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Lutturhistorisches aus a!Ler Zeit in Oberhesien.
Hans Peter Schäfer, Schöffe in Watzenbom-Sieinb er g, führte ein Tagebuch von 1600—1635, das dessen Sohn Jakob, ebenfalls Schöffe, bis 1680 fortsetzte, sodann dessen Schwiegersohn, Jakob Burk in Leihgestern, bis 1752. Vor längeren Jahren hat ein Herr in Meßen in mehreren Artikeln der Darmstädter Zeitung vieles daraus veröffentlicht, das KUl- trlrhistorische aber, das sich aus demselben ergibt, nicht berücksichtigt. Es wird nicht ganz ohne Interesse sein, wenn Schreiber dieser Zeilen sich erlaubt, darauf zurüttzukommen. Bei weitem der geschickteste Tagebuchführer ist Hans Peter, der eine sehr gute Handschrift schreibt und es versteht, sich angemessen auszudrücken. Daraus folgt, daß er eine bessere Schulbildung gehabt hat. Wie erklärt sich das? Ob „Warzenburne", Kolonie des Schiffend er gs, am Sude des 16. Jahrhunderts schon einen eigenen „Schulmeister" hätte, ist mir nicht bekannt, wohl aber, daß das benachbarte Hausen sich eines solchen erfteute. Vielleicht ist er dort zur Schule gegangen. Es kam häufig vor, daß mehrere Orte eine gemeinsame Schule hatten. Bekanntlich wurden in der Reformationszeit deren viele eingeführt. Die Lehrer waren öfter „magistri litterati", studierte Theologen. Es fand damals ein solcher Zudrang zum Studieren der Theologie statt, daß feine Möglichkeit war, sie alle auf Pfarrstellen imterzu- 6ringen. Sa nahmen viele gerne eine Schulstelle an, obwohl deren Einkommen sehr kümmerlich war. Ein Teil hatte das Mück, später int Pfarrdienst verwandt zu werden, andere mußten sich Zeitlebens ohne das genügen lassen. In der Nähe von Gießen waren solche „magistri litterati", außer in Gießen auch in Großen-Liuden, Lang-Göns, Kirch?- Göns, Hansen und anderen Orten. Sie scheinen immerhin mehr geleistet zu haben als ihre Nachfolger in der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg, meist Handwerker, besonders Schneider, denen die Regierung Zunftvorrechte gewährte. So blieb es ziemlich bis zu Ende des 18. Jahrhunderts, ja hier und da bis zu Anfang des 19. Wie sehr die Kultur durch diesen traurigen Krieg gehemmt und zerstört wurde, sieht man unter anderem auch daran, daß z. B. die uns aus dem 18. Jahrhundert überlieferten Handschriften viel fahrlässiger sind, als früher.
Aus den Notizen in dem Tagebuch geht ferner hervor, daß es in jenen Zeiten recht wohlhabende Bauern gegeben hat. Hans Peter und dessen Nachfolger werden oft zu Gevatter gebeten und zu Hochzeiten geladen, wo sie verhältnismäßig große Gaben opfern. Nach ihren Notizen ist in Watzenborn die Not des Krieges nicht so groß gewesen, wie in anderen Gegenden. 1628 ist Wolle zum Verkauf da, also waren auch Schafe da, 1631 ist Kirmesfest, an welchem die „Komödie von den heiligen drei Königen" aufgeführt wird. Mitten int Elend sind die Leute guter Dinge. 1637 bei einem „Weinkauf" (Kaufabschluß) ist Jakob Schäfer in der Lage, mit 37 Maß Bier ä 16 Mons --- 96 Pf. (teuer!), dazu 33 Maß — leichtes — ä 4 Albus = 24 Pfg., aufzuwarten, und, was noch wunderbarer ist, in demselben Jahr 13 Reichstaler (ä 2 M. 56 Pfg.) bei einer anderen Gelegenheit für H olzhei m e r Wein zum Besten zu geben wobei zu bemerken ist, daß damals in 'fast allen Orten Wingerte bestanden. Der Wein wird wohl nicht fein gewesen fein. Sogar,1643 kann Jakob, nachdem er als Schöffe und „Achter" des Gerichts Steinberg bestätigt worden war, 58 Maß Bier bereinigen. Das kann er, obwohl die Schweden ihm 1640 ein Pferd, 36 Schafe, ein Mastschwein, 4 andere, 2 Kühe, ein Rind, 12 Hühner, 3 Achtel Korn, 3 Achtel Hafer und 30 Reichstaler bares Geld geraubt hatten. Schon 1644 ist er weiter imstande, eine Schöffenmahlzeit zu veranstalten, bei welcher er 3 Ohm Bier, 1 Schwein, 1 Rind, 1 Ziegenbock, 2 Enten — wohl für den Herrn Amtmann und dessen Personal —, für 26 Mus Gewürz, 24 Mus für Fische, sogar Stockfisch für 10 A, lieferte. Der Koch erhielt 4i/2 Kopfstück (ä 60 Pfg. zus. 2 Mk. 70 Pfg.).
