Ausgabe 
7.7.1909
 
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U.UMM

Der arme Lukas.

Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzamer.

(Schluß.) (Nachdruck verboten.)

13. Kapitel.

Sie hat mein Leben mit keinem Worte berührt. Und ich konnte nirgends ein Ausweichen oder Sichhüten bemerken. Sie sprach alles so selbstverständlich und fertig. Alles war so ganz in ihr, und ohne Fragen und Zweifel.

Sie mußte doch viel gelitten haben. Mel. Aber sie mußte sich auch durchgerungen haben. Schwer, sehr schwer. Anders wird man so nicht.

Wir aßen zusammen zu Mittag. Sie gab mir, wie die Mutter ihrem Sohne gibt, mit viel Liebe und Zuspruch. Sie saß mir gegenüber. Sie erzählte von der Krankheit des Vaters, von seinem Erwarten, daß ich eines Tages käme. Er habe ihr die Hand gegeben vorm Sterben und tränen­den Auges gesagt:

Es ist mir doch schwer der arme Lukas, Lutschen!" Es wird schon gut mit ihm sein," habe sie gesagt. Dann habe er noch einen großen, bittenden Blick auf sie gerichtet. Sie habe ihm das kleine Lutschen ans Bett geführt, und er habe die Hand des Kindes in ihre gelegt. Sie sann ein wenig, und das folgende sagte sie mit halber Zurückhaltung. Dann habe ich ihm die Stirne geküßt. Und er ist sanft ein­geschlafen."

So verplauderten- wir den Mittag.

Als es düsterte, kam doch etwas wie Furcht in mich. >,Dein Zimmer ist oben bereit, Lukas," sagte sie. Ich wußte aber keine Antwort.

Als die Dämmerung tiefer ward und wir einander nicht mehr sehen konntest, erzählte sie wieder vom Vater. Er sei immer um mich besorgt gewesen. Er habe mir jeden Stein aus dem Wege räumen wollen. Er habe gewollt, daß ich mich ganz frei, ohne jede Rücksicht entwickeln könne, ilnd, das sei seine Gewißheit geweseir, das größte Hindernis für mich sei sie selbst gewesen. Sie sagte das ganz unbefangen und sicher. Er habe es durch die Heirat weggeräumt. Aber nicht nur deshalb habe er sie zur Frau genommen. Er habe sich nach dem Leben gesehnt. Ja, das habe er. Er habe sich wohl und geborgen gefühlt unter ihrer Fürsorge. Und er habe sie schätzen gelernt wie sie auch ihn.

Damit brach sie ab und schwieg eine Weile.

Sie habe mir noch zu sagen, wie sie ins Haus gekommen sei. Sie seien ganz verarmt gewesen nach dem Bankerott. Der 'Vater sei gereist dann sei es noch eine Zeitlang ge­gangen, aber schwer. Der Verdienst habe nicht gereicht. Sie müsse in eine Stelle gehen, habe ihr Mater gesagt. Sie müsse dienen. Das sei ihr furchtbar gewesen. Noch wochenlang habe sie sich gesträubt. Da habe sie gehört, wie schwer meine Mutter plötzlich erkrankt sei. Daß cs zu Ende gehe, die Knude sei int Dorfe umgegangen. Da habe

es sie in unser Haus getrieben. Es sein ein starkes Gefühl ill ihr gewesen, es habe meiner Mutter und meinem Vater gegolten. Aber cs habe noch mehr mir gegolten. i

Die Stunde kommt uns doch nicht mehr, Lukas. Wir müssen sie ausnützen und uns alles vom Herzen reden. Ich habe deine Mutter gepflegt. Ich habe ihr die Augen zugedrückt. Sie ist sanft gestorben. Sie hat all ihre Hoff­nungen auf dich mit ins Grab genommen. Sie haben sie gewiß leichter gebettet. Das war ihr Glaube: daß du groß werden müßtest vor allen im Dorf, deinem Vater zum Stolz, dem ganzen Dorfe zur Ehre. Und das war die Forderung deines Vaters und feine Hoffnung. Mehr aber seine Forderung, denn wenn ich ihn recht verstand, war's mit seiner Hoffnung auf dich nicht weit her. Er glaubte nicht fest genug an dich. Unbehindert müßtest du aber sein, sonst sei's unmöglich, ganz und gar. Und ich wuchs mit der Zeit auch in diese Gedanken hinein. Ich hatte ja nie vorher daran gedacht, daß du ein berühmter Mann wer­den könntest. Ich hatte gar keine rechte Vorstellung davon. Ein berühmter Maler, Gott, das zählte ich nicht hoch.

Aber deinen Mater hatte es nun ganz erfüllt. Ein Muß ivar das ihm. Alle Bilder, die ihm in die Hält de kamen, zeigte er mir.Siehst du, das ist von Cornelius," sagte er, das ist ein großer Mann. Der ist der allergrößte. Und das ist vo>r Kaulbach" was weiß ich die Namen all sonst! Dein Mater wußte sie. Er kaufte Kalender und alles, worin ein Bild war.So muß der Lukas einer werden," jagte er. So wuchs ich auch in den Gedanken hinein, daß man dazu ganz frei und unbehindert sein müsse, ohne Sorgen, daß uralt da schwere Tage ganz allein über­stehen müsse, als Mann, und daß man da nichts dürfe an» hängen haben, das einen herabziehe und einem hinderlich werde. Und daß ich alt werden könne, bis du so weit wärest und dir dies Glück lache."

Da hast du das Opfer gebracht?" '

Nein, ich habe gar nicht daran gedacht. Ich habe mich zurückgestellt, weil ich zu gering wär, arm und hilflos und einfältig. Ich bin dir aus dem Wege gegangen, wie man den vornehmen Leuten aus dem Wege geht, die jn feinem Gefährt kommen."

Und deine Liebe?"

Sie blieb so gefaßt und sicher wie vorher und ant­wortete sofort ans meinen Einwurf:

' ,Lch hatte deiiten Mater schätzen gelernt. Ich durfte iricht mehr fordern vom Lebeir. Es ivar schon zu viel, was es mir darbot."

Und hast du auch an mich gedacht?"

9 a!"

Und wie?"

Daß es zu deinem Besten sei!"

Und wenn es mein Unglück war?"

Das kanir man nicht vorhersehen. Das ist Schicksal. Es war zu deinem Glück gemeint. Und, Lukas, glanb nur, es ist mir nicht leicht gefallen!"