Ausgabe 
7.6.1909
 
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Ja, ich freue mich darauf. Ist! es nicht schön, daß ich so bald wieder eine neue Mutter bekomme?"

Janne, es wird doch ein schweres Jahr für uns beide." Denk ans Ende, Mars, denk ans Ende!"

In Witzwort gab es wieder mal ein großes Gerede.

Habt Ihr schon gehört, Ni.sche Heistersche, Jan Thomsen seine Frau soll tot sein."

Ist nicht möglich, Nasche Lehmbek, er trauert ja gar nicht."

Na, wozu auch, er hat ja kaum mehr gewußt, daß er noch 'ne Frau hatte."

Was sagen Sie dazu, Nachbar? Nun kann Jan doch endlich Frauke Steffens heiraten!"

Ja, das Aufgebot soll schon bestellt fein."

Ja, sie hängen schon im Kasten an der Kirchtür aus!"

Na, das ist man recht. Dann kann man doch wieder ans Spätiiighof verkehren. Solange keine Frau im Hause war, konnte unsereins doch nicht da kommen."

Wißt Ihr was, Nasche, Tine Thomsen soll gar nicht nach Amerika gekommen fein. Ganz in der Nähe, in Dith­marschen hat sie gewohnt."

Und eine Tochter soll sie hinterlassen haben."

Ja, sie soll aber ganz wunderlich zuletzt gewesen sein, ganz und gar menschenscheu."

Sie war immer schon nicht ganz richtig im Kopfe. Ob ihre Tochter ebenso ist?"

Nein, die soll nach dem Vater arten."

Was geht es doch doll her in der Welt!"

So und ähnlich sprach man in Witzwort. Jan und Franke schritten durch das Gerede hindurch zum Traualtar.

Sie ließen sich nicht auf dem Hofe, sondern öffentlich in der Kirche trauen, um zu zeigen, daß sie das Licht nicht d'u scheuen brauchten. Aber sie fuhren nicht in der Kutsche, sondern gingen den kleinen Weg zum Standesamt nach Lehnsmann Bartels Hof unb von dort zur Kirche zu Fuß.

Frauke sagte:Je einfacher iw- es machen, desto eher verzeiht man uns unser Glück."

In der Kirche hatte sich eine große Anzahl Menschen eingefunden. Man war doch neugierig auf Frauke Steffens' Staatskleid. Man wollte sehen, ob Franke auch vor dem Altar den hellen Kopf noch so stolz trug, ob sie es wagte, einen Myrtenkranz zu tragen.

Als das. Paar eintrat, hinter ihnen als Zeugen Niels Sänkst» und Klaas Nissen, gab es ein Getnschel.

Frauke Stessens, die es wohl riskiere» konnte, sich das schwerste Seidenkleid anzuschaffen, schritt im schlichten, schönen, schwarzen Wollkleide zum Altar, und in ihrem hellen Haar hing eine Ranke Immergrün mit blauen Blümchen.

Das hat was auf sich," sagten die Leute und sahen sich bedeutsam an.

Immergrün bedeutet Treue," sagte ein kleines Mäd­chen auf dem Orgelboden.

Der alte Pastor, der beide von Kindheit am gekannt hatte, hielt eine ergreifende Rede. Er hatte das Thema: Selig sind, die reinen Herzens sind" gewählt. Und als er sprach, als feine Stimme sich hob, da blickte er über das Paar hinweg, hinüber zu denen, die auf den Bänken und auf dem Orgelboden mit neugierigen, schadenfrohen Ge­sichtern saßen.

Selig sind, die reinen Herzens sind!" Da wußte wohl ein .jeder, daß das etwas zu bedeuten hatte; es blickte aber jeder vor sich nieder.

Mit einer Stimme voll Milde und Güte segnete der alte Pastor beit Herzensbnnd.

Als die Feier zu Ende war und Franke an Jans Arm heraustrat, da kam dieser unb jener schüchtern heran und gratulierte, da flog ihnen manch freundlicher Gruß, manch herzliches Wort zu.

Es war am Ende des Oktobers. Jan ging mit feiner jungen Frau Arm in Arm die Trift entlang. Es war ein schöner, klarer Spätherbsttag.

~ Die Bäume rings um den .Hof waren fast kahl, die ü eint en sähen bräunlich ans. Es ging zu Ende mit dem Gras. Nur die Spätings schimmerten int frischesten Grün;

hrer fanden die rotbunten Kühe noch reichliche Nahrung.

, Franke blickte zn Jan ans. Wie ans tiefen Sinnen dlrck.Du hast eine alte Frau bekommen, Jan Thom, en."

Er blickte in ihr Antlitz, das seit den letzten Wochen

einen rosigen Schimmer bekommen hatte. Lächelnd deutete er auf die Spätings.

