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(Rebaftion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch, und Stemdruckerci/ R. Lange, Giebel
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deren Abschattungen Perlgrau, Erbsengrün »der Türkisblau ttoW herrschen. Das beliebteste Material, aus dem sie verfertigt ivcix den, ist schwarzer Samt: der Putz wird sich den. kühnen geschwun- genen Grundlinien des Hutes irn leichten Flns; anschnüegen müssen, Daneben erscheinen aber auch kleine, runde, aufgeschlagene .hüte,' die Mützeistornien aimelnuen und von denen kecke, kleine Feder-; bnsche herabnickeir. Solch ein Mützchen, kühn aufs Ohr gesetzt und mit der Frisur zusaminenkomponiert, verleiht einem jungen? Gesicht etwas Dämonisch Verführerisches und erinnert an Mephistos teuflische Kopfbedeckung.
"Der i a l s eh e Z a r c n r e t t c r. Eine der tollsten Komödien der Weltgeschichte, die imseren Operettcntibrettislen bisher entgangen zu sein scheint, verdient ivohl, bekannter zu werden, als sie es offenbar bisher war, denn noch in der neuesten Ausgabe von Meyers Konversationslexikon ist git lesen, daß das von Karakosow im April 1806 verüble Attentat aui Sllexander II. „von dem Bauern Konunissarow verhindert" worden sei. In Wahrheit ist der biedere Ossig Iwanowitsch Konunissarow §u seiner historischen Zarenretter-Rolle ans die denkbar komischste Weise gekonrnien. Karakosow hatte, nachdein er den Fehlschuß aus den Kaiser abgegeben, die Pistole sortgeivorsen und die Fllicht ergriffen. Unter den ersten, die au? den Knall herbeieilten, beiand sieh auch eilt höherer Offizier. Dieser sah in der Nähe der Stätte, von der aus der Mörder geschossen hatte, einen Menschen liegen, der anscheinend betäubt war. Der Offizier reimte sich nun in der Amregung, übrigens wohl im besten Glauben, zusammen, der Bewußtlose sei dem Mörder in die Arine gelallen und dabei von diesem zu Boden geschlagen worden. In Wahrheit war Kommissaroiv — so hies; der etwa 25jährige Mann — einiach vor Schreck ohnmächtig geworden. Er erholte sich schnell ivieder, woraus ihn der um ihn bemühte Offizier stürmisch umarmte lind der ihn umdrängenden Menge als den Lebensretter des Zaren vorstellte. Im Triumph wurde Ofsip Iwanowitsch durch die Straßen gelührt, rind es begann ein Humbug, wie ihn Petersburg nicht zum zweiten Male gesehen hat. Kommissaroiv, ein harmloser Bursche, der willenlos in die Nolle hineingedrängt wurde, die man ihn spielen liest, war der Held des Tages. Wo er erschien, wurde der Mützenmacher — das war er von Beruf — mit brausen- denr Jubel empsangcn, im Theater erhob sich bei seinem Eintritt das gesamte Publikum und stimmte die Nationalhymne an, die Offizierkorps gaben ihm Feste, bei den höchsten Würdenträgern des Staates wurde er als Ehrengast zur Ta'el geladen, man schenkte ihm Pierde und Wagen und überschüttete ihn förmlich mit Brillanten — kurzum, man ließ seinen ganzen Patrio-. tismus an ihm aus. Es soll der damalige Ches der brüten Abteilung, Gral Peter Schuwalow, der spätere Botschafter, gewesen sein, der deui Zaren riet, die Illusion nicht zu stören, da diese Stimmung in der Gesellschaft unter den herrschenden Verhältnissen sehr viel wert sei. Dieser sah das ein und konnte nun natürlich nicht umhin, seinem „Lebensretter" seine Dankbarkeit zu beweisen, trotzdem gerade er der klassische Zeuge daftir ivar, daß Kommissaiow gar nichts „gerettet" hatte. Der Atützenmacher wurde in den Adelstand erhoben und zum Hnsarenoifizrer ernannt, überhaupt nuf jede Weise ausgezeichnet. Sein alter Vater, der wegen gemeinen Diebstahls nach Sibirien verschickt war, wurde begnadigt tind zurückgeholt. Aber der alte Schuft war geriebener als sein Spröstling, imd begann mit der Lebensrettung ein lukratives Geschäft zu machen. Er spielte sich als intimer Ratgeber des Zaren vor minder einsichtigen Leuten auf, versprach Stellen und machte schließlich den Behörden solche Schivierigkeiten, daß man ihm irgendwo ein Haus fniiftc und ihm bedeutete, er werde unauffällig wieder iinch Sibirien zurückgeschafst werden, wenn er sich weiter wichtig machte. Doch auch der Stern des Lebensretters selbst sing an zu sinken. Es war allmählich etwas durchgesickert, und mit einem Male wußte die ganze Stadt, daß ein ungeheurer Sclnvindel getrieben ivnr. Daraufhin wurde auch Konunissarow der Jüngere schleunigst „disloziert". Sein Name verschwand ou6 der Presse. In der Nähe von Moskau soll er ein kleines Gut besessen haben, wo er gegen Ende des Jahrhunderts, völlig verschollen, gestorben ist.
