Ausgabe 
7.1.1909
 
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her Unglückliche mutz Weiten iw er iM vielleicht, test tat am Morgen ihm helfen kaun. Aus der Mchbarschaft tont schaurig das Klagegeschrei eines anderen Halbverschiillcten; es scheint leicht, tim zu retten, man versucht ihn herwrzuKichm, ein furchtbarer Schmerzensschrei hallt durch die Luft, die Mauern geben die zerschmetterten Beine nicht frei. Auch er wird auf den .Koggen vertröstet, lleberall sieht man so diese Unglücklichen, die das härteste Los aller betroffen hat: sie leben noch, ooch man muß sie sterben lassen, den» es ist unmöglich, sie zu retten, ohne größeres Hebet damit anzurichten. Hier fleht ein hilfloser Greis um Rettung: stumm, mit Uisammengeprchten Lippen schreiten dce Feuerwehrleute weiter, Hilfe ist unmöglich: er muß sterben. Ae grausame Notlveirdigkeit kennt fein Erbarmen, man geht so weit, diese it Unglücklichen keine Nahrung zu. geben, um ihren Todeskampf Nicht unnütz zu verlängern. Auf dem Marktplatz, iverben einige Männer bewacht, die verdächtig sind, Leicheuränberet getrieben Zu haben: mir wenige Indizien und sie sind der Kugel sicher. Mit unerbittlicher Streiige wird das Kriegsgericht durchgeführt. Mer arößte Teil der Sträflinge aus den Gefängnissen ist entwichen, aber Mann um Mann kehren sie wieder, um sich dem erst besten Carabinieri auszuliefern, denn was nutzt die Freiheit, wenn sie nichts bedeutet als ein langsames Dahinsterben durch den Hunger. Furchtbare Bilder auf allen Seiten. Hier hängt halb zerschmettert Zwischen ten Gitterstäbcn eines kleinen Fensters die blutige, schon halb verweste Lerche einer Frau: dort aus dem Sckmtt ragt der Körper einer anderen, die Mutterfreuden entgegen- ging und die Leichen von zwei kleinen Kindern, im Tode noch angstvoll an die Brust preßt. Bon einem Balkon herab hängt snit dem Kopf nach unten der Leichnam eines jungen Mädchens; in der Verzweiflung wollte sie herabspringen, der Rock verwickelte sich tot Gitter; so hängt sie seit vier Tagen, ein grauenerregender Anblick, halbnackt, die schwarzen Haare im Sturme, flattern . . . Eine andere Frau wird von herabfalleuden Mauern in den Winkel ihres Hauses gepreßt; drei Tage lang steckt sie hier hilflos Wir im Grabe, unfähig die geringste Bewegung zu machen. Ihr Gatte und ihre Kinder waren tut y immer, das über dem ihren lag. Hilflos eingepfercht in ihrem Versteck spürt die noch Lebende, wie durch die geborstenen Manerreste über ihr warme Tropfen auf sie. herinederrinnen, eilte weiche schleimige Masse, die ihr über Kopf, Arme und Brust läuft, dann gerinnt und kalt und Zäh Wird. 'ES ist Blut, das Blut ihres Gatten und ihrer Kinder, die wenige Steter über ihr von den Steinen zerquetscht sterben. ®ie Unglückliche wurde.später gerettet. Sie Hat den Verstand verloren, ihren Namen vergessen, und in ihrem verwirrten Geiste lebt nur noch die Erinnerung an jenen grausigen Regen tont Blute ihrer Liebsten. Ein gräßlicher Verwesiingshauch liegt über der Stadt. Es ist unmöglich, die Tausende von Leichen zu bestatten, und nun ist es, als rächten die Toten sich an d-en Lebenden dafür, daß niemand ihnen eine letzte Ruhestätte bietet. Als der englische Dampfer Ophir endlich im Hafen eintraf, erreichte die Verzweiflung ter Neberlebenden' ihren Höhepunkt. Der Landweg war ihnen ab- heschintteu, die Flucht über die See die einzige Rettung; nun lag das Schiff da draußen und der wütende Sturm machte es unmög­lich. an Bord zu kommen. Alles drängte zum Hafen, Männer schleppten ihre verwundeten Frauen auf dem Rücken, aber die Wut der Wogen kannte fein Erbarmen und stundenlang irrte die Menge am Ufer umher, den Blick auf das Schiff gerichtet. Als endlich das erste Boot zum Lande kommt, entspinnt sich ein ivilder Kampf, es gelingt den Seeleuten kaum, das Fahrzeug zu retten, und als endlich die ersten vom Ufer abstoßen, kennt die ohnmächtige Wut ter Zurückbleibenden keine Grenzen.