Sieh mal, wie grün die Spätings sind," sagte er. Erst spät kommt das Gras heraus, aber bann bleibt es auch befto länger, unb wenn es überall schon öde und grau ist, dann sind die Spätings noch immer grün. So ist es auch mit unserem späten Glück."

Jan, Jan," sagte Franke,wo hast du all die schönen Worte her? Jan, dn bist erkannt, dn bist ja ein Poet."

Stolz und glücklich sah sie ihm in die Angen.

Ta lachte er.Franke, was bist du für ein kleines, süßes Franken; du machst deinem Namen Ehre."

Arm in Arm schritten sie weiter, dicht aneinander ge­schmiegt. Dann blieben sie stehen und sahen einen Augen­blick lang in die Ferne. Ihre Blicke wurden scharf und spähend.

Am Horizont winkte ein Segel, nein, zwei, drei.

Sie sähen sich tief in die Augen. Es waren dieselben sehnsuchtsvollen Augen, die einst aus Kindergesichtern in die Ferne schauten. Sie hatten beide einen Gedanken: Tort winkt das Meer, das schöne, ferne, nie gesehene. Laß es winken, wir halten unser Glück in Händen.

Der Held.

Von Wilhelm H o l z a m e r.

(Schlich.)

Voller Harmlosigkeit deutete sie dem Italiener dies und das in der Kegelbahn, wohin ihre Augen gegangen waren. Er sah hin ihr Auge ging darüber ivegi Fast mit einer Rührung fühlte der Jean: die fleht zu den Menschen stumin und fromm.

Er sah ihr lange zu.

Und nun dachte er: sie ist doch raffiniert.

Doch wie er sie nun weiter sah, hilflos, flehend, da schalt! er sich. Sie war doch herzlich, arm und bittend wie ein Kind. Keiner verstand ihren Blick. Blitzschnell ging er weiter.

Eine Verzweiflung lag nun schon darin. Er wurde heißer und heißer. Er war fast (irr. Sie würde es nicht mehr aushalten können, sie würde sich ihm verraten. Und sie wäre verloren er würde sie niederstechen.

Ta sah sie zu. Jean.

Sie sah seinen Blick. Sie zuckte. Einen Moment.

Sie flehte, flehte, flehte. Ganz Kind. Einen Moment.

Sie wusste schon, daß sie verstanden und erhört sei.

Sie atmete auf. Ihre Brust hob sich. Ein Weiches trat in ihren Blick, legte sich über ihre Züge.

Tie Spannung in ihr wollte sich lösen, sie fühlte es, nndi man sah es deutlich.

Ta giug's wieder wie ein Schreck über ihr Antlitz, fuhr in ihr Auge.

Sie raffte sich auf.

Sie warb, warb, warb. Einen Moment. Einen heißen, tiefen Moment. Ter Seans rührte sich nicht. Aber sie verstand sein Auge.

In diesem. Augenblick war sie nur noch Weib. Sie strich sich ein Stirnlöckchen von der Stirne hoch und glitt mit der Hand über die Augen. Sie lockte. Aber es war nicht gewöhnlich, cs war ein. unendliches Glück darin. Und sie musste die Augen schließen, sie mußte sie schließen. Sie war wie im Taumel.

Ein Lächeln spielte um ihren Mund.

Ter Italiener stieß sie au.

Prost!" sagte sie.

Er tat einen' tiefen Zug.

Aber in seinen Augen flackerte es.

Er verfolgte jebe ihrer Bewegungen, jeden ihrer Blicke. Er lag auf der Lauer wie ein Luchsi. In dem Jjdan wär die Glick zur Flämme geworden. Sie schlug nun auf und wuchs hoch in ihm.

Und er selbst wuchs dabei. Er fühlte seine Kräfte, und er fühlte sich ihr Meister.

Er hatte, sich vorhin gefragt: wie bring ich dies Mädchen aus dieser Gesellschaft? Er fragte sich's nicht mehr. Er sagte sich: dies Mädchen muß aus dieser Gesellschaft heraus.

Er hatte sich einen Augenblick geängstigt: kann dies Mädchen in dieser Gesellschaft rein geblieben fein? Es siel ihm ein sie war ja zu kurz darin, sie mußte rein fein sie war rein.

. Er sah noch ihren flehenden Kinderblick, ihr ängstliches Werben. Immer sah er diese Äugen, diese Wimpern, die weit aufschlugcu, dre sich scheu senkten und schlossen, während die Hand von der Sterne herunter über die Augen glitt.

Und plötzlich wußte er's: sie mußte sein werden!

, z,öie muß mein werden!" rief's in ihm.Ich will sie er- rengen!"

Er stand aus er ging wie im Traume.

. Er kam sich viel größer vor als alle, viel stärker, viel toW tiger. Tee anderen sah er nicht, er war nur ganz von sich erfüllt. Aber ganz en ihr und nur in ihr. Als ginge er eine weite (strafte hm, war's ihm, in ein weites Land, ihr entgegen. Und