Ausgabe 
6.5.1909
 
Einzelbild herunterladen

mein Kind viel lieber haben. Sie fragt mcht nach mrr. Sie hat einen anderen Mann geheiratet und bekommt andere Kinder. Sie würde mich schelten, daß ich so dumm und so wunderlich bin." t

Eine Katze huschte über deu Weg, dicht vor Trnes Fußen.

Ach, nun gibt es ganz gewiß etwas Schlimmes", seufzte sieVielleicht sitzen sie schon beim Abendbrot, und die chroßdeern ist böse, weil ich so spät komme, und Jan guckt über mich hinweg, als wäre ich gar nicht da, und dre Binnerdeern fragt mich neugierig, wo ich geweserr Bin. >

Sie malte sich alles ganz deutlich aus; sie lief mehr, als sie ging. Schneller, als es sonst ihre Art war, trat sie in die Wohnstube; sie war ganz außer Atem.

Jan ivar allein in der Stube, er saß an der Lampe und, schrieb; bei Tines Eintritt sprang er hastig auf und räumte die Sachen fort. r o r

Was kommst du hereingestürmt, als ob es brennt? fuhr er sie an.

Es war Tine etwas Neues, daß Jan sre anfuhr. Schuld­bewußt senkte sie den Kopf. Mochte er nur weiter schelten. Das tat wohl, viel wohler, als wenn er sie nicht beachtete.

Aber Jan kümmerte sich nicht weiter um- sie; er ver­schloß etwas in die Schatulle und ging hinaus.

Scheu hatte Tine ihn beobachtet. J5ie hatte eine Ver­legenheit an ihm wahrgenommen, die sie sonst nicht kannte. Auf der Tischdecke ivar ein Tintenfleck. Au wen hatte er geschrieben? Das war doch sonst nicht seine Art, Briefe zu schreiben, die er verschloß. Au wen war der Brief gerichtet? Wenn sie dies doch in Erfahrung bringen konnte. Vielleicht war der Brief an die Mutter geschrieben, viel­leicht beklagte er sich über seine Frau und fragte Aun- dortjen um Rat. Oder sollte er an eine andere gerichtet! sein an Frauke Steffens? Ja, Frauke hatte er gern; er hatte es ihr einmal selbst gestanden, daß sie seine Frau geworden wäre, wenn er nicht Tine geheiratet hätte. Ob die beiden sich liebten? Ob sie sich Briefe schrieben? Ach, wenn sie doch bloß den Schlüssel hätte!

Die Binnerdeern deckte den Tisch und brachte die ge­bratenen Klöße und Kartoffeln. Man setzte sich mit dem Gesinde zu Tisch und.

Sie waren noch nicht mit dem Abendbrot fertig, da kam der Nachbar vom Bäkhof. Er wollte Jan abholen in den Krug.

Da sind ein paar Pferdehändler aus Flensburg", sagte er.Du sprachst doch neulich davon, daß du deu braunen Wallach verkaufen wolltest."

Ja." Jan war sofort bereit. Er zog seinen Sonu- tagsrock an, nahm die Tuchmütze und suchte den Stamm­baum des Wallachs aus der Schatulle hervor. Dann gingen die Männer.

Was ist das?" dachte Tine.Weshalb will er den Wallach jetzt verkaufen? Das sollte doch erst zum Früh­jahr geschehen. Was hat er vor?"

Unruhevoll stützte sie den Kopf in die Hand und grübelte.

Die Binnerdeern räumte geräuschvoll und ungeschickt den Tisch ab. Tine blieb allein mit ihren Gedanken. Sie hörte die Mädchen in der Küche lachen, sie hörte das Klappern des Geschirrs; mechanisch langte sie nach dem Strickstrumpf. Da fiel ihr Blick aus die Schatulle, sie sprang auf und traute ihren Augen nicht: der Schlüssel steckte drin. Jan hatte ihn, als er den Stammbaum des Wallachs herausnahm, stecken gelassen.

Mit klopfendem Herzen drehte Tine den Schlüssel um: was würde sie finden? Dort in dem untersten Fach in der Ecke pflegte Jan das Sparkassenbuch und Quittungen aufzubewahren. Noch niemals hatte sie in diesen Fächern nachgestöbert. Jetzt tat sie es mit fiebernder Hast, als fürchtete sie, daß er zurückkommen und sie überraschen würde. Jetzt hatte sie den Brief gefunden, er war unver­schlossen.

An wen ivar der Brief? Sie trat mit dem Schreiben zur Lampe. Und plötzlich war es ihr, als müßte sie lachen, laut und hell lachen: Der Brief war ja an sie selbst gerichtet.

Sie las, und während sie las, fingen ihre Knie an zu zittern. Sie mußte sich setzen; schwer ließ sie sich in den ledergepolsterten Stuhl nieder und las und las. Immer wieder, immer von vorn las sie ihn. Der Brief lautete: Meine liebe Tine!

