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suchSgKrten waren, lvvrin der Besitzer vielleicht ein Lusthaus oder eine verschließbare Laube sich erbaut hatte. So hatte sich auch Wieland uins Jahr 1775 am Eselswege vor eem Frauentor einen Garten gekauft, und er schwärmte nun in seiner enthusiastischen Art von den vielen Säumen, die er pflanzen, von den herrlichen Blumen, mit denen er die Freunde beschenken wolle. Und. auch Bertuch hatte sich einen Garten erworben, der junge Literat, kaum zwei Jahre älter alZ Goethe und erst kürzlich vorn Herzog als Ge- heimschreiber angestellt. Da konnte es Goethe wohl auf die Seele fallen, daß ihm kein Fleckchen noch zu eigen gehöre. Fast alle Menschen, mit denen er verkehrte, hatten entweder ein eigenes Haus in der Stadt, oder sie hatten draußen im Laude ein Rittergut oder ein Gütchen. An einen großen Besitz konnte er nun zwar nicht denken, aber so ein Garten, wie Bertuch jetzt erfaßt hatte, reizte auch ihn. Dieser Garten lag am Rosenberge, vor dem Besitz eines Geheimen Refereudarius Schmidt, gleich am „Steril". Der „Stern" ober war eine herrschaftliche Promenade. Bertuch War also Garten nachbar der Hofpromenade geworden. „Ja, iver's auch so haben kömlte!" meinte Goethe zum Herzog, als die Rede darauf karn. Und der Herzog ritt zu Bertuch hinaus, als er ihn im neuen Besitz vermuten konnte. „Höre Bertuch, du mußt mir den Fleck lassen! Ich brauch! Ihn." „Wer gnädigster Herr, ich hab' ihn kaum erworben und habe kein größeres Vergnügen in der Welt, als so ein Stück Wildnis in Ordnung und Kultur zu bringen." „Ich weiß, ich weiß", erwiderte der Herzog, „und dann Willst du mit deiner Sleevogtin im Garten Kaffee trinken. Denkst du, ich will dir diese Freude nehmen? Ich will dir ja für diesen Fleck einen viel besseren schenken. Du sollst dafür den Baumgarten haben". Das war in der Tat ein vorteilhafter Tausch. Der Baumgarten war wohl nicht so angenehm gelegen, aber er war viel größer, konnte viel fruchtbarer gemacht und besser ausgenutzt werden. Und so schenkte denn Herzog Karl August seinem Freunde beit Garten, den Goethes Sorgfalt im Laufe der Jahre zu einem lieblichen Fleckchen Erde mngestaltete, auf dem sich so viele bedeutsame Episoden seines reichen Lebens abrollen sollten.
Biel Arbeit aber war zu verrichten, ehe das Verfalleile Häuschen des Gartens in wohnlichem Zustande sich befand. Im ersten Jahre gleich ließ Goethe, eine ganze Schar von Arbeitern um sich herum, den Garten und das Haus unt- Ibilden. Zu reichlichem Pflanzen kam es noch nicht. Unten im Hause waren die Wirtschaftsräume, namentlich die Küche und ein kühles Speisezimmer. Oben trat man aus dem Vorsaal, der die Treppe umgab, zuerst in das Empfangszimmer, darauf folgte das Arbeitszimmer, das Bücherzimmer und das Schlafzimmer. Wle diese Stuben waren klein und niedrig. An Möbeln War schon am Ende des ersten Sommers recht viel da. Die gange innere Einrichtung kostete 354 Taler 4 Groschen und 11 Pfennige. Das Grundstück hatte 600 Taler gekostet; über 300 Taler gingen auf die erste Ausbesserung von Haus und Garten drauf. Im ganzen hatte der Herzog für das Sleschenk an seinen Freund 1294 Taler und 16 .Groschen zu bezahlen. Dabei wurbeii einige Geschenke an Tafelsilber u. dgl. nicht gerechnet. Goethe war auch mit Tischwäsche und anderem nötigen schon so wohl Versehen, daß er einige Freunde zu Tische einladen konnte. Es ging jetzt, wie sein ganzes Leben hindurch, abwechselnd knapp und reichlich bei ihm zu. Er verbrauchte int Jahre 1776 schon 1411 Taler. Auch seine Dienerschaft vermehrte er allmählich, mit Philipp Seidel aus Frankfurt hatte er angefangen, hinzir traten Christoph Sutor, der 18 Taler Lohn und 8 Taler Biergeld im Jahre bekam, und der siebzehnjährige Paul Götze aus Weimar, außerdem die Köchin Dorothee, die außer Weihnachts- und Jahrmarkts- geschenken 10 Taler Lohn und 6 Taler Biergeld erhielt.
So war Goethe täglich mit Hausvatergedanken beladen, oft auch mit der Sorge für Bewirtung und Unterhal- timg der Freunde. Er selber folgte vor wie nach recht häufig Pen Einladungen von Freunden: des Herzogs, der Herzogin-Mutter, Wielands, Kalbs, der Frau v. Stein, oder lud sich selber bei ihnen ein. Mer jetzt kamen sie auch zu ihm, zuweilen zum Mittagessen, öfters zum Kaffeetrinken, vder zum Abendbrot, oder auch nur zum Spazieren und Herumtollen in seinem Garten. „Nach Tisch geftirstenkindert, Jagd im Garten" schreibt er einmal ins Tagebuch. War der Nachmittag schön, ko zog man vom Garten aus das Zumta! aufwärts nach Belvedere oder in die Dörfer.
Wber die wahrhaft festlichen Stunden verlebte er doch
für sich allein, weint er nämlich über der Natur oder der Kunst sich und allen Aerger der Welt vergaß. Manchmal lockte ihn der nahe Fluß zum Baden, obwohl er nicht schwimmen konnte. „Nachts halb Elf, der Mondschein war so göttlich, ich lief noch ins Wasser", schreibt er am 1. Juli. Oder er warf die Flinte über und schoß eine Ente, oder dachte auch nicht ans Schießen und streifte nur so herum. Schön War es auch, wenn er den fernen Waldhornbläsern oder nahen Klarinettisten lauschte, die er sich bestellt hatte.
Ms Goethe sich in den Sommermonaten Garten und Häuschen einrichtete, halfen die Freunde mit Beifall und Anteil. Als er aber Miene machte, auch im Winter draußen zu bleiben, staunten sie, nannten es Grille und Unverstand. Ein solches Msondern von den Sitten seiner Umgebung! Um so anstößiger erschien dies Draußen-Hausen, als Goethe noch eine Wohnung in der Stadt hatte und auch in der Folge beibehielt. Auch Charlotte v. Stein machte ihm Vorwürfe, daß er so weit ab von ihrer Wohnung den Minter verbringen wolle. Charlotte wohnte am Ersitrter Tore und 20 Minuten brauchte Goethe von seinem Garteu- hause zu ihrer Wohnung. Das erinnert uns daran, wie schlecht, umständlich und gefährlich damals der Weg war, den man heute in 15 Minuten bequem und sicher durchmißt. Schon im August war Goethe einmal, als er von der Freundin abends heimging, von Vagabunden attackiert worden. Im Oktober rannte er auf dem gleichen nächtlichen Heimgang gegen einen Schlagbaum und stürzte. Er mußte allemal ein paar Brücken passieren, die durch Gattertüren verschlossen waren, die er also erst auf- und zuschließeu mutzte. Und wenn er glücklich im Hause war, da galt es den Kampf gegen Wind und Wetter, Frost und Schnee zu führen.
Mit großem Fleiße aber fuhr er fort, Garten und Häuschen zu verbessern; in ihnen sah er doch bereits seine eigentliche Heimat. Und nach vielen Plackereien wurde es immer gemütlicher und traulicher in dem Hause. Es war ein anheimelndes und wie Wieland sagte, „liebes" Plätzchen geworden, dieses Gartenhaus am Stern.
ZchreSensbilder aus dem zerstörten Reggio.
Auch aus Reggio treffen jetzt die Schilderungen von Augeik- zengen der furchtbaren Verwüstung ein, die ein grauenvolles Bild von dem Jammer entwerfen, der den unglücklichen Rest der Bevölkerung heimsucht. Die meisten Bewohner sind der Wucht der Elernentarkatastrophe zum Opfer gefallen: unter denen, die die furchtbare Nacht überlebten, schwingt jetzt der Hunger seine surcht- bare Geißel, und diesem neuen erbarmungslosen Feinde stehen einstweilen selbst die gerbet geeilten Retter ohnmächtig gegenüber. Die Militärbehörden verteilen Gutscheine unter die Verzweifelten, aber nur für einen Bruchteil der Leidenden reichen die Vorrat« aus. Ein Regierungsassessor hatte die schwere Aufgabe übernommen, die wenigen Vorräte an Schiffszwieback und rohem Fleisch au die Hungernden zu verteilen. Furchtoare Szenen spielten sich dabei ab. Die Truppen waren außer Stande, die verzweifelte Gier der Halbverhungerten im Zaume zu halten. Sie stürmten die Austeiluugsstation; dem Assessor würbe dabei ein Arm gebrochen. Die Soldaten hatten die wenigen überlebenden Tiere, ein paar Ochsen, Pferde und Esel, arme verwundete Kreaturen, die meist ohnehin schon im Sterben lagen, requiriert und auf der Stelle getötet. Mit dem Bajonett wurden sie zerlegt, während Truppen mit scharfgeladenen Gewehren die hungernde Menge zurücktrieben. Blutig und qoch dampfend wurden die Fleisch- stücke dann verteilt; da rissen sich zehn gierig gekrümmte Hönde um ein Keines Stück noch dampfenden Eselsfleisches, da sah man Leute, die sich auf die Erde warfen, um ans dem Staube herab- gesalleue Bluttropfen aufzusaugeu. Als ein höheren Beamte eintrifft, gellt ihm ein wilder Verzweiflungsschrei der Menge entgegen: „Ihr, die Ihr die Macht habt, sorgt dafür, daß man uns ton hier fortschasst oder laßt uns alte auf der Stelle uiederschießeu, um die Qual zu verkürzen." Aber nicht der Hunger allein martert die Unglücklichen. Furchtbar wütet der Sturm und nirgends finden die geschwächten Körper eine Zufluchtsstätte ober einen Unterschlupf. Nur im Statwnsgebände sind einige Räume erhalten, in denen Verwundete und Verzweifelte sich zusammendrängen. In der Nacht wecken einige leichte Erdstöße neues Entsetzen, und mit gellenden Schreien verläßt die Schar auch diesen letzten Schutz vor der Wut des Sturmes. Durch das Dunkel klingen knatternde Schüsse: Die Truppen schießen aus jeden, der in der Nacht ini den Ruinen umherschleicht. Grauenvolle Szenen spielen sich ab. Aus den Trümmern klingt jammerndes Stöhnen, das sich mit dem Nahen der Dunkelheit zu gellenden Hilferufen steigert. Sufannuen mit den Feuerwehrleuten eilen die Bürger herbei. Zwischen beit! Trümmern eines halb zerfallenen Hanfes sieht man einen Menschen, der stöhnend um Hilfe steht. Die Bürger wollen ihn retten: aber schon treten die Feuerwehrmänner dazwischen, es ist zu gefährlich, in der Dunkelheit an den geborstenen Mauern au rühren;


