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Mdersprach, sie standest alle Unter dem Bann des schellenrasselnden Szepters, das Prinz Karneval Wer seinem Narrenreiche schwang.
Sie faßten sich unter den Armen und wiegten sich, die Melodie mitsingend Hin und her, die weißhaarige Sechzigerin und, der schöne Husar mit den Samtaugen, der vernünftige Hassingen Und die vornehme Weltdame, selbst die dunkeläugige Exzellenz vergaß ihren Hatz und hatte den bürgerlichen Artilleristen unter» gefaßt, der das ruhigste Gesicht machte und es wie immer am tollsten trieb, so daß die äußere Reihe plötzlich ins Wanken geriet, sich nicht halten konnte und übereinander fiel.
Tas dicke Tantchen kam zu unterst zu liegen. Durch das Gelächter der anderen tönte ihr Schmerzensschrei:
„Meine Poularde,, meine Poularde!"
Tas unglückliche Tier war unter ihre 180 Pfund geraten und der Reffe, der Tante und Poularde vom Boden aushob, betrachtete das etwas plattgedrückte Paket mit Mißtrauen.
„Sie wird sich doch keinen Schäden getan haben!" meinte er und ließ die fragenden Blicke im Kreise wandern, „ich kann Nur fehlerlose Körperformen vertragen, auch bei einem Huhn. Ich glaube, die einzigen Prügel, die ich von meiner Mutter bekam, habe , ich wegen eines buckligen Huhns bekommen, das ich eben dieses Buckels wegen verschmähte."
„Deine Mutter Wie gut getan, dich noch bei passenderen Gelegenheiten zu verprügeln!" sagte 'das vor Schreck noch atemlose Tantchen etwas grimmig, worauf der kleine Leutnant ihr einen schmerzlichen" Blick znwarf und die rotblonde Erika fragte, ob sie die Bemerkung seiner Tante nicht herzlos fände und ihn dafür trösten möchte.
Sie tat beides nach seinem Wunsch.
Später wurde das Publikum doch sehr gemischt, und die Gesellschaft besann sich auf ihre Exklusivität und flüchtete, da auch das Straßeuleben auszuarten begann, in den Koblenzer Hof, kvv ein kleines Zimmer ihnen ein lohnendes Feld für weitere Taten bot. Nur ein einzelner Herr am kleinen Ecktisch. Ein zerhauenes KorpZstudentengesicht, im braunen, spöttischen jAuge das Lentnantsmorwkel.
Es dauerte nicht lange, so hatten die sicher gezielten Papierschlangen ihn int unentwirrbaren Netze gefangen, ihm wars will- kommene Fessel, im Karneval ist Einsamkeit ein schlechter Gefährte.
Er ahnte wohl scharf beobachtend die Welt der Formen und stellte sich vor. Sein Name war b< c eines Schriftstellers von Ruf.
Auch fein Interesse galt offenbar am meisten Lena von Rieding, an der alles vor lieber mut und Lebensfreude sprühte, die mit dem schönen Husaren kokettierte und sich mit dem häßlichen, 'kleinen Baron neckte, mehr denn je ein Rätsel für Hassingen, der allmählich schweigsam imirbe und den der Ekel anwandelte, der Glücklose int Narrentreiben plötzlich faßt,. sobald die klare Besinnung ihnen gekommen.
Er versank in Träumereien. Wag sollten ihm eigentlich all diese fremden Menschen mit ihren Narrenspossen? Er gehörte ja gar nicht zu ihnen, für ihn waren diese Stunden des Genusses nur erborgter Glanz, hinter dem schon wieder die graue Sorge folterte. Wie konnte er tollen und lachen und sorglos Sekt schlürfen, der verschwenderisch in schlanken Gläsern verpeilte, und in dessen Kosten sich zum Schluß die Herren teilen sollten, wenn $r daran dachte, daß die Faschingsfreuden der Seinen in einem Glase dünnen Punsches und Pfannkuchen, zwei Stück für jeden, bestehen würden. Und feine kleine Helene? So traurig mahnend stieg auf einmal ihr totenblasses Gesichtchen vor ihm auf, daß eS ihn emportrieb in einem leidenschaftlichen Gefühl von Reue und Sehnsucht, er aufsprang und draußen int' Flur den Kellner nach dem Schreibzimmer des Hotels fragte. Etwas verlegen gestand der Befrackte, daß es Heul auch Habe in beit Dienst des Prinzen Karneval treten müssen, aber vielleicht nehme der Herr in der Portiers« löge vorlieb.
So schrieb Hans Hassingen in dem kleinen, heißen Ramn