Donnerstag den 7. Januar
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Maria Hendrina von Coch.
Novelle von Luise S ch u l z e -- B r ü rF.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Hildegard Weingartner hatte sich in Hendrinas Arm einge- häkelt und zog sie eifrig mit sich fort. Sie mußte heute noch mit ihr bereden, daß sie mit zum Balle ginge. Der Beert natürlich auch. Ihre Augen gingen bewundernd über den schönen, großen Burschen. Tänzer genug hätten sie. So viel „Techni" und auch Binger Bursche, als sie nur wollten.
Gott, Hendrina, wann kl) mir vorstell', wie schee du im Weiße Kleid aussehe wirscht!" —
Zum Ball in einem weißen Kleid! — Hendrmas Herz besann Gnruhig zu klopfen. Aber sie war ja noch nie auf einem Ball gewesen. Und das litte ihr Batcr auch nicht! Ein Kleid hatte sie auch nicht!
„Awwer Aanze kannschte doch?"
- Tanzen! Ja Tanzstunde hatte sie gehabt im letzten Winter, als sie in Goch bei den Nönnchen in die Klosterschule ging. Natürlich nur Mädchen untereinander. Mit einem jungen Marrn hatte sie noch nie getanzt.
Die Hildegard sah sie erstaunt an. Noch nie getanzt?! Und dann zog sie plötzlich die Hendrina an sich und wisperte eindringlich fragend:
„Du, haschte aach noch nie eine geküßt? Sag', Hendrina, Noch nie?"
Hendrina von Endcrt stand plötzlich still. Ein feuriges Rot lief über ihr Gesicht, bis unter die Haarwurzeln. Und unsicher ging ihr Blick über die Hildegard, die sie so sonderbar ansah.
„Geküßt? Ich? O, Hildegard."
Und da sing die kleine Bingerin an zu lachen, ganz laut. Sie lachte, daß ihr die Tränen in die Augen Fantett. Und zwischen dem Lacheit brachte sie nur mühsam heraus:
„Nei, awwer so was! Hendrina, mer follt's nct glaawe! Noch nie eine geküßt!" Dann plötzlich war sie still. Und noch einmal wiederholte sie: „Keine? Aach de Beert net?"
„Beert? Aber das ist ja mein Vetter."
„Dei Detter? No ja! Awwer deswege tauscht 'n doch küsse!"
Sie sah Hendrina -erwartungsvoll an. Aber die schüttelte heftig den Kopf.
„Nie!"
„Was bischt du for ä Mädche? Mer meint, bn wärscht in em Kloster gewese bis geschtern odder bis heut'. Hinnern Beert misse mer uns steche. Der muß es dorchsetze bei dci'm Vatt.er, daß ihr mitgeht uff'n Ball. Ae Kleid kriegschte aach gemacht. Dei Vatter hot 's jo derzti! Was macht'I denn atts, wenn du du entöl ä weiß Kleedche kriegscht!"
Als am Abend dieses TageS Hendrina van Endert in ihrem Schr-ankbette lag, öffnete sie noch einmal die kleine Luke. Es war heller Mondschein, vom Rheineis schien ein weißer Schimmer auszugehen und das ganze Tal ztt erfüllen. Der Hafenweg lag
breit uttd kveiß wie verzuckert, die laublosen Aeste der KastantM ftachett schwarz in den helfen Himmel. Hendrina van Endertz sah lange hinaus. Zwischen zwei Kashanienbäumen staitd eine einsame Bank. Da siel ihr ein, lvas Hildegard heute erzählt hatte. Und während sie so lag ititb seltsame Gedanken durch ihrett Kopf gingen, Hörte sie drattßen den schweren Schritt des Matthes, der die letzte Runde um das Schiff machte. Und schnell schloß sie die Luke. Und dann dachte sie an Beert. Sonderbar, daß sie sich bis heute niemals vorgestellt hatte, wie es wohl sein möchte. wenn der Beert sie küßte. Und wie die Hildegard gelacht hatte über sie. Ja die, das ivar eine! Die wußte andere Dinge als sie, die hroch fast ein halbes Jahr älter war. —
Nebenan in der kleinen Stube richtete jetzt ihr Vater sein Nachtlager her. Der Beert schlief jetzt unter Deck. Sie war gut beivacht, die. schöne Hendrina vait Endert. Mer sie fühlte etwas wie eine Furcht im Herzen. Bor lvas? Sie hätte es nicht zu sagen gewußt. Ein Schauer lief über ihrelt Körper, sie hatte weinen mögen. Und doch war ihr tvohl zumute, fast >vie einem Kinde, das mit bangem Entzücken einen Blick in die Weihnachtsstube wirft. Die schöne Hendrina van Endert lvußte nickt, daß sie schmierte vor dent ersten Mick, beit sie getan hatte in ein unbekanntes Land.
Später schlief sie ein. Und im Traum saß sie ans der Ban? zwischen den Kastanien.
III.
Der Silvesternwrgen war klar und kält. Der Schnee war ganz ttzocken vor Külte, er knirschte und kreuschte unter jedem, Fußtritt, das Rheineis schimmerte und glitzerte bläulich. Aus den kleinen Schornsteinen der Kajüten int Winterhafen wirbelte der Rauch emsig in die Kälte, kerzengerade aufwärts. Jedes Geräusch tat durch die klare Lust so deutlich herüber, daß das- ganze Tal erfüllt schien von einem Klingen und Klirren. Die Ebnung des Weges über den Rhein war jetzt so weit gediehen^ daß die beiden Parteien, die von Bingen und die von Rüdesheirn, beinahe auf der Mitte des Eises znsammentrafeit. Man hörte das Aufschlagen f.fcr Eispickel, in das sich Glockengeläut tont Rochusb erg von Bingen und Rüdesheim so wunderlich mit anderen Tönen mischte, mit Hämmern und Klopfen auf der? Schiffen, mit Geschwätz und Gesang und all dem Geräusch das täglichen Lebens.
Hendrina hörte es von ihrem Bett aus. Sie hatte die Luke geöffnet und sah hinunter auf die glitzernde Eismasse. - Sie schaute und horchte angestrengt. Es war ihr, als höre und sehe sie Dinge, die sie früher nie gesehen und gehört hatte. Ein Rabe strich krächzend mit schwerem Flügclscklag dicht an dem Schiff vorbei,, setzte sich auf das Eis nieder und fraß gierig etwas, was ihm von einem der Schiffe zugeworfen wurde. Wie ev drollig auf- und «»'.'spazierte und sein metallisch glänzendes Gefieder aufsträubt?.
Ihr Vater rief sie. Aber fie wollte noch nicht aufstehdit. Es war so schön zu liegen und feinen Gedanken nackzuhängen, krausen, queren Gedanken. Sie nahm ihren dicken Zopf auf und betrachtete ihn, Wie hatte, die Heldegqrd ihr Haar bewundert.


