Donnerstag den 6. Ma!
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Spätinghof.
ßu von K. v. d- Eidern
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Tine senkte schuldbewußt den Kopf. Auch sie hatte ihr gutes Essen und Trinken; was wollte sie noch? Warum konnte sie nicht ruhig und zufrieden leben?
Der Kaffee war fertig, und Schane schnitt den frischen Stuten an. Tine dachte nur an die Karten, hie sie oben auf dem Bord liegen sah.
Draußen auf der Lehmdiele ertönte lautes Schreien, es wurde gegen die Wand gestoßen, als wenn sich ein paar Jungen prügelten.
Dann wurde die Stubentür plötzlich aufgerissen, und rn Knabe lugte herein, ein großer, blasser Junge mit länglichem Gesicht und blondem Wuschelkopf. „Ohe!" rief er — dann hielt er inne.
„Niels," flüsterte Tine; die Erinnerungen der Kindheit überwältigten sie.
Schane hatte das Wort gehört. „Ja, Niels," seufzte sie, „der besucht seine Großmutter bloß alle Jubeljahr mal. Der sitzt in Dithmarschen in einem Fettpott. Dies hier ist Peter, der Aelteste von meinen Tochterkindern."
9hnt steckte auch der Zweite seinen Kopf zur Tür hinein und Tine mußte unwillkürlich lachen. Die Wuschelköpfe und die langen Gesichter schienen in der Sönksenschen Fa- mrlie erblich zu sein.
Die Jungen bekamen jeder ein dickes Stück Rosinenstnten krollten sich. Schane drehte die Haspel, und Tine hatte vre Hande rn dem Schoß und blickte ab und zu verstohlen nach dem Bord, wo die Lampe stand. Der Wind wehte feine Sandkörner gegen das Fenster, tat Ofen summte der Kessel; die Karten kamen noch immer nicht auf den Tisch.
„Ich muß bald gehen," sagte Tine leise.
„Was für Eile!" brummte Schane mechanisch.
Tine faßte all ihren Mut zusammen.
- „Legt Ihr noch immer Karten, Ode?" fragte sie mit bebender Stimme.
„Biel nicht mehr, mein Deern. Die Gedanken wollen nrcht mehr, man wird alt. Du machst dir wohl auch nichts mehr daraus, was? Besser, als du es jetzt hast, kannst du es nicht kriegen." 1
Tine zitterte bei, dem Gedanken, daß sie vielleicht tat* Verrtchteter Sache wieder fortgehen müßte.
„Ach, so zum Spaß möchte ich mir wohl mal die Karten legen lassen. Ja, Ode," setzte sie kühner hinzu, „leg sie mtr tnal — bloß aus Spaß." 01
_ „Bloß aus Spaß?" wiederholte die Alte mit einem schelmischen Augettzwinkern. Sie langte aber doch die Karten vom Bord und schob das Spinnrad beiseite. Sie mischte die Karten, ließ Tine abheben und machte Daumen und Zeigefinger an der Zunge feucht.
„Eins, zwei, drei", zählte sie. „Es ist ja wohl noch hell genug, drei, vier — die Abende werden kurz, fünf, 'sechs, sieben, acht — das bist du. Paß auf, du mußt deine Gedanken dabei haben."
Tine hatte ihre Gedanken dabei. Ihr Herz pochte, ihre Augen glühten, während sie auf den bunten Bildern hafteten. Noch nach Jahren besann sie sich auf jede Einzelheit.
Die Gedanken der Alten verloren sich in der Betrachtung. Jetzt war sie in ihrem Reiche; die Karten waren für sie Lebensbilder, die ihr eines Menschenkindes wechselvolles Schicksal erzählten.
„Du bist nicht glücklich", fing sie an. „Aber nimm dtr's nicht zu Herzen", fuhr sie fort, als sie sah, wie Tine zusammenzuckte. „Du lieber Gott, was nennt der Mensch Glück; das Leben ist doch kein Hopphei. — Da liegt em Brief — es ist kein Trauerbrief, aber auch kein herzlicher. Er liegt dicht bei dir. Hinter dem Brief kommt eine weite Reise über einen großeit Weg. Der geht aber nicht zurück. Bei dir liegt ein KinH — ach, das war es wohl, was du wissen wolltest?"
Tine wurde dunkelrot.
„Das Kind wird dir viel Freude machen," fuhr Schane fort, „und" — aber dann, wie aus einem Traume erwachend, raffte sie die Karten zusammen, und lachend, in einem ganz anderen, Tone, rief sie: „Nein, die dwatschen Karten, die fallen bei dir noch immer so wunderlich wie früher. Mußt dir nichts dabei denken, mein Deern. Früher dachte ich auch, wunder was dir noch alles Passieren würde, und was ist passiert? Gar nichts Besonderes. Du hast 'ne feine Partie gemacht. Bist Bauersfrau in der Marsch geworden und lachst uns alle was aus. Ja, die dösigen Karten; du kannst darvhne fertig werden."
Jetzt zwang sich mich Tine zu einem Lachen, das in threm Herzen keinen Widerhall fand.
Sie nahm hastigen kurzen Abschied von Schatte und trat den Heimweg an.
Sie blickte den Weg entlang, den tätigen, einsamen Weg. Es dämmerte bereits, aber sie sah doch ihren Schatten, der riesengroß ihr Vvrausstrebte. Sie war die einzige, die den Weg ging. Der Wind wehte ihre Röcke ztir Seite, ihre Schritte hallten durch die Stille.
Rascher schritt sie vorwärts, als wollte sie dein Schicksal entgehen, das ihr durch die Karten enthüllt worden war. Aber sie konnte die Gedanken daran nicht los werden, sie verfolgten sie, setzten sich in ihrem Kopfe fest und quälten sie.
„Fort muß ich, fort", stöhnte sie. „Ach du mein Gott, wo soll ich hin? Ich will ja gern alles tun, was in den Karten steht, wenn tch bloß wüßte, wie ich es anfangen soll. Fort! Ach, ich will ja so gern fort; ich habe ja kemen Menschen hier, der mich gern hat. Ich bin ja nie warm geworden in der kalten Marsch. Ach, wüßte ich bloß, wohin ich mich verkriechen könnte !"
„Die Mutter? Nein, sie hat mich nicht lieb; ich würde