vermachtes.

* Einenh r für 80 Pfennig. Der Uhrmacher Daniel Drawüaugh in Eberlys Mill will eine Uhr erfunden haben, deren Herstellungskosten sich auf noch nicht ganz 50 Pfennig belaufen und die von den Zwischenhändlern mit ganz gutem Nutzen für 80 Pfg. verkauft werden soll. Die Uhr soll ebenso gut und richtig gehen, wie irgend ein teueres Fabrikat, und Draivbaugh übernimmt für diese eine dreijährige Garantie. Es dürfte bald jedermann, in der Lage sein, sich eine Taschenuhr beizulegen.

* Kinderreich tum in Frankreich. Obgleich die Bevölkerung Frankreichs seit Jahren auf dem gleichen Ni­veau bleibt, so gibt es doch in diesem Lande Gegenden und Ortschaften, wo Kinderreichtum nicht eine Ausnahme, son­dern eine Regel ist. Am bezeichnendsten dafür ist die kleine Ortschaft Verrieres tu der unmittelbaren Nähe der Schweizer Grenze. ES ist ein überaus pittoreskes Dörfchen, wo durch­wegs Familien mit zehn bis zwölf Kindern anzntreffen sind. Vorige Woche feierte dort ein Bauer seine goldene Hochzeit in Anwesenheit von 42 Enkeln und Kindern. Eine Fran Botte hatte dort 26 Kindern daS Leben geschenkt, während

der Steuereinnehmer Crelier glüMcher VaterDon 25 Än­dern ist. Ein anderer Großbauer, Hamard, hat 20 Kinder und eine Schivester hat ihren Gatten mit 19 Kindern beschenkt.

* Tolstois Gesundheitsregeln. Zehn Vorschriften,' für eine vollkommene Hygiene hat der greife Tolstoi unlängst in russischen Blättern veröffentlicht, nach denen sie im Grmlois föte gendennaßcn wiedergegeven werden: 1. Tag und Nackt in frischer Luft leben. 2. Alltäglich Uebungen in freier Luft machen, arbeiten oder spazieren gehen. 3. Mäßig und einfach frinfni und essen. Milch statt des Alkohols. 4. Sich gegen Kälte abhärten, inteast man sich mit eiskaltem Wasser wäscht. Montags ein warmes Bad. 5. Leichte und weite Kleider tragen. 6. Ein trockenes ge* räumiges und sonniges Haus bewohnen, dessen Besitzer man ist. 7. Strengste Sauberkeit, auch in moralischer Hinsicht,, ein Heil­mittel gegen die Epidemien. 8. Regelmäßige und intensive Arbeit- Tröster uit Unglück, Frendenkur, Vorbeugnngsmittel gegen die Krankheiten des Körpers und des Geistes. 9. Nach der Arbeit lärmende Zerstreuungen vermeiden, Muße in der Familie. NachtÄ schlafen. 10. Um sich gut zu befinden, arbeiten und gute Taten tun. Und Tolstoi fügt hinzu:Es hängt nur von den Leuten ab, sich dasselbe Glück zu erobern."

* Der vierbeinige Detektiv. Von einem Hündchest wurde eilt Gelegenheitsdieb in der AugusteMiktoriastraßc zu Wil­mersdorf entlarvt. Einige Arbeiter hatten dort aus einem Ber­liner Geschäfte Waren abzuliefern, und unterdessen hatte die Frau des Hanfes, ohne es zu wissen, auf kurze Zeit ihr Portemonnaie auf dem Tische liegen lassen. Bei ihrer Rückkehrstellte" ilch Hündchen einen der Arbeiter und ließ ihn nicht mehr lvs. Ist der Frau stieg ein Verdacht auf, und bald entdeckte sie, daß aus ihrem Portemonnaie ein Zehnmarkstück fehlte. Da der Mann be-> stritt, es genommen zu haben, tourte die Polizei geholt. Eins Leibesvisitation blieb erfolglos, ebenso eine Durchsuchung des Raumes, Als aber endlich auf Geheiß ter Polizei der tot- dächtige Mann seinen Mund öffnen mußte, da der kleine Detektiv nicht locker ließ, kam das Zehnmarkstück zum Vorschein. Der Dich hatte es mit zwei Zehnpfennigstücken unter ter Zunge verborgen. Der Entlarvte, ein Arbeiter Karl Schön, umrte darauf der Kri­minalpolizei und dem Untersuchungsrichter vorgeführt.

* Das strengste Hntverbot der Welt, bedeutungs­voll durch ten amtlichen Charakter, den es trägt, ist soeben ist Rio de Janeiro erlassen worden. Zu diesem Gesetz entschloß sich nach längerer Sitzung soeben der dortige Gemeinderat, intenü er ein Verbot erließ, das gesetzliche Kraft hat. In allen Theatern, groß und klein, auf allen Plätzen, sind die Hüte in jeder Form verboten, und Artikel 1 des Verbotes besagt, daß alle Theater voitz NUN ab Kästen haben sollen, in denen die Hüte aufbe'wahrt wer­den. Artikel 2 besagt, daß diese Borschirift innerhalb von drei Monaten nach Bekanntwerten des Gesetzes in Kraft tritt, uitti Artikel 3 ist der strengste, indem er kund gibt, daß alle Pächter u. Theatereigentümer int Zutoiterhandlungssall mit 500 Mk. Strafe belegt werden, im Wiederholungsfall wird das Theater geschlossen.

Literarisches»

Die Grenzboten haben sich den Ruf erworben^ daß sie die beste und vornehmste deutsche Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst sind. Sie dürfen diesen Ruf auch mit vollem Recht für sich in Anspruch nehmen/ denn der vergangene Jahrgang brachte ivieder eine Füll« wertvoller und bedeutender Beiträge. Reben allen den vielen auftauchenden und wieder verschwindenden Wochen- schriften dieser Art haben sich die Grenzboten stets auf der Höhe gehalten und durch 67 Jahre hindurch ihre Jugend­frische bewahrt. '

Zahlenrätfel»

Die Zahlen sind burct) Buchstaben zu ersetzen, so daß Wörter der nebenstehenden Bedeutung sich ergeben. Die Buchsta'.en 112, also die Amnngsbuchstaben, bezeichnen einen Bundesstaat dcS deutschen Reiches:

1 2 4 5 13 männlicher Vorname,,

2 10 6 10 14 3 Blume,

3 4 b 15 10 2 5 Leckerbissen,

4 2 6 4 16 3 weiblicher Vorname.

5 10 6 3 russischer Fluß,

6 11 10 12 17 2 11 10 14 Held,

7 10 14 10 2 Baum,

8 10 2 13 14 10 6 König,

9 13 16 18 10 Naturgebilde,

10 16 6 15 10 2 deutscher Fluß,

11 6 11 6 ägyptische Gottheit,

12 3 5 6 Vogel. M>>

Auflösung in nächster Nummer r

Auflösung der Charade in voriger Nummer: - M ast bäum.

Redaktion; E» Anderson. - Rotationsdruck und Verla, tei Brühl'schev UMorchlLtü-Buetz- und Strmdruckeret, N. Lang«. Gieße».