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Sie steckte es sonst ganz einfach sestgeflochten um den Kops, weil es ihr ordentlich lästig war, sich viel damit M beschäftigen : heute Wollte sie es einmal sehr schön und lose flechten und ordnen. Aus den Ball wollte sie gehen. Ihr Vater muffte cs zugeben. Warum sollte sie nicht haben, was alle anderen Mädchen hatten?.
Ein schönes weißes Kleid ivolltc sie haben, das schönste, waS zu haben war. Warum auch nicht? Sie wußte genau, daß sie ein wohlhabendes Mädchen war. Das schönste, feinste Kleid wollte sie aiiziehen, niit blauen Bändern dazu, weit blau ihr am besten stand.
Der alte van Endert stampste ungeduldig draußen umher. Er ging in die niedrige dunstige UnterdecksLrjüte, wo Beert vor dem kleinen gllisendcn Kanonenöfchen saß und nachdenklich vor sich hinstarrte. Unmutig sah er den schönen großen Menschen an. Da saß er nun und simulierte und wußte nicht, was er wollte. Keine Ader schien ihin Holser zu schlagen der Hndrina halber. Sah er denn nicht, daß das nickst ging, daß ihm der Aufenthalt hier einen dicken Strich durch die Rechnung machen konnte, durch die Rechnung, die zwar zuerst seine, des alten van Endert Rechnung war, mit der aber der fnngL der Beert, lwch einverstanüen war, einverstanden sein mußte. Denn das stand fest, keilt anderer durfte die Hendrina heiraten, und keine andere auch der Beert. Das Bermgöen mußte zufmnmenbleiben, und kein fremder Mensch durfte auf der „Maria Hendrina" etwas zu befehlen haben als er, der Alte selber. Der Beert lvar ein totff amet, weicher Mensch, der sich ganz ivohl fühlte unter des Alten Regiment. So blieb die „Maria Hendrina" galt) in seiner Gewalt, fast wie in feinem alleinigen Besitz, «nd er brauchte das Mutterteil der Hendrina, das fast ganz in denr Schiff steckte, nicht herauszuzahlen. Das hxn alles schon seit Jahren fest beschlossen und geordnet. Er Harn darum auch diesnial die Hendrina mitgenommen, voeil es ihm geschienen hatte, als wäre es ganz, gut, lvenn die zwei, der Wert und die Hendrina, einnral eine Zeit viel zusannncn wären, so daß sich die Verlobung machte. Er hätte ja freilich nur der Hendrina Lipp und klar Bescheid sagen können, und das wäre wohl auch das beste gewesen, lvenn er voraus gesehen hätte, waS kömmen konnre Aber die Base hatte gemeint, so ganz dürr und geradezu ginge nicht, und er solle auch vorsichtig feilt, denn man könne nicht lvissen, loie die Hendrina das aufnehmen würde. Er war durnm genug gewesen, sich auf das Gesalbader einzulassen, und nun saß er hier fest, und der Teufel nHißte sie gerade hierher vor Anker legen. Es war vielleicht daS beste, die Hendrina zu nehvneii und sich mit ihr in die Bahn zir setzen und nach Goch zu fahren, wenn der Beert jetzt nicht voran machte. Denn hier ivars nicht geheuer. Hatte nicht gestern schon, kaum daß die Hendrina einmal aus der Kajüte kam, der freche Mensch mit ihr geliebäugelt. Und der Weingärtner, der alte Schwätzer, das Großmaul, der würde wohl auch nichts Eiligeres zu tun haben, als ausznposaunen, wieviel Mitgift und Mutterteil die Hendrina haue. Und womöglich noch etwas dazuzulügen. Die Hildegard setzte der Hendrina auch noch einen Floh ins Ohr, schwatzte ihr vor von einfältigem Kram, daß die bunnnc Gedanken kriegte. Hub derweil saß der Beert hiev in der Kajüte und starrte den Ofen an.
Der Eifer ging mit dem Alten durch, daß ev alles vor Beert auskramte. Der hörte scheinbar gelassen zu. Wenn der Alte auf ihn acht gegeben hätte, dann hätte er wohl sehen können, wie Ger Junge blaß und unruhig -aussah. Aber als der Alte ihm ansann, daß er nun mit der Hendrina einig werde,: sollte, da schüttelte der Junge den Kopf. Der Alte kannte das. Das hatte auch sein Bruder, Beerts Vater, schon gehabt, das war auch so ern Stiller gewesen. Der Alte fuhr hitzig und zornig auf.
„Nem! Warum nich! Watt soll denn datt heißen?"
Beert van Endert jagte nichts. Er zuckte nur die Achseln.
»Watt soll datt heißen? Js dir die Hindrina vielleicht nich genug? Datt iS doch alles schon fest gemach! Datt wird jetzt nich geändert."
Beert sah den Alten an.
„Mir is cs schm recht! §lbcr ich fürcht', her Hendrina W es bett nich!"
„©er Hendrina! Die Hendrina hat Kix zu sagen. Tie hat M wlgen. Ich mach die neue Mode nich mit, datt die Kinder ihren eigenen Willen haben."
glaube itiTr, Oehm, datt wird Euch nich viel nützen. Ich glaube, Ihr habt bis heute die Hendrina nicht recht gekannt! Ich i »och nichEr setzte daS letzte halb leise hinzu
. »Watt soll Mt' heißen? Ich verstehe dich nich! Walt iS datt für Gefchwätz?"
