Ausgabe 
6.9.1909
 
Einzelbild herunterladen

556

gnadeten, die Baronin solle, wenn sie ihre Seele retten wolle, ihr ganzes Vermögen der Marie geben, die dann ein Hospital für Hunde bauen solle. Die alte Dame fiel auch tatsächlich auf den Humbug herein, schenkte dem Me­dium zwar nicht ihr ganzes Vermögen, setzte sie auch noch nicht zur Universalerbin ein, gab ihr immerhin verschiedene Tausendfrankenscheine. An der Stelle, wo Marie die Geister- erscheinungen zu haben vorgab, errichtete die Baronin einen Altar. Für Marie war die Hauptsache der Opfex- stock, in dem die alte Dame ihre blauen Lappen für die Geister legte, die dann mit wirklich h'cxenmäßiger Geschwin­digkeit fortgezaubert wurden. Trotzdem schon mehr als dreißigtausend Franken geopfert waren, war dies den un­ersättlichen Geistern noch nicht genug. Durch Vermittelung des Mediums befahlen sie der Baronin, auf den Namen Maries ein Geldschrankabteil in einem Bankinstitut zu mieten, in dem die alte Dame bereits schon ein Abteil hatte. Und dann mußten die Tausendfrankenscheine auf Gebot der Geister von einem Geldschrank zu den andern wandern. Die Geister, oder vielmehr Marie, hätten der alten Dame sicherlich über kurz oder lang noch ihr ganzes Vermögen entlockt, wenn sie nicht durch den ewigen mystischen Druck kraulk geworden wäre, und nach einem mehrmonatlichen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt bei ihrer Rückkehr nach Hause erkannt hätte, daß es doch zweifellos Geister besonderer Art waren, die ihr im Laufe der Jahre nicht nur 150 000 Franken entlockt hatten, son­dern auch während ihrer Krankheit ihr ganzes Mobiliar hatten mitgehen heißen.

Ans ähnliche Weise wurde einige Zeit vorher gleich­falls in Paris eine liebenswürdige Witwe geprellt, die sich gern wieder verheiraten, vorher aber bei einer Geister­beschwörerin sich vergewissern wollte, ob ihr deswegen nicht ihr verstorbener Ehemann erscheinen und sie plagen werde. Gegen einen Vorschuß von 150 Franken unternimmt es Eva, den feindlichen Geist zu besänftigen. Weitere 100 Franken sind erforderlich, um Beelzebub zu gewinnen, der die Seele des guten Herrn Sevaliez gefangen hält, weil dieser sich bei Lebzeiten nicht immer korrekt gegen seine Frau benommen habe. Nun bleibt noch Lucifer zu über­winden. Die Geisterbeschwörerin läßt einen kleinen runden Tisch im Speisezimmer aufstellen, setzt eine umgestürzte Schale darauf und verordnet der heiratslustigen Witwe, drei Tage lang eifrig zu beten. Am vierten Tage erscheint Eva und befiehlt der Witwe, 1000 Franken und einige Kostbarkeiten, die dem Verstorbenen gehört, unter die Schale zu legen.Verbrennen Sie nun Zucker und La­vendel im Zimmer! Dann ist es genug für heute. Ich komme morgen wieder." Am folgenden Tage wird die Schale mit einem schwarzen Tuch bedeckt.Nun ist alles fertig, Sie haben nur noch weiter Zucker und Lavendel zu verbrennen und die ganze Nacht zu beten. Morgen früh erhalten Sie Antwort." An dem schicksalsschweren Morgen zittert Frau Sevaliez, da sie das Tuch und die Schale aufhebt. Mer, o weh! An Stelle des Geldes und der Schmucksachen findet sie einen Zettel:Biel Vergnügen für meinen Nachfolger, wenn er eine so dumme Frau nehmen will; er wird heiteres erleben."

Daß auch England ein günstiger Boden für derartige Betrüger ist, leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß dort sogar viele Gelehrte, zum Beispiel der berühmte Professor Crookes, eifrige Verteidiger der spiritistischen Lehre sind. Vor dem Gerichtshof in Liverpool spielte vor wenigen Monaten erst ein derartiger Geisterprozeß. Ein Dock­arbeiter hatte einer Kartenlegerin und Geisterbeschwörerin Emma White nach und nach seine ganzen Ersparnisse von einigen hundert Mark geopfert, weil sie ihm weiß machte, der Geist seiner verstorbenen Mutter fordere das von ihm. Der Gefoppte machte auch mehrmals Sitzungen mit, in denen die Angeklagte sich anstellte, als hätte sie Krämpfe und erklärte dann stammelnd, der Geist der Mutter des

Arbeiters sei über sie gekommen ünd spreche aus ihr. Dann diktierte der Geist die Schenkungen an die Whiteschen Ehe­leute. Der intime Verkehr mit den Geistern half der guten Frau aber bei den Richtern nicht, vielmehr mußte sie für die Geisterschenkungen auf sechs Monate ins Gefängnis wandern.