* In der Sprech stund e. Arzt (während der Unter«5 suchung eines zu Versichernden): ,,Also dis auf einige Kinderkrankheiten waren Sie stets gesund?" Und wie sitid diese Krankheiten verlausen.?" — Der Untersuchte: „So viel ich mich erinnere, Herr Doktor, verliefen sie in keinem Fälle tödlich!"
Wer di« iviedererwachte Natur, (wie Wir sie auch aus den Sichern Walkers v. d. Bogekweide so put kennen), diese Frühlings- und Festes stimniung weitere Kreise -ergriffen haben, ohne daß jetzt eben mehr an den einstigen Anlaß des Festes gedacht wird!
Wer übrigens nicht „alle Tagender Neujahrszeit feier» kann, hat doch am 15. Tage nach der Neujahrsnacht noch einmal Ge- Ldgenheit, an einem Feste keilznnehmen, das zwar bloß einen Tag dauert, aber nicht minder glanzvoll' und reich an Belustigungen ist wie der Neujahrstag selbst. Denn auch- am Laternenfeste nimmt reich und arm den regsten Anteil und jeder ist bemüht, sein Häuslein in dein strahlenden Scheine unzähliger bunter Papier- Ititcrnen erglänzen zu lassen, so daß selbst über dem kleinsten! Tors ein märchenhafter Lichtschimmer gebreitet liegt. Der Ursprung des Festes ist nach „Ferd. Heigk: Die Religion und Kultur Chinas" folgender: Die einzige Tochter eines vom Volke sehr geliebten Mandarins soll sich in einer dunklen Nacht ertränkt haben. Um dem Vater den Leichnam der Tochter zu verschaffen, soll alles 'JMt mit Fackeln und Laternen an die Ufer geeilt sein. Zur Erinnerung an dieses Ereignis mit dem wenig freundlichen Hintergrund, soll das Fest stattfinden.
So können wir ivohl sagen, daß das chinesische Neujahrsfest mit Einschluß dös Laternensestes .zu den Hauptfestlichkeiten der Ehinescit, gehört, .daß in den ersten Tagen alle Arbeit ruht, während in den anderen Tagen des Jahres das' denkbar geschäftigste Leben und Treiben in einer chinesischen Stadt ununterbrochen herrscht, da der Chinese die Sonntagsseier nicht kennt. Mit dem Neujahrsfest gemessen, treten hinsichtlich des Aufwandes die anderen Festlichkeiten, so das Drachenbootfest, das Gräberfest u. a. in den Hintergrund, und der China Besuchende kann nirgends buttere Bilder sehen und unauslöschlichere Eindrücke empfangen als in China zur Zejit der Nenjahrsiage.
Nsitsel.
Im westlichen Deutschland bin ich ein Fluß Und eile durch viele fruchtbare Auen, Wenn aber mein Haupt ich entbehren muß, So pflegst du nicht selten nach mir zu schauen.