Wenn dieser Brief in Deine Hände gelangt, bin ich weit von Dir entfernt. Du denkst wohl, ich bin böse auf

Dich, aber das biu ich nicht. Ich bin bloß traurig, daß eine Frau so was von ihrem eigenen Mann denken kann. Nicht wegen Jak habe ich Dich geheiratet, sondern weil ich Mitleid mit Dir hatte. Erst wollte ich es nicht, ich dachte, es wäre genug, wenn ich für Dich sorgte, aber Du verstandest mich falsch, und da mochte ich Dich nicht von mir stoßen, wenn ich gleich eine andere lieb hatte, so wollte ich doch nicht, daß Du Dir ein Leid tätest. Du, liebe Tine, hast mich ja auch nicht aus Liebe geheiratet. Du tatest es, weil Du Dich vor der Schande fürchtetest. Nun ist das alles vorbei, und das beste ist, wir gehen wieder voneinander. Ich kann mit dem besten Willen nicht mit einer Frau zusammen leben, die mich für einen Mörder angesehen hat, ich müßte verrückt werden, wenn ich noch länger mit Dir zusammen leben müßte. Aber ich jage Dich nicht davon, das kann und ivill ich nicht. Bleib Du hier und lebe in Frieden. Der Hof bringt, genug ein, daß Du gut davon leben kannst. Was ich für den Wallach und die Schweine bekomme, laß ich Dir hier. Ich nehme das Geld von der Sparkasse und ivandere aus nach Amerika, und der liebe Gott wird mir schon vorwärts helfen. Aber noch einmal muß ich Dir sagen: Ich bin kein Mörder, so wahr mir Gott helfe, ich habe niemals" . . .

Damit brach der Brief ab. Der Schluß fehlte. Als er das geschrieben hatte:Ich bin kein Mörder, so wahr mir Gott helfe," da war Tine hereiugekommen und hatte ihn gestört. Deshalb seine Verlegenheit, deshalb versteckte er das Schreiben; sie sollte es erst viel, viel später, vielleicht erst nach Wochen erhalten, wenn er alles geordnet hatte und abgereist war.

Immer wieder las Tine:Wenn dieser Brief in deine Hände gelangt" . . . Während sie mit dem Brief in der Hand dasaß und in die Lampe starrte, ward ihr plötzlich alles klar vor Angen; deutlich sah sie den Weg vor sich, den sie gehen mußte.

Amerika! Nicht er mußte gehen, sondern sie. Er ivar schuldlos. Hatte sie sich nicht an ihn geklammert mit beiden Händen damals, als er gütig und liebevoll zu ihr war, als sie sich das Leben nehmen wollte. Nie war ihr der Gedanke gekommen, daß sie seine Worte falsch gedeutet hatte. Jetzt ivar ihr alles klar: seine Zurückhaltung, sein ernstes, stilles Wesen. Er liebte ja eine andere, Frauke Steffens, die war es gewiß, die er liebte. Ach, warum war sie nicht so wie Frauke Steffens, so zart und hell, so frei und stolz.

Ich bin man eine arme Dienstdeern," flüsterte sic.

Es war sehr gut von Jan gehandelt, daß er sie zur Frau nahm, sie, die niedrige Dienstmagd. Sollte er nun! ihretwegen den Hof, der schon seinen Vorfahren gehörte, auf dem er groß geworden, der sein eigen war, verlassen?

Nein, das wäre ja Sünde und Schande!

Sollte sie noch länger das Brot des Mannes essen, dem sie sich als eine Klette angehängt, den sie so schwer gekränkt hatte.

Rein, das wäre Schmach!

Sie mußte gehen. Jetzt wußte sie den Weg; willig wollte sie ihn gehen, das sollte ihre Buße sein.

Irgendein Geräusch im Hanse, das Herunterfallen eines Gegenstandes, ließ Tine auffahren. Sie legte den Brief rasch in die Schatulle zurück, ivo er gelegen, dann saß sie noch eine ganze Weile allein und suchte ihre Gedanken zu sammeln.

Nach einer kleinen Weile kamen die Mädchen mit ihren Strickstrümpfen herein, und der Knecht setzte sich auf die Ofenbank und rauchte seine Pfeife. Das waren für Trug ein paar qualvolle Stunden, ]ie schlichen langsam vorüber. Um neun Uhr kam der Hausherr zurück, da begab sich das Gesinde zur Ruhe. Auch Tine suchte ihr Bett auf. Jan stopfte sich noch eine Pfeife und hielt noch einmal im Hause Nachschau. Vorher zog er den Schlüssel der Schatulle ab.

Als er nach einer Viertelstunde ivieder hereinkam, schlief Tine anscheinend fest, und ohne Gutenachtgruß suchte auch er sein Lager auf.

(Fortsetzung folgt.)

Alexander von Humboldt und Goethe.

(Zu Humboldts 50. Todestag,, 6. M a i.)

In mehr als einem Sinne darf Alexander von Humboldt, dessen 50. Todestag die Erinnerung an diesen weitgebietenden Herrscher inr Reich! der Geister wieder wachrust, der Schüler uno Nachfolger Goethes genannt werden. Jenes allumfassende SiE versenken in die Natur, die denr forschenden Blick auch zugleich em Abbild der: geistigen Entwicklung der Menschheit darbictet, lener große Zug einer alles in das Reich der Betrachtung' ziehenden unn