Ausgabe 
6.3.1909
 
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Auf Liebespfaden.

Roman DM S). Ehrhardt.

'Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Die junge Frau war au Hans von Hassingen durch eine schier Unzerreißbare Menge der grilnen, roten, blauen, gelben und Weißen Bänder gefesselt, die sich um beider Nacken schlangen und -sie bei jeder Bewegung zueinander zogen.

Ter kleine Artillerist hatte einen unerschöpflichen Vorrat dieser Karnevalsuteusilien und füllte immer wieder die weißen Frauen- hände, bie, jeden der zudringlichen »Verehrer, die sich gewandt auf den Wagentritt schwangen, lachend eine Konfettiladung ins Gesicht schleuderten.

Es nm rett immer dicht vermummte Mask u und an ben weißen Wildlederhaudschuhen doch leicht als Offiziere kenntlich, einer legte der jungen Frau einen Strauß weißer Narzissen in den Schoß., ein anderer haschte nach ihrer Hand und küßte sie.

Diese Beiden fand Hans Hassingen zudringlich.

Der Strom, des Uebermuts begann soeben ein wenig abzu- ebbeu, als ein lautesKutscher halten!" sie nach einer bestimmten Richtung blicken ließ. Die junge Frau hatte sich dabei von den Papierschlangen befreit, um den Kopf wenden zu können, sie hingen zerrissen als Schleier von ihrer ein wenig verbogenem Hutkreutpe, und zwischen ben flatternden Enden hindurch schenkte sie Hassingen einen raschen Blick, der deutlich sagte: Jetzt ist unser Rosenmontag vorbei, jekt trennt uns fremder Neid und Haß.

Sie hatten nur Zeit zu diesem einen Blick, beim int nächsten Moment hielt der Wagen, der Schlag wurde aufgerissen und auf die Kniee der überraschten Herren schwangen sich zwei junge Mädchen, die rotblonde Erika, eine weiße Sportmütze keck attf dem linken Ohr, in einer gestrickten weißen Wollbluse, bei deren Anblick der Artillerist mit einem Ohnmachtsanfall kämpfte, so geschmacklos wirkte sie im Kontrast zu Fran von Riedings vor- nehm einfacher Tuchjacke und auch zu dem dunkelblauen Bolero­kostüm mit diskreter Goldverzierung, das die junge Dame auf Hassingens Schoß, trug.

Sie war eine kräftige, blonde Erscheinung, ihre Gesichts- Mge nicht häßlich, aber ihre Wangen waren zu dick und ihre Augen zu klein, auch-war sie sehr kurzsichtig, denn sie bob jetzt eine Schildplattlorguette an das kleine Näschen jtnb blickte auf die Straße hinüber, wo -eine größere Gesellschaft lebhaft gestikulierend staub.

Die sAeppel sichte kann hosgondeln!" schrie die kleine Schlettau, zappelnd vor Vergnügen.Auf Wiedersehen im- Cafv de Paris oder gar nicht!"

Von drüben rief mau zurück:Gut, im Eafv de Paris!" Dann gondelte die Aeppelsiihre los.

Erst jetzt giug's int Wagen Uns Begrüßen und VorsMen. , Darnach war Hassingens siche Last eine Baronesse Erb ha gen, Stile Majorskochter aus Wiesbaden. Sie war schon von Geburt Rheinlänberin und kannte ben Rummel.

Sie haben sich so heimlich mit Ihrem 'Herrn Neffen iveg- geschlicheu aus dem Holländer Hof, gnädiges Fräulein!" sagte sic mit einer sanften, vorwurfsvollen Stimme.Fräulein Erika und ich wären gern rnitgekommen."

Ich hatte ja eigentlich nur eine Besorgung "vor!" entschul­digte sich das Tantchen, die Poularde neben sich liebevoll betrachtend. Ich wollte gleich wieder zurück, aber der ungeratene Neffe schleppte mich auf die Messe."

Der Wagen kam nur langsam vorwärts, so daß er mit den Fußgängern zugleich vor dem Casö anlängte. Die noch jugend­liche Exzellenz, int dunkelvioletten Schneiderkostüm heut sehr vor­teilhaft aussehend, war für Hans von Hassingen die einzige Be­kannte, dann war da noch eine knochige, blonde Dame mit erneut gutmütigen, mütterliche» Gesicht, die Baronin Erbhagen, ihr Sohn, ein Leutnant von beit Mainzer Husaren, klein und beweglich, von einer Häßlichkeit, die etwas Anziehendes hatte, vielleicht weil er sie mit solchem unverwüstlichen Humor zur Schau trug. Seinen ebenfalls anwesenden Freund schien er sich in grausamer Selbsh- verhöhnung extra zur Folie gewählt zu haben, denn Leutnant von Morschen war ein so bildschöner Mensch, wie die Natur ihn nur in einer seltenen Berschwrnderlnmie schafft. Groß, schlank, brünett, mit etwas melancholischen Samtaugen, die aufblitzten, als er sich vor Frau von Rieding verbeugte.

Sie erregte eben überall, ohne eine Schönheit zu sein, Be­wunderung. Leutnant von Hassingen mußte sich den Platz ihrer Seite jetzt mühsam erkämpfen, bas brachte ihn ans bet' ruhigen Sicherheit heraus in unruhiges Fahrwasser.

Es war' doch eigentlich ihr Karneval, den sie halten zusammen feiern wollen, und statt des intimen Reizes, den er sich fast un­bewußt erhofft, umspann sie beide nun die Banalität der Ge­sellschaft, die Rücksichten forderte und Kritik übte.

Ten Borwurf der steifen Formen konnte man ihr nicht- machen, im Gegenteil, die kleine Gesellschaft bewegte sich mit einer Freiheit und Ungeniertheit, die selbst im Karnevalstrubel auffiel.

Es dauerte lang, ehe man nach vergeblichem Streifzuge durch die überfüllten Räume im Oberstock endlich unterkam. Die Zimmer waren dort nur für diesen einen Tag aufs primitivste eingerichtet.

Man gruppierte sich lachend und lärmend, die Pritschen klatsch­ten knallend auf den unsauberen Tisch als Signal für den Kellnex, der hochrot und verzweifelten Blickes gelaufen kam, hastig die Bestellung notierte und mit fliegenden Frackschößen einem neu eit stiufe folgte.

Ter letzte rote Abendglanz blinzelte durch die trüben Scheilum, der Zigarrenrauch wallte. Wieder schwirrten die bunten Papier­schlangen und woben ein Zeltdach über den schmucklosen, nüchternen Raum, in den immer noch neue Menschen drängten, sich in dis Nebenzimmer verteilten.

Bänkelsänger mit Zsther und Mandoline traten in die Tür, eine Müdchmstimme schrillte, ein Tenor krächzte heiser in den dünnen Silberbon des Z therspiels hinein.

Verbrauchte Stimmen, abgeleierte Melodien mit plärrend vvr-, getragenem Refrain.

Wir wollen schunkeln, Kinder!" schlug eins vvr. Keiner