„Datt soll heißer:, datt die Hendrina auf einmal merkt, datt fe en jung Mädclren is: Datt sie nich irrt Kloster gehn will.
und nich wie in em Kloster leben will.. Datt sie auch entöl wait abkriegei: will von Pläsier und vor: — von..."
Er schwieg und starrte in die Glut.
Der Alte iah ihn verblüfft arr. Dann sagte er unsicher:
„Watt sch -.tzt du nur. Datt eS doch ganz einfach, dr: versprichst dich mit der Hendrina, und Ostern is Hochzeit."
„Ne, Oehm, datt geht nich zu machen! Datt geht nich. Die Hendrina will nich."
„Die Hendrina will nich? Da soll doch der Kuckuck einschlagen! Ich werd' ihr die Mucken austreiben. Datt wüt’ noch schöner, wenn so'n Ding--",
Er riß die Wjütentür auf, um aus Deck zu gehen. Aber! Beert war aufgesprungen und hielt ihn fest.
„Oehm, laßt mir. Datt nützt nix. Glaubt Ihr dann, ich wollt' en Frau, die mir so angehetrat't ivürd'! Und wenn ich schon wollt', Nie Hendrina, die läßt sich von Euch nicht befehlen. Die har ihr'rr Kopp für sich, und watt dadrin vvrUcht, datt wissen >vir all« zwei nich — Ihr nich un ich nich"
„Watt in Frauleuts Koppen vorgelst, datt iS dummen Kram," sagt cd er Alte hart Sein Mund drückte sich fest zusammen, er sah fast grausam aus.
„Ich lasse mir nich in meine Sach rein rebeit. Datt wärk noch schöner, w-ann da eso en Kind mir en Strich dnrchmachen! tat. Und du sollst dich watt schämen, daß bu dich wie so'n Waschlappen läßt von der Hendrina crumzichen. Datt sagen ich dir, datt gab auch en schlechten Spaß für dich, meint die Hendrina en andern nahm, und du dich auch noch müßt mit ent fremden Menschen hier auf dem Schiff erumzanken, der da.eruA kumandievev ivollt'!"
Beert Zuckte wieder mit den Achseln.
„Och, Oehm, datt wär' noch et wenigst."
.■'. Der Alte sah ihn aufmerksam an, dann lachte er plötzlich listig.
,/$e> et is nich ;e glauben. IS den Jung in die Hendrina! verliebt bis über dcie Ohren und läßt se aus den Ungern, weil er nich eso kühn is, so en Mädchen fest anzupacken. Und läßt sich beschwätzen und Flausen vormachen von so ent dummen Dingen. Ich habe:: gemeint. Du dätst Dir nix aus ihr machen. Nu sehn ich, wie die Fisch schwimmen."
„Oehm--"
„Ja, Oehm! Nu sag', watt soll denn nu datt ganz Angestells! heißen?"
Er stcnch dicht vor Beert, die Hände in den Hosentaschen- versenkt, baS listige, schon wieder ganz befriedigte Gesicht von der Flamme des kleinen Oefthens rot geglüht. Mit der Hendrina! ihren Mucken wurde er schon fertig. Die nahm et nicht ernst. Auch seine Frau hatte Mucken gehabt, er hatte sie ihr aber gründlich ausgetriebein Und die Hendrina, die so gelassen dahinlcbte, träg' in den Tag hinein, was würde er groß Arbeit mit der haben, die ihm folgen mußte.
(Fortsetzung folgt.)
In Goethes Gartenhaus.
Bon Wilhelm B o d e.
Im Schloß Par! zu Weimar steht, epheuumrankt, das Gartenhaus Goethes, die Stätte, an die sich unzählige' Erinnerungen an den großen Dichter knüpfen, an der er geweilt, als er, jung und erfrischend wie Lenzes hauch, in das thüringische Hofftadtcheri eingezogen war, und die ihm 56 Jahre lang bis zu seinem Lebensabend willkommene Rash bot nach einem unruhevollen Dasein von schweren Kämpfen, tätigem Schaffen und ungeahnten Erfolgen. Von diesem ehrwürdigen Zeugen aus unserer klassischen Literaturepoche! berichtet Wilhelm Bode, der bekannte Forscher Gvethischer Lebenswerke und -werte, in feinem neuen anziehenden Buchej „Goethes Leben im Garten am Stent", das jetzt bei E. S. Mittler u. Sohn in Berlin erscheinen wird. Erne Goethe- biographie in einer völlig neuen Fassung, die Schilderung des Lebenslaufes unseres größten Dichters von einem Standpunkte ans, der der: Mick immer wieder auf das stille Haus tm Jlmtale lenkt, und eine reizvolle Gabe vornehmlich ans dem Grunde, weil He mit bewundernswertem Geschick und zartestem Verständnis boS Seelenleben Goethes mit der Natur in Verbindung bringt, aus der er m der stimmungsvollen Umgebung seines Häuschens so oft und fe stark die Kräfte zog für seine eigene Entwicklung.
Innerhalb der Stadtmauer Weimars konnten in der! Zeit, als Goethe in die thüringische Residenz kam, nur ein paar Hausbesitzer durch ihre Hinterpforte in einen Garten treten, fast nur diejenigen, deren Besitz an die Stadtmauer! grenzte. Wer vor den Toren waren viele große und kleine Gärten, die teils zu Wohnungen gehörten, teils nur Be-