Auflösung in nächster Nummer:
Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer r WESE U
. *■ Zähl u n g en ei n st u n d jetzt. Ami. Dezember gehen m der Gegend von Königsberg bei Wetzlar wiederum die Zähler von Haus zu Haus, um die festgesetzte Viehzählung vor- zunehmen. Tie älteste derartige Z.ä h l u n g im ehemaligen Amte Königsberg geschah im Jahre 1648 von dem Geheimen Kammerrat Georg Daniel Ebel zu Gießen. Damals zählten die Dörfer Bischoffen, Niederweidbach, Obrrweidbach, Roßbach, Frankenbach, Naunheim, Waldgirmes und die Stadt Königsbergs in dem gleichnamigen Stinte zusammen 186 Morgen Landes mit einem mittleren Ertrag von 25 bis 30 Sichling (Garben). Die Zahl der Pferde int 91m# betrug! 48, der Schörgochsen 41 (Zug- vchsen), der Kühe 267, der Schafe (meist fremder Herrschaft ge- hörig! 1188. Mit unseren jetzigen Verhältnissen verglichen, läßt sich aus der geringen Anzahl der bestellten Morgen und deut kümmerlichen Ertrage auf die ungünstigen Zeiten schließen, die die Landwirtschaft in diesen kriegerischen Jahren dnrchzumachen hatte.
* Vom Winterhut. Aus Paris wird geschrieben: Der Hut ist zwar unter den vielen Dingen, mit denen die Frau sich schmückt, nur eine Zutat: aber es wird heute viele Damen geben, die ihn für den wichtigsten Gegenstand ihrer Toilette er= klären. Er gibt dem Kostüm erst den eigentlichen Abschluß und verleiht der Erscheinung die besondere Rote. Die merkwürdigen Kopfbedeckungen, denen wir unter den neuesten Hutformen begegnen, nehmen vielfach zu wenig darauf Rücksicht, daß sich der Hut mit Mantel «der Jacke zu einer geschlossenen Einheit verbinden muß und nicht xtwa ohne jeden Zusammenhang mit dem Kleid gewählt werden darf. Der Hut ist für die Kleidung etwa, was das Dach für das Haus bedeutet: der krönende Abschluß, der eine anmutige und schöne Lösung für die ganze Zusammenstellung finden muß. Die riesigen Pelzmützen, die breit und hoch über dLr Stirn aufsteigen, die Linien des Kopses verhüllend und die Augen wie das halbe Gesicht beschattend, passen höchstens zu schweren weiten Reisepelzen, während sie lächerlich und ungeschickt über einem gut gearbeiteten Kleid sitzen. Auch wird durch sie das Haar, das ein Hauptschnnick der Frau ist, völlig verborgen. Feiner und vornehmer sind die kleinen Pelzhütchen, die fesch auf dem Scheitel sitzen und unter ihrem sparsamen Ausputz den Glanz des Haares reich hervorleuchten lassen. Das eigentlich Bestiimneude des diesjährigen Winterhutes ist -eilte bewußte Ungleichheit der Seiten, von denen die eine aufgeschlagen wird. Die Dreispitz-Mode, die dieses Em vornehmen der Krempe einführte, ist zwar bereits wieder im Abklingen, denn sie bot zti gleichförmige Formen, die rasch nachgeahmt werden konnten. Stint, Haare und Augen, die im Sommer unter den tief beschattenden Ricsenhüteu ganz versteckt waren, sollen wieder sicht- var werden. Darum wird der Hut mehr in den Nacken geruckt, das Schwergewicht ganz auf die eine Seite gelegt und die andere in kühnem Schwung emporgenommen. Alles kommt hier ans bte richtige Haartracht an. In vollen Wellen muß das Haar Sewuuden sein und sich mit den Federmassen, dem Pelz oder -amt, zur Einheit zusammenfügen. Diese ailfgeschlaqenen Formen erscheinen entweder als gewaltige Federhüte, wie sie bereits die malerische Zeit der deutschen Renaissance liebte, reich umwogt von hellen Federn, die in eine farbige Buntheit übergehen und in