1653 erscheint zum erstenmal B r a n n t w e i n bei einem Weinkauf, aber nur für 6 A. Dieses Getränk wurde schon im 16. Jahrhundert in Klöstern gebrannt, zunächst als Medizin, bis es im 17. mehr und mehr zum Nationalgetränk wurde. — Häufig wird in dem Tagebuch- das Erscheinen von Kometen notiert. Sie werden als Kriegsweissagung angesehen. Sehr naheliegend; denn wenn kein Krieg war, so entstand bald einer. Die Kämpfe hörten nicht auf. 1618 erschien ein Komet von Martini bis Weihnachten, 1680 ein sehr großer, der großen Schrecken erregte, 1743 ein solcher mit sehr großem Schweis, 6 Monate lang sichtbar, bald
darauf ein anderer noch größerer, nur I1/2 Stunden sichtbar. 1752 erschien ein Meteor, das mit starkem Donner platzte. Merkwürdig für die Leute war es auch, daß grabe bei einer Mondfinsternis ein Fohlen zur Welt kam.
Das Handwerk muß zu Anfang des 17. Jahrhunderts einen goldenen Boden gehabt haben, da Hans Peter, der sehr Vermögende Bauer, nicht davor zurückschreckt, einen Sohn, auch H. P., auf Tritt. 1620 bei einem Schneider in Gießen in die Lehre zu geben. Dafür zahlt er zwei Jahre lang jährlich 14 ft, 1 Achtel Korn und 1 Meste Erbsen. Mit 6 ft. 6 A. hatte er der Zunft ein paar heitere Stunden zu machen. Dieser Schneider kam später auf der Wanderschaft nach Hamburg, wo er sich niederließ. Daß er wieder einmal seine alte Heimat aufsuchte, ist nicht notiert, wohl aber schreibt sein Bruder Jakob: „1654, am 9. Oktober, bin ich zu meinem Bruder, Hans Peter, gen Hamburg gezogen und am 28., Sonntags, wieder zurückgekommen." —
Wir sind bei unserer gegenwärtigen, gegen frühere Zeiten hohen intellektuellen Kultur, die aber leider vielfach mit bunfeten Schatten überdeckt ist, sehr geneigt, die ehemaligen Zustände geringer einzuschätzen, als sie in Wirklichkeit waren, aber kluge Bauern hat es auch früher gegeben. Es war ggr manches besser als wir denken.
Wie mir aus den uns erhaltenen Grundbüchern ersehen, toar das Feld im 16. Jahrhundert, teilweise auch im 15., z. B. sorgfältig bermeffen und mit Grenzsteinen versehen. Aber es gab auch nicht nur kluge Bauern, sondern bekanntlich auch gelehrte Mämter, erfolgreiche Forscher, sehr bedeutende Künstler und sehr tüchtige Handwerker. Davon legen die Resultate ihrer Tätigkeit, die wir noch vor Augen haben, Zeugnis ab; z. B. durch die schönen soliden Gebäude, welche sie mit ihren verhältnismäßig sehr unvollkommenen Werkzeugen zustande gebracht haben. Die Theorie war damals sehr einfache mürbe aber durch die Praxis der Erfahrung ersetzt. Wo Talent vorhanden war, verstanden die Leute in uns auffallender Weise die Schwierigkeiten des Mangels theoretischer Vorbildung zu überwinden. Br.
Spiritismus und verbrechen.
Bon Dr. Albert Hellwig.
Daß der Spiritisytus, der Millionen von Anhänger zählt, von geriffelten Gaunern ausgenützt werden kann, um durch angebliche Geister Schenkungen zu veranlassen, Vermächtnisse diktieren und ähnliche lukrative Rechtsgeschäfte anordnen zu lassen, die. natürlich den „spiritistischen" Betrügern oder ihren Helfershelfern zugute kommen, ist nur allzu erklärliche
Kürzlich hatte sich auch das Reichsgericht mit einem derartigen Fall zu beschäftigen. Eine Witwe Sieß hatt« die spiritistischen Neigungen ihrer Verwandten ausgenutzt, um sich Vorteile bei der Teilung der Hinterlassenschaft ihres verstorbenen Mannes zu sichern. Mit Hilfe des Skriptoskopes ließ sie zwei verstorbene Verwandte erscheinen und bekennen, ihre Kinder hätten ein Guthaben von 31000 Mark, und sie könnten keine Ruhe finden, bevor dies Unrecht wieder gut gemacht wäre. Eine der Verwandten fiel auf diesen plumpen Schwindel herein, zwei astdere waren skeptisch! genug, um diesen Pseudvgeistern nicht zu trauen. Die Revision der Angeklagten, die vom Landgericht Traueustein wegen dieses Betruges zu neun Monaten Gefängnis verurteilt war und geltend machte, sie habe an die Echtheit der Geisterschrift tatsächlich geglaubt, wurde vom Reichsgericht als unbegründet verworfen.
In anderen Fällen hatten die Geisterbeschwörer mehr Glück. So ereignete sich in Paris, der Stadt der Intelligenz, vor gut einem Jahre folgender Fall: Baronin du Teil, eine Millionärin, die kurz hintereinander ihren Mann und die näheren Verwandten verloren, hatte seit längeren Jahren ein Dienstmädchen, bas über bte geistes- und Willensschwäche Dame bald große Herrschaft gewann. Dies reizende Kammerzöfchen hatte sehr illustven Verkehr, da ihr ällnächtlisch nicht nur der Geist der verstorbenen Mutter der Baronin erschien, sondern auch der heilige Antonius von Padua nebst einem ganzen Schock anderer Heiliger, ja selbst Christ-us. Diese Erscheinungen sagten zu der Be-


