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. Mit verhaltenem Atem lmrschte ich und! meine Augen schauten m dre schwarze Nacht hinein. Denn eS war ein Brausen in der Mft, em Raunen ringsum und hoch oben am Himmel zogen schwarze schatten tu zäher Hast vorbei, dem! nahen Walde zu- Mend Und ni meiner Knabenphantasie wurde das Rauschen hes^Mntersturmes zur Sprache der umziehenden Täuwueu und s"Eer, die schwarzen Wolken oben am Firmament waren sie selbst!.
Biele xiahre waren verflossen, als ich glaubte, in den hei- rigen Rauchnachten den Zauberspuck mit eignen Augen gesehen M haben und vergessen war jene Rächt, als ich einst fern vom heimatlichen Laude plötzlich wieder daran erinnert werden sollte.
. Seb stand in einer sternenhellen Nacht auf dem Hinterdecke emes Schiffes, das im Hafen lag. Rur die -Schritte des Wache haltenden Offiziers unterbrachen die Stille. Allein war ich wack nmteben, denn die tropische Nackt Ivar unendlich mild und eine xVlts «ist wehte so erquickend. Eine besonders festliche, feier- lrche «tinMung ergriff mich, als ich hinüberschante über eine Itteite Wasserfläche, über die sich die Nacht hserabgesenkt hatte.
Wie ein Christbaum mit nnzähligeir Lichtern stand HvnMna über dem Meere und ab und zu huschte das Flämmlein, einest Bootes tote em GeiWein über daS Wasser. Feierlich still war die Nacht, märchenhaft der matte Schimmer der Lichter und,- >vie einst in der Veimat, glaubte ich, dast sich auch hier im fernen Osten, etivas fi.nl und heimlich vorbereiten müßte zu zaubrischem Tun, das dem kund wird, dessen Herz noch voll des süßen alten' Kinder- graubens ift. Und da ich wußte, daß für den .Bewohner des vftaswtlschen KvntimmtS weihevolle Mächte sich über sein Land legten, so wurde meine Stimmung doppelt angeregt — der Zauber der chmesifchen Neujahrsnächte war es, der mich so seltsam ergriff.
Tas Neujahrsfest, sin-nien, ist das große Fest der Chinesen, rhr Weumachtssest, und Ivie bei uns in der heiligen Nacht auch in des Annen Hütte ein Tannenbäumchen in seinem Lichter- schmuck fümmert und Freude bereitet, so freut fick) zur Zeit des Reuzahrssestes in China jung und a!lt, reich und arm beS süßen AchiMms; selbst der arme Rikschakuli, der wie ein Pferdck-en fein.Wägelchen zieht und jeden anderen Tag so ungemein geschäftig ist, feiert mit und wenn es nur auf dem bescheidenen Sitz seines Wagens ist.
Das chinesische Neujahrsfest ist das glänzendste aller chinesischen Feste und seine Dauer (vom 21. Januar bis zum 19. Februar! ist lange genug, nm bat Becher der Freude bis auf die Neig« kerren zu können. Freilich wird es nach den ersten Jübeltagew in der Kasse der armen Schilucker übel aussehen und die reu)tc AfÜMtvittivochsstimnuing auf bett Freudenrausch folgen, während di« mit Glücksgütern Gesegneten die Gelegenheit des Feierns, sv'lango es nur irgendwie geht, nicht vorübergehen lassen. So sah ich noch nach dem 19. Februar in Penang, dem Platze reicher Chinesen, ganze Scharen in den feinsten Seidengewündern hin- aufpilgerit durch die prächtigen Paluwuivalder nach deut in herrlicher Umgebung gelegenen großen Tempelbezirk tiön Ayer-Cttnm, l!M dort noch zu feiern und zu opfern.
Schon die Vorbereitungen zum. Feste lassen uns ahnen, daß jeder Chinese alles aufwendet, um das Fest würdig begehen können. Selbst die Mühe des großen Reinemachens vor dem Haupttage scheut ixt der Chinese nicht und bei meinem Aufenthalte in Cantvn kurz vbr dem Feste wurde überall, auch in der kleinsten Mandschnhütte, geputzt und gesäubert.
lind welch ein Leben und Treiben in Hongkong- vor dem Hauptrummel! Eine nngeheure^Menschemnenge, summend >vie ein Bienenschwarm, füllt alle Straßen und jeden Platz. Hat Matt Hvngiiottg in feinem alltäglichen Slraßenbilde gesehen, so kann Man sich nicht genug wundern, woher denn mit einem Male, Wie aus der Erde gestampft, diese Flut vott Zopfträgern kommt.
Welch ein Treibett, welch ein Lärmen, Handeln, Feilschen seilbst im Keinfteit abgelegensten Winkel! Alles Erdenkliche wird da MM Verkaufe aus den Markt geworfen. Zunächst kann man* Mrs Nötige für das Fast selbst bekommen, seidene Gewänder, bunte Papierlaternen, Feuerwerkskörper aller Art, Biktualien, ausgestapelt in unheimlichen Mengen. Dann aber verkauft der Chinese, der an diesem Feste klingende Münze am meisten nötig hat, selbst von seinem eigenen Hab und Gut. Denn feiern >vill feder Chinese — das erfordert schon der Anstand — aber dies Verschachern des eigenen Hausgerätes, der sonst während des ganzen Jahres sorgsam gehüteten Kostbarkeiten, hat noch einen anderen Grund. Meist sind es verschuldete Chinesen, die ihre Habseligkeiten jedem Vorübergehenden attpreisen, um wenigstens nur das Geld zunt rechtzeitigen Bezahlen der Schulden einzuheimsen. Am Neujahrstage nämlich müfsett alle Schulden bezahlt sein, und der Gkäubiyer hat für beit Fall, daß sein Schuldner säumige ist, das Recht, tit die Wohnung des firmen Schuldners durch- Fenster und Türmt einzubrechen, umZich ein Pfand zu holen!. Tas märe aber immer noch nicht das Schilimmsts. Das für den Chinesen ganz Schreckliche! besteht darin, daß zugleich mit dem Eindringe« des' boshaften Gläubigers die bösen Dämonen mit ins Haus kommen Wunen — o wie fürchtet sich vor ihnen jeder Chinese! Tie Sorge und Angst, dis bösen Geister dann ständig im Hause zu haben, beherrscht den Chinesen so vollständig, daß er alles aus- metet, um diesem gräßlichen Schicksal zur entgehen. Was dem! Fremden da 'zunt Berkattfe angebvten wirb, ist nicht zu beschreiben,
und^zMveilen suchet stch noch unter all dem Kitsch und Jabrs- mEplunder ern tmrtvollerer Gegenstand. Es ist eiue^ imp fiÄÄ'.fr'oIJ diesem Menschengewühl den aklererderA sick sten Kram tu den Laden, in den Bertanssbuden, ja sogar aus dem Boden der Gasten und Wmkel zum Verkauf angeboten zu sehen Und tote Mel Gegenstände, die sonst als Heiligtümer in der Samtlte gclteir, wandern tit die Pfandhäuser, die an diesen Tagen vollgepfropft fmd, tote tn München dieselbe« Institute vor dem.
, ^a,ant Neuzahrstage braucht der Chinese Geld, Geld und nochmals Geld «« kommt es, daß in diesen Tagen ein Geld;- stuck auf den Chinesen einen unwiderstehlichen Zauber aus-M. Tritt man an den Verkaufsstand eines Chinesen Kran, st bringt er unter vielen Kotaus eine Unmasse von Sachen herangeschleppt, Bronzevasen, Specksteinschnitzereien, Teerholzfiguren, Terrakotta^ arbeiten; fragt man nach dem Preise, st ist er in die Höhe geschraubt, wie an keinem anderen Tage, aber während das Handeln mit dem Chinesen sonst nicht immer die leichteste Sache ist, greift man vor deut Neujahrsfeste blofi in die Tasche, holt ben blanken mexikanischen Dollar heraus, hält denselben dem! Chinesen vor die Augen und er langt danach mit fiebernder Hand, während man seine so leichten Kaufes erworbene „Porzell-mvaft mit blauer Unterglasurmalerei" in das fast schon volle Riffcha- wögclchen verstaut.
Jstl Aron das Leben und Treiben in diesen Tagen an und rät ftch intere>saut genug, st fesselt besonders das Auge eine tiefe Farbenpracht ringsumher und die Maler bcS Orients in der ersten! Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten hier neue Anregungen gewonnen. RirgendZ kann man sich den Farbenreichtum eines Straßenbildes lebhafter denken als in China in bett Tagen vor den ReujahrSnäcksten. Ta blitzt und glitzert es' nur st in den Läden von prächtigen, goldgetoebtcn Stoffen, bunten Papierlaternm, ttefanfglüheuden künstlichen Blumen, vom goldenen Zierat jnntl Schmuck des Hausaltars. Und wenn dann abends die Lichter aus al! die färben sprühenden Gegenstände fallen und das Spiel«« der Farben zu einem harmonischen Stetig von unerhörter malerischer Schönheit zusammenklingt, so gönnt mau gerne dem B»M die Freude, da auch für uns ein Teil davon abfällt.
Und wenn wir auch in unseren! Gebräuchen dem chinesischen! Leben, Denken und Fühlen ferne stehen, st erfaßt ims doch der Reiz der Sage, wenn wir hören, daß in der Neuzahrsnacht selbst der Küchengvtt hinauf zum Himmel steigt und dort oben berichtet, was er während des Jahres am häuslichen Herd gesehen hak. ilm ihn zu bestimmen, im Himmel günstig über die Menschen! zu berichten, opfert man ihm, d. h. verbrennt vorher, um ffe zu vergeistigen, Pferde und Wagen für die weite Reise. 38er sich aber seiner Schuld und seiner int verflossenen Jahre bet- gangenen Fehler bewußt ist, streicht dem über dem Herd hängenden^ aus Papier verfertigten Küchengott eine süße Zuckermasse, die möglichst pappig ist, über die Lippen, damit sie sich nicht öffnen, können. Neben dem Kücheugott werden die Ahnen, die Pmastnl und Hausgötter verehrt.
Wie jeder Hausvater, st opfert auch der Kaiser und fei«! .Hofstaat zuerst am Morgen des Neujahrstages dem Himmel und der Erde, den Gestirnen und dem Drachengvtt und in die Dnnk- gebete für das im vergangenen Jahre empfangene Glück mischt sich das Gebet um Segen für das neue angebrochene Jahr. Der Neujahrstag selbst ist dem engeren Kreis der Familie getoibniiet und ganz im Gegensatz zum Abend vorher ist es auffallend stille in ben Gassen. Nur der starke Geruch vom Weihrauch der ?bbo<!- hAzer und der unbeschreibliche Tust der gesottenen und gebratenen Leckereien lagert überall. Aber am 2. Nenjahrstaae füllen sich wieder die Straßen mit ben festlich gekleideten Meuschau, lutfcl ein buntes Volk wogt schiebend unb bräatgenb durcheinander. Die Glückwünsche iverbeu einander dar gebracht und !vo man glaubt, eine Aufmerksamkeit schuldig zu sein, werden auch Geschenke gegeben. Tie folgenden Tage gelten allgemeinen Belustigun-M, unter denen Schmausereien und vor allem die Glücksspiele obenan stehen, und wer Geld genug hat, feiert, bis er der beständigsN! Freude müde wird.
Wie das Weihnachtsfest in verschiedenen Ländern verschieden gefeiert wird, so gilt dasselbe auch vom! Neujahrsfest der Chinesen. In der Hauptstadt „Peking" opfert das Volk dem obersten HiM- melsgott — Schang-ti. Ta steigt Schang-ti, der edelfteingleickst, oberste himmlische Kaiser herunter zu ben Menschen und weilt kurze Zeit unter ihnen wie Mahadöh in Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere".
Einen religiösen Grund oder einen tieferen Anlaß zum Feste, bei bene ein so seltener Aufwand und Luxus getrieben wird, vermag man, wenn man nach der Ursache dieses Festes fragt, zunächst nicht anzugeben. Die Chinesen feiern das neue Jahr nach dem Ablauf von 354 Tagen ebenso wie iuir, um von dem! neuen Jahre Glück und Segen zu erbitten*.
Aber den ersten Anlaß zu dem Feste mag tr-ohl das ackerbautrei- bends Volk gegeben haben. Tenn so glanzvoll wie jetzt wurde in# Altertum das Neujahrsfest nicht gefeiert. Nur der Bauer hatte zunächst Grund, sich im Februar zu freuen und in diesen Tage«! ein Fest zu begehen. Tenn die Natur fängt wieder an zu grünen und zu blühen, und die Freude darüber und der Gedanke an die künftige reiche Ernte wird bei dem Landvolke wohl das tzimpb- mdtiv der Feier gewesen fein. Tann kann za diese «yreudü


