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„Luischen!"
„Ich bin deine Mutter, Lukas!"
Nun war ein langes Schweigen. So unmöglich rnir's schien — wir verstanden einander. Ich verstand sie. Von den Rätseln des Lebens waren mir ein paar gelöst.
Wir sprachen nichts mehr davon. Es war gut geworden zwischen uns. Es war kein Hangen und Bangen mehr, keine Qual mehr. Sie fragte nicht nach meinem Leben. Kein Vorwurf, nicht der leiseste Ton eines Vorwurfs war in ihren Worten gewesen. Auch jetzt, da sie die Lampe gebracht hatte und !vir den Abend traulich zusammen saßen, sprach sie nichts davon. Sie war voller Güte und Verzeihen, toie'S ganze Menschen sind, die sich zur Stille durchgerungen haben.
Und ich war ein Verlorener.
Ich habe die ganze Nacht oben in meinem Stübchen gesonnen. Ich habe alles Wollen .und alle Möglichkeiten überdacht. Es war vorbei. Ich konnte mich nicht mehr auf- raffeu. Ich konnte nicht wieder am alten Bau beginnen. Er lag zu sehr in Trümmern.
Ich hatte auch keine Energie mehr dazu. Das Leben war mir verpfuscht. Aber ich litt nicht mehr darunter. Ich hatte doch noch heimlich gelitten seither. Jetzt lvar's vorbei damit. Es war trotz aller Zerbxochenheit alles ganz und ruhig in mir. Ich hatte alles verloren. Aber ich hatte mich gewonnen. Als einen andern, wie mau von mir erwartet hatte. Aber was tat das nun! Und schließlich war der Gewinn doch größer als der Verlust. Es kommt eben nicht auf das Außen an.
Mir war, als müsse ich mich nun in einen Kahn legen und von den Wellen treiben lassen. Nur treiben. Ich steuerte nicht, ich ruderte nicht. Es war alles Beschaulichkeit in mir. Ich war wieder so geworden, iuie ich als Knabe gewesen war. Ohne Ziel und Trieb, ein Träumer.
Ja, die Tatkraft, die nach außen geht, die Ausdruck will und Eile hat und ein Ziel, ich hatte sie eingebüßt, hatte das letzte Restchen von ihr verloren. Das ist mir klar geworden in der Nacht ist meinem Stübchen oben.
Ain frühen Morgen stand ich zum Abschied bereit.
„Leb ivohl, Mutter!" sagte ich frei und ehrlich.
Es erschien ihr ganz selbstverständlich. Sie nahm meinen Kopf in beide Hände und küßte mich auf die Stirn, wie man ein Kind küßt.
„Leb wohl, Lukas!"
Sie fragte nicht, umhin ich ginge. Sie stand mit dem Schwesterchen in der Haustür und sah mir nach. Und als ich den Haug drunten war, wo der Weg eine Biegung macht, blieb ich noch einmal stehen und sah zurück. Sie hatte das Schwesterchen auf den Arm genommen und winkte mir den letzten Abschied. So im Rahmen der dunklen Tür — den hellen, wachsenden Tag draußen — Herrgott, cs krampfte mir doch das Herz . ? .
Ich bin nach einigem Hin und Her hierher zu euch gekommen, Lieber. Ich war reif geworden zu einer bleibenden Statte. Es kommt schon alles gerade zur rechten Zeit im Leben. Was mich hier festhielt, weiß ich nicht. Vielleicht eine Aehnlichkeit mit meister Heimat. Ich kann's nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich gleich fühlte, hier' bleibst du. . ‘ i
Ich habe vom Leben nichts mehr gefordert. Ich war — der arme Lukas. Mein Vater hatte das rechte Wort gefunden: der arme Lukas! Und ihr habt's auch gefunden, alle ganz von selbst. Ja, es geht was vom Menschen aus, das geht auf alle über.
Hier hat mein Leben die letzte Stille gefunden und manche Freud' in ihr. Sv einiges ist mir doch im Gedächtnis geblieben, auch die Kirchweih damals. Nicht des Verdienstes wegen. Es war doch eben ein Spaß, und was fürs junge Volk. Gott, sind doch Freuden so billig!
Die Bäume hier den Haug hin, die mau vom Fenster aus sieht, hab' ich euch gepflanzt. Die Reben drüben auf dem „Mausnest" und droben am „falschen Ritterschwur" sind von mir angelegt. Oder wenigstens gab ich die An- regung dazu. Nun freu ich mich des Blühens, und heimlich geh' ich stolz, wenn's Herbst ist. Man ist halt onci) nur ein Mensch. Und 's ist doch so was Wunderbares: Früchte! Wie das der liebe Herrgott gemacht hat: Früchte, und den Herbst hat werden lassen! — Ja, ja!
Ich hab' die Nächte gewacht, daß ihr schlafen könntet. Ich rnußte ja leben. Ein Verdienst weiter hab' ich da nicht. Und etwas tun muß der Mensch halt auch. • Aber das
muß ich sagen: cs war mir doch eine Befriedigung, mich nützlich zu machen. Nur int kleinen, aber es war für viele. So mit der Zeit wächst sich's auch zum Großen aus."
Er lachte.
„Wir sind eitle Menschen. Wir wollen immer etwas für uns haben, aus allem einen Gewinn. Na ja, ist ja auch gut.
Gespart hab' ich mir ein paar hundert Märkelchen. Meine verschiedenen Geschicklichkeiten haben mir immerhin etwas eingetragen. Vielleicht ist's für ein letztes Krankenlager notwendig. Und wenn nicht, mag's meinem! Schwesterchen sein. Ich häng' so sehr au ihm. Es hält' ja wohl mein Kind sein sollen —"
Er seufzte schwer und schwieg.
Dann drehte er sich um und blickte hinaus in den weiten Abend.
„Ich werde so ruhig sterben, lvie ich gelebt habe in den letzten Jahren, lieber junger Freund. Ich werde auch auf dem Sterbebette nicht an Reue und Buße denken. Ich habe nie daran gedacht.
Der Sämann wirft seine Körner aus und will, daß alle wachsen. Aber was vor feinen Fuß fällt, das tritt er selbst nieder. Es klebt dann an seinem Schuh, und er streicht's auf dem Wege ab. Da ist's zerguetscht und verloren.
Und allen Körnern ist doch der Keim des Wachstums gegeben, vergebens den paar wenigen. Ja, ja! Es ist so, das Leben.
Ich bin halt auf dem Wege abgestrichen worden, ich bin nicht in die rechte Furche gefallen."
Meteorologie und Luftschisfahrt.
Von A. Pcppler, Wctlcrdienstlciter.
Tie eigentlichen Erfinder des praktisch verwendbaren Lust- schisses sind die Gebrüder Montgolsier, die 1783 den ersten Rundballon, mit Warmluft gefüllt, steigen ließen; Charles verwandt» dann noch int selben Jahre anstelle der erhitzten Lust Wasserstoffgas, Kaum war der erste Ausstieg geglückt, als man bereits den Ballon in den Dienst der Wissenschaft stellte. Am 1. Dezember 1783 unternahm Charles die erste Fahrt, bei der wissenschaftliche Instrumente zur Verwendung gelangten. Weitere Fahrten folgten bald nach, von denen die von Gah-Lnssac und Biot, bei der bereits eine Höhe von 7000 Meter erreicht wurde, von Barral und Biri» in Paris, von den beiden Tissandiers und Flammarion, firner James Glaisher die denkwürdigsten und wissenschaftlich crgtcb»jiten sind. Vor allein die Meteorologie war naturgemäß ganz besonders (tu diesen Luftfahrten interessiert; denn zum vollen Verständnis und Eindringen in die Natur der meteorologischen Erscheinungen genügt nicht allein die Kenntnis der Witterungsverhältnisse am Grunde des Luftmecres, der Erdoberfläche, sondern auch die Erscheinungen der höheren und der höchsten Luftschichten müssen durch Beobachtungen dem Verständnis näher gebracht werden. _ Tie Ballon Meteorologie — die Erforschung der freien Atmosphäre mit Rundballons — ist in Deutschland älter, als vielfach angenommen wird, jedenfalls ist sie nicht allerneuesten Datums. Schon im Jahre 1880 haben der deutsche Verein zur Förderung der Luftschiffahrt in Berlin und der Münchener Verein für Luftschisfahrt in großem Maßstab sich an der Erforschung des Luftmecres beteiligt, besonders durch Teilnahme an den internationalen wissenschaftlichen Luftfahrten, die von allen größeren Städten Europas und Nordamerikas saus — neuerdings hat sich Japan und Australien Noch angeschlossen — an einem bestimmten Tage monatlich aus- gcführt werden. Dazu haben uns zahlreiche Einzelaufstiege oben- genannter Vereine ganz wesentliche Einblicke in den Gang der meteorologischen Elemente in größeren Höhen gegeben. Tic Mc- teorologcn Süring und Bcrson haben am 3l.. Juli 1901, an einem schönen Sommertage, die gclvaltige und bis jetzt noch nicht über» schritlene Höhe von 10 500 Meter über Berlin erreicht und dort noch wissenschaftliche Beobachlungen angestellt. In der Entwicklung der Luftfahrten mit gewöhnlichen Rnndballons — die lenkbare Luftschiffahrt ist ja erst ein Kind unserer Tage - brachte das Jahr 1893 einen wichtigen Fortschritt durch die Erfindung der Reißleine, welche, wenige Meter über dem Erdboden bei der Landung gezogen, durch Aufteilung der Ballonhülle eine rasche Gasentlccrung und ein schnelles Anlegen- der Hülle an den Erdboden bewirkt; hierdurch wird die bei langsamer Gascntlccrung — Ziehen des gewöhnlichen Landungsventils — häusig anf- trcteude Schleiffahrt ivährcud starken Windes vermieden, die schon manchem Lnftfchifscr verderblich war. Während vor 1893 meist nur bei günstiger, ruhiger Witterung Ballonfahrten unternommen wurden, war man jetzt auch' itt der Lage, bei zhklonaler stürmischer Witlcrnng aufzufahren, ohne leichtsinnige Gefährdung des Lebens.
Doch nicht allein durch bemannte Rnndballons, denen die Er» rcichung der höchsten Höhen infolge ihrer Bemannung versagt tif, hat man Einblicke in die verwickelten Vorgänge im Lustmeer sich zu verschaffen versucht, sondern auch durch Aufstiege sog. Ballon» soudeS;- es sind dies kleinere, ebenfalls mit Wasscrstosfgas gefüllte


