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kleinen Tisch und drehte die Lumpe höher, daß der volle Schein auf den andern fiel.
„Rauchst du beim nicht, Paul?"
„Nein, banke!"
„Nicht? Dann hätte ich's auch lassen sollen, wir wären bei den Damen geblieben!"
„Oh — — —! Meine Frau muß den Jungen in's Bett bringen, sie tut das immer persönlich, und Nelda hat die Kinder sehr gern. Uebrigens, nettes Mädchen — nicht wahr?"
Paul Lylander hätte über sich selbst lachen mögen, er saß da wie ein Fischer und lauerte auf den Fisch, der ihm in's Garn gehen sollte.
Leutnant Romer hatte mit seiner Zigarre zu schaffen. „Nettes Mädchen, was?" wiederholte der .Hauptmann. Ramer rauchte eifrig weiter. Keine Antwort.
„Ich dachte, sie würde dir sehr gefallen — so frisch, so natürlich! Nicht war?"
„Hm!" Der Gefragte verzog keine Miene, seine tiefliegenden, in sich gekehrten Augen folgten starr den duftigen Ringen, die er blies.
Xylander nahm einen mächtigen Anlauf. „Also sie gefällt dir nicht?" sagte er kühn. „Da habe ich mich aber mal getäuscht! Auf dem Ball im Ka/ino glaubte ich, du machtest ihr den Hof."
„Ich — den Hof? !" Rainer legte plötzlich die Zigarre hin. „Ich mache nie den Hof. Du weißt, bei meinen Aussichten, in meiner Lage, wäre das geradezu ein Verbrechen."
„Mein Gott, ein Verbrechen? ! Nimm's nicht so pathetisch, alter Junge! Man kann doch einem netten Mädchen den Hof machen, schließlich —"
„Aber nicht der da," unterbrach der andere heftig. „Fräulein Dallmer ist zu schade dazu!" Er seufzte. „Viel zn schade!"
„Da hast du recht!"
Lylander wurde plötzlich ernst, lehnte sich in den Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „Ich will dir mal was sogen, Ferdinand, ich bin neugierig, was aus ihr wird! Vermögen hot sie keius; wenn der Vater die Augen zutut, wird nicht viel da sein. Schwieriger Charakter ist sie, weder schlechtweg schön, noch liebenswürdig, so leicht wird sie sich nicht verheiraten. „Kein gangbares Artikelchen, fein gangbares Artikelchen", wie Siegbert Hirsch auf der Firmung sagt. Ich mache mir manchmal direkt Sorge um sie!"
„Du scheinst dich ja sehr für sie zu interessieren? !"
„Du etwa nicht?"
Beide Freunde starrten sich einen Augenblick an, dann fegte der Jüngere die ausgestreckte Haud auf den Tisch.
„Schlag' ein, Paul, du bist doch noch der alte, gut, liebenswürdig, besorgt! Denkst du, ich hätte es nicht gemerkt, worauf deine Reden zielen? Sei ohne Sorge, da Wird nichts zwischen Fräulein Dallmer nnd mir." Er scheuchte mit der §onb durch die Lust. „Wenn mein Unglück auch nicht wäre! Solch eine Leutuantsverlobung ohne dos nötige Kommißvermögen ist das gräßlichste unter der Sonne! Nebenbei," — er lachte bitter — „für mich ist ja selbst diese aussichtslose Quälerei noch ein zu hohes Glück. Alles, aus!"
Er stützte den Arm ans den Tisch und beschattete die Augen mit der Hand.
Eine Weile wor's ganz still im Zimmer; Lylander schwieg, was sollte er sagen? Es tat ihm leid, aber doch fiel es ihm tote ein Stein von der Seele. Da war nichts zwischen beiden, Gott sei Dank! Romers verbohrte Idee von der eigenen Ehrlosigkeit wor eine gute Woud vor dem Herzen — und Nelda? ! Nun, die war ein verständiges Mädchen; der gab man einen zarten Wink, das genügte, und die Sache hatte ein Ende, noch ehe sie recht angefangen.
„Hör' mal, Ferdinand, du mußt es ihr sagen, so deine Ansichten klar machen — hübsch verblümt natürlich — sie ist klug, sie versteht schon. Es toäre ein Jammer, wenn die Feuer singe und es wäre nachher nichts!"
„Ja, das hcche ich mir auch schon gesagt. Natürlich werde ich Ähr meine Ansichten auseinandersetzen. Merkwürdig, daß sie gerade an mir Geschmack finden sollte! Merkwürdig, aber es ist so!"
Das letzte murmelte Ferdin and von Ramer vor sich bin und zwirbelte zerstreut seinen Schnurrbart. Es tont
nicht gerade geschmeichelte Eitelkeit, die in ihm aufstieg, aber doch ein nah verwandtes Gefühl.
Warum konnte nicht alles anders sein? !
Er ließ die Hand so schwer ans den Tisch fallen, daß der andere zusammeufuhr.
„Bist du nervös, Paul? Haha, ja dos Leben ist dazu angetan, einen nervös zu machen! Du kannst ja nicht mitreden, ober unsereiner — ha!" Er zog die Schultern in die Höhe und dehnte sich, als ob er den Brustkasten sprengen wollte. „Dos beste iuöre, mon schösse sich eine Kugel durch den Kopf, dann hätte bet verfluchte Name Ruh', tmb alles was brunt und brau hängt!"
„Aber ich bitte dich, Ferdinand, tote —"
Rainer fuhr auf.
„Still, Paul, sage mir nichts! Du mußt biet) nicht selbst belügen; würbest au meiner Stelle jo ebenso fühlen, denkst nur: nmß bem armen Kerl, dem Ramer, boch gut zureben, am Eube bildet er sich bann ein, bie Welt hält seinen Batet für einen Ehrenmann, fein Mensch sieht beit Flecken auf seinem Wappenschild. Donner und Doria, ich will euer Mitleid nicht! Es ist mir verhaßt! Laßt mich boch in meiner dunklen Ecke, was quält ihr mich?"
' Er sprang auf und stieß unwirsch beit Stuhl zurück.
„Kein Mensch quält bich, btt quälst bich selber! Aber jetzt ruhig; bie Damen kommen! St! Aho, meine Damen, endlich!"
Die Tür hatte sich geöffnet, hinter Frau Elisabeth erschien Nelda, beide mit erhitzten Gesichtern; das Mädchen ganz zerzaust.
„Nein, hot bie mit bett Stubern getollt," rief bie Frau Hauptmann noch ganz atemlos, „das war was für die Wildfänge! Wie sie Nelba zugerichtet haben — schrecklich !" Sie zupfte an dem Mädchen herum und steckte beit halbgelösteu Haarknoten fester. „Verzeihen Sie nur, Kind, aber Sie waren selbst brau schulb!"
„Es hot mir Freube gemocht," lachte Nelda und nickte den Herren mit strahlenden Augen zu. „Es war himmlisch! Frau Hauptmann, Sie sind zu beueiben! Sie auch, Herr Hauptmann! Was gäb' ich brunt, wenn ich zu Haus so ein zappelndes kleines weißes Ding hätte! Ich würde den ganzen Tag verspielen!" Ihr Gesicht glühte; mit bem wirren Haar intb ben halbgeöffneten roten Lippen sah sie sehr hübsch aus. „Es war zit lieb, bie Strampelbeinchen fest zn halten unb bie warnten Bäckchen zu küssen. Mögen Sie auch gern Kinder leiden, Herr von Ramer?"
„Nein — v jawohl, sehr, gewiß — wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein!"
Er hatte ihre Frage gar nicht richtig verstanden, seine Gedanken schweiften weit ab — da stand das Mädchen mit wirrem Haar, roten Wangen, solch kleines, weißes, zappelndes Ding auf dem Arm —--- schade, die hätte einen
glücklich machen können! Ein grenzenloses Mitleid mit sich selbst überkam ihn.
„Ach, schon zehn Uhr? !"
Die Kuckucksuhr im Nebenzimmer rief zehn helle Schläge, Nelda sprang erschrocken ans.
„Do muß ich nach Haus!"
„Wenn Sie gestatten," — Leutnant von Ramer erhob sich eilig — „begleite ich Sie, gnädiges Fräulein!"
„Bleib du doch noch," rief Xylander. „Ich bringe Fräulein Dallmer die paar Schritte und bin gleich wieder zurück !"
„Nein, nein, für mich ist's auch Zeit! Laß mich doch," flüsterte Ramer dem Freund zu, „es ist ganz gut, ich werde ihr die Situation klar legen!" —
(Fortsetzung folgt.)
Ludwig Knaus.
(Zum 80. Geburtstag. 5. Oktober.)
Tic Kunst kennt keine Moden. Wohl aber die Kunstgeschichte. Sie hat sich mit den verschiedensten Formen des „Schönen", ch beschäftigen Und muß versuchen, sie alle an dem einen einzigen! Schönheitsbegriff der KNnst abzumessen. Denn auch in ihrem Reiche gibt es viele Wohnungen, Und viele Wege führen zu dem' von allen! erstrebten Ziel. Es gab eine Zeit — sie liegt noch kein Bierteljahrhimdert zurück —, da toter Knaus so „klassisch" wie heute Liebermann. Ta erblickte die ästhetische Theorie, bie ein Ausdruck der jeweiligen Mode ist, in seinen Werken die Vol- lendnNg ihres Ideals, die höchste Meisterschaft der Technik Ww


