1909
Mittwoch den 6. Oktober
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Vie big.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Hauptmann, dessen Augen einen scharf beobachtenden Blick angenommen hatten, faßte des Mädchens .Hand Und schüttelte sie herzlich. Auf seinen Zügen lag etwas, das an Bewunderung grenzte.
„Bravo, Fräulein Nelda, das ist ehrlich, das ist recht! Immer mit der Wahrheit heraus, wenn's auch manchmal komisch aussieht! Da, Elisabeth," — er schob seine Frau näher heran — „küsse unsre ehrliche junge Freundin, ich darf's ja leider nicht!"
Mit einer komischen Geberde wischte er sich den Mund.
Nelda sah ihn dankbar an und erwiderte den Kuß der Frau Hauptmann.
„Oh, ich bin so froh," sagte sie dann aufatmend, .,so froh!"
Ihr Blick flog leuchtend durch's Zimmer.
„Und nun zu Tisch, meine Herrschaften, en avant! Die lukullischsten Genüsse warten unser: Heringssalat, Eier, Schinken, etwas undefinierbares Kaltes vom Mittag und ein famoser Edamer, den ich selbst erstanden habe. Was will man mehr? Also, darf ich bitten?"
Xylander reichte, fröhlich lachend, Nclda den Arm; die beiden anderen folgten in's Nebenzimmer.
Die kleine Hängelampe warf ein mildes Licht über den runden Tisch, Frau Elisabeth goß Tee ein; es war sehr- gemütlich. Wilhelm war als Aeltester bevorzugt worden, an der „Gosellschaft", wie Lollo und Bicky sagten, ieilzu- nehinen. Die beiden Schwestern waren darob sehr gekränkt, lagen in den Betten und schliefen nicht;, man hörte ihr Geheul schwach bis hierher. Der Junge war merkwürdig artig, er aß schweigend, und seine großen runden Kinder- augeu folgten jedem Bissen, den Nelda in den Mund steckte.
„Wie sie heulen," jagte er plötzlich veräch lich und legte sein Butterbrot hin. „Heulst du auch manchmal?"
Er starrte Nelda fragend an.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nie!"
totir sich' bewußt, daß jie log, denn im selben Augenolm schoß es ihr feucht in die Augen. Was war das nur? ! Ihr war heute abend ganz seltsam zu Mut, so erregt, so traurig, so glücklich! Es kam ihr so schön hier vor — bet weiße Tisch, die milde Lampe, die geschäftige Frau, die roten Kinderwangen, das gute Freundesgesicht ihr zur Rechten! Und jene anderen Augen! Sie fühlte, daß sie oft aus ihr ruhten mit einem verstohlenen langen Blick. Es durchschauerte sie.
„Du lügst!" kreischte Wilhelm und strampelte vor Vergnügen mit den Beinen. „Du hast ja was Nasses in dem einen Äug' — und nu haste's auch im andern! Du heulst doch, du heulst doch!"
„Junge, Ruhe!" Des Vaters Hand klopfte derb auf den übermütigen Mund. Frau Elisabeth war ganz starr über die ungewohnte Energie ihres Mannes; Wilhelm gab keinen Laut mehr von sich, nur die runden Augen wurden noch runder. —
Man unterhielt sich gut, wie man sich eben nur bei kleinen freundschaftlichen Zusammenkünften zu unterhalten Pflegt. Die beiden Herren erzählten mancherlei von ihrem früheren Beisammensein, das heißt, Xylander erzählte, und auf sein: „Wie war's doch, weißt du noch?" gab der andere Bescheid.
Ferdinand von Ramer war kein gesprächiger Mensch: er hatte eine Art, die Lippen zusammen zu pressen, als seien die Worte kostbar tvie Gold. Was er sagte, war nicht oberflächlich, mit einem kleinen Hauch an's manieriert Resignierte streifend; er hatte sich das so angewöhnt. Nelda gefiel eö. Es mahnte sie wie eine geheime Klage; sie dachte immerfort an daö Gespräch auf der Brücke in jener Ballnacht. Der arme Mann!
Ihr Herz war weit offen, wie eine freie Halde, über die der Wind streichen kann von Ost und West; ein gefährliches Mitleid setzte sich darinnen fest.
Mit vorgebengtem Kopf und geröteten Wangen lauschte sie.
„Wie unrecht man dein Mädchen doch tut," dachte Xylander, „die ist nicht kalt! Nein!"
Mit einer gewissen liebevollen Besorgnis sah er auf ihren blonden Kopf. Sie hatte ihn halb zu Ramer ge- wendet, der eben sprach. Nun hob sie die gesenkten Lider, ein Blick traf den Sprecher, ein Blick von einer Intensität/ von einer rückhaltlosen Anteilnahme, daß sich der Hauptmann auf die Lippen biß. Halt, aufgepaßt!
Er schaute zu seiner Frau hinüber — ob die was merkte? Nein, die saß arglos, rosig, zufrieden hinter ihrer Teekanne; die dachte nur an ihre Kinder, an ihren Mann, an sich Damit hatte sie genug zu tun.
Xylander räusperte sich Tie beiden neben ihm waren ganz vertieft.
„Ich denke, wir haben jetzt die Tafel beendet. Kommen Sie, Fräulein Nelda!"
„Ah so!" Sie fuhr auf. „Gesegnete Mahlzeit!"
„Gesegnete Mahlzeit!"
Man schüttelte sich die Hände; Xylander fühlte, Witz kalt deS Mädchens Finger waren, dabei glühten ihre Wangen.
„Lisabeth, nicht wahr, wenn du jetzt Wilhelm fort- führst, nimmst du Fräulein Nelda mal mit zu den Kindern? Sie muß doch unsere schlafenden Rangen bewundern! Ich' rauche mit Rainer eine Zigarre nebenan."
*
„So, mein Junge, mut setze dich behaglich. Hier hast du Zigarren — zehn Pfennig das Stück — extrafeine rauche ich tticht, bekontmen auch gar nicht. So!"
Der Hauptmann schob dem Freund Zigarrenkasten und Feuerzeug hin, dann setzte er sich ihm gegenüber an den