In Budapest ist seit einiger Zeit der plötzliche Tod des Rechtsanwalts Dr. Stephan Evanos das Tagesgespräch. Er starb während einer spiritistischen Sitzung, der er bei dem ihm seit Jahren befreundeten italienischen Fechtmeister Giuseppe Geranni beiwohnte. Man vermutet, daß Gerannt gleichfalls mit Hilfe der Geister dem geistergläubigen Rechts­anwalt sein Vermögen abgeschwindelt und ihn jetzt beseitigt hat. Die gerichtliche Untersuchung ist im Gange. Und vor wenigen Wochen erst wurde gleichfalls aus Budapest von einer raffinierten Erbschaftsschleicherei durch Vorführung von Geistererscheinungen berichtet.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, eine tote ge­fährliche Waffe die spiritistische Lehre in den Händen ge­schickter Gauner abgibt. Wie vor einiger Zeit verschiedene amerikanische Zeitungen meldeten, soll der amerikanische Professor Münster, ein eifriger Anhänger des Spiritismus, sogar seine Frau ermordet haben, um ihren Geist sich an­zugliedern. Ob diese Notiz allerdings zutrifft, können wir nicht feststellen. -------------

vermachtes.

* Wo bleiben die vielen Bilder? Die Frage, was mit den vielen tausend Gemälden geschieht, die man jahraus, jahrein auf den großen Kunstausstellungen auftauchen und dann wieder spurlos verschwinden sieht, hat ein Pariser Blatt so sehr beunruhigt, daß es schließlich sich an eine Reihe von Künstlern wandte, Um Näheres über das Schicksal dieser Gemäldemassen zu erfahren, die ansreichen würden, ganze Weltstädte mit be­malter Leinwand zu tapezieren. Die Künstler, denen man die heikle Frage mit allem Zartgefühl vorgelegt hat, haben Ant­worten^ gegeben, die zeigen, wie manche bittere Enttäuschung mit Humor ertragen werden muß. M. de la Gandara antwortete kurz und bündig:Jede Leinwand bekommt Nach der Ausstellung eine solide neue Decke aus weißer Farbe; dann fängt man wieder an zu malen und so geht es immer weiter." Der bekannte Zeichner Billette meinte mit einem leisen Anflug von Bitterkeit, es würde ihn interessieren, zu wissen, wo er hellte wäre, wenn er nicht beizeiten angefangen hätte, zu allerlei Patentmedizinen Reklame­schilder zu machen. Was den Verbleib der Bilder anbetrifft, so findet er es absurd, danach zu forschen, heutzutage, wo jeder-, mann male;ebeirsogut könnte man sich nach dem Schicksal von! alten Regenschirmen erkundigen oder nach dem Schicksal der guten Vorsätze, die in der Welt gefaßt werden". Carrier-Belleuse meint, daß wohl durchweg alle Bilder wieder übermalt würden.Weim die Leinwand erzählen könnte, was sie alles erlebt hat, so würde das oft ein kurioser Roman werden. Manche von ihnen haben; unzählige Male ihr Gewand gewechselt, cms Samson und Dalila wurden Stiergesechte, aus den Stiergefechten trinkende Pferde, dann erstand auf der gleichen Leinwand ein Sonnenuntergang! oder rastende Herden, ein ruhendes Modell und des Babys erster Zahn." Auf Grund gesammelter Erfahrungen behauptet Süden Simon, daß die meisten der ausgestellten Bilder später vernichtet werden.Manchmal schneiden wir die weniger schlechten Stücke aus der Leinwand heraus. Uebermalen ist gefährlich. Bei meinem lebten Umzug ließ ich in der alten Wohnung einfach einen! Haufen zusammengevollter Leinwand zurück, der das Resultat mehrjähriger Arbeit umfaßte. Ich glaube, die meisten Maler machen es ebenso." Der neue Mieter mag beim Einzug sehen, was er mit den herrenlosen Kunstwerken anfängt.

Srherzrätfel.

Einen langen, scharfen Schnabel Und zwei hohle runde Augen, Nicht ein Untier ans der Fabel, Nein: zur Arbeit muß es langen.

Weiß bei Frau'n sich einznnisten, Täglich lehrt es die Erfahrung, Und bei manchem Journalisten Kommt das Raubtier geist'ge Nahrung.

Auflösung iii nächster Nummer.

Auflösung des Anagramms in voriger Nummer: Enschede, neidisch, Deichsel, Eider, General, Ungarn, Trauben, Andreas, Lissabon, Liesbeth, Eidechse, Schuhmacher, Gesundheit, Ungarwein, Titanen;

Ende gut, A l l e s gut.

Redaktion: I V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen,