zittert sie, hingerissen von feinem Mut und seiner Männlichkeit. Wenn sie Krämpfe kriegt aus Angst vor dem Hahn, ist er bezaubert von ihrer Zimperlichkeit. Er kennt den Weg zur Schutiede, er traut sich, den hohen Abhang hinunterzurutschen, er steht Ritterwacht vor einer gewissen Tür, in die erst jetzt verstehe ich den Grund I ein Herz eingeschnitten ist, und hält ihre lächerlich kleine Jacke.

Eines Vormittags erklärt er sich.

Er und seine Auserwählte sitzen zusammen im Gras. Dicht daneben pflegt Ernas Tante ihre Bleichsucht unter einem roten Sonnenschirm, einen Roman in den dünnen Händen. Oben auf dem Altan sitze ich, wie Gott Vater im Himmel . . . alle sehend und von niemand gesehen.

Du sollst meine Brant sein", sagt mein kleiner' Junge,

Ja", sagt Erna.

Ich habe schon eine Braut in Kopenhagen", sagt er stolz. Sie. heißt Schmira."

Diese Mitteilung setzt den Freier natürlich in klein Ernas Augen keineswegs herab. Aber sie weckt augenblicklich alle sitt­lichen Instinkte der Tante.

Wenn du eine Braut hast, mußt du ihr treu bleiben", sagt sie.

Erna soll meine Braut sein."

Die Tante erhebt ihre Augen gehn Himmel.

Höre, Kind", sagt sie,du bist wirklich ein garstiger Junge.

-Wenn du Schm Schmi dein Wort gegeben hast . . ."

Schmira", sagt der Junge.

Ra, ist das ein komischer Name! Aber, wenn du ihr dein Wort gegeben hast, so mußt du es bis zum Tode halten.! Sonst wirst du niemals, niemals glücklich."

Mein kleiner Junge weiß nichts von alledem und erwidert Ktckts. Erna fängt zu weinen an bei der Aussicht, daß diese gute Partie sich zerschlagen soll. Da beuge ich mich über das Geländer, lüfte meinen Hut und sage:

"R^schM'chen Sie Fräulein . . . waren Sie es nicht, die ihre Verlobung mit dem Herrn Petersen auflöste. . .?"

Go ott. . ."

von dem Apfel und dem Stamm und dergleichen vor sich bi» murmelt. y

Eine Weile später komult mein kleiner Junge zu mir bereut steht da und läßt den Kopf hängen.

Wo ist Erna hin?" frage ich.

Sie darf nicht herauskommen," sagt er verzagt.

Er steckt die Hände in die Taschen und sieht vor sich hiu

Vater. . ." sagt er dann . . .darf man nickt zwei auf einmal gern haben?"

Die Frage kommt mir ganz unerwartet, und ich weift int Augenblick nicht, was ich antworten soll.

Na?" fragt die Mutter meines kleinen Jungen vielsagend von ihrer Zeitung auf.

Und ich ziehe an meiner Weste und zerre an meinem Kragen

Ja", sage ich bestimmt.Man darf es, aber es ist schweiß Es erzeugt Pflichten und Mühen, wie du sie dir gar nicht gius-l malen kannst."

Pause.

Hängst du sehr an Erna?" fragte unsere Mutter.

,, .

Willst du sie heiraten,?"

Ja."

Ich erhebe mich und reibe meine Hände.

Dann ist die Sache ja sehr einfach," sage ich.Wir schreiben Schmira und sagen ihr auf. Etwas andres ist da nicht zu machen. Ich schreibe jetzt. Tann kannst du den Brief selbst dem Postboten übergeben, wenn er am Nachmittag kommt. Willst du meinen Rat befolgen, so schenke ihr deinen Ball. Dann wird sie die Sache nicht so schwer empfinden."

Sie kamt gerne auch meine Goldfische bekommen," sagte der Junge.

Famos! Wir geben ihr auch die Goldfische. Dann hak sie wirklich keinen Grund zum Klagen."

Mein kleiner Junge geht. Aber eine Stunde darauf ist er wieder da.

Vater . . . hast du den Brief an Schmiera geschrieben?"

'Mach nicht, mein Freund. Es ist noch reichlich Zeit. Ich werde es nicht vergessen."

Vaters. . . ich habe Schmira so lieb."

Sie ist auch wirklich eilt sehr süßes kleines Ding."

Pause.

Vater . . . ich habe auch Erna so gern."

Wir sehen uns ernst an. Tas sind feine Kleinigkeiten.

Vielleicht sollten wir mit dem Bries lieber bis morgen warten," sage ich bann.Ober vielleicht wäre es besser, mit Schmira selbst zu sprechen, wenn wir in bie Stabt znrückkommen . .

Da entdecken meine Augen ein unbeschreibliches Lächeln in dem Gesicht unserer Mutter. Des Weibes ganzer Mangel an Verständnis für die Ehrlichkeit des Mannes liegt in diesem Lächeln und empört mich.

Komm," sag ich und nehme meinen kleinen Jungen bei der Hand.Wir wollen gehen."

Und wir gingen fort bis an ein ruhiges Plätzchen weit hinter dem Zaun: dort legen wir uns auf den Rücken, fehen in den! blauen Himmel hinauf und reden verständig miteinander, wie es sich gehört für zwei Gentlemen.

Humsristisches,

* In der Schule. Lehrer:Also Lehmann, was müssen wir tun, bevor uns unsere Sünden vergeben werden können?" Schüler:Sündigen!"

* Geduldig. Bliemchen (als ihm ein Dvrfbader drei falsche Zähne gezogen):Nu sahn 'Se awer, daß Se den richtig»« treffen . . . nu hab ich's balde satt!"

* Zweifelhaftes Entgegenkommen. Gläubiger: Dreimal war ich heute schon mit der Rechnung hier, ohne Sie zu treffen!" Schuldner:Das tut mir leid, Meisten! . . . . Sie können sich darauf verlassen von jetzt an werde ich Montags immer zu Hause sein!"

Arithmsgriph.

1 2 5 bie schönste Zeit des Jahres.

2 7 2 6 8 6 nomadisches Reitervolk.

3 8 7 7 8 Stadt in Hannover.

4 2 5 6 biblischen Namen.

5 7 5 Fluß in Mittelasien.

6 8 9 sranzösischen Feldherrn.

7 2 12 ein Tier.

8 112 Mädchenname.

9 8 6 ausländische Silbermünze.

Die Anfangsbnehstaben der gefundenen Wörter ergeben bet Reihe nach von oben nach unten gelesen den Namen eines Staats­oberhauptes.

Auflösung in nächster Nummer -

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:

Gabel, Gabriel.

Sie fährt trotz ihrer Bleichsucht mit großer Geschwindigkeit empor und verschwindet und ziehl Erna mit sich, während sie etwas

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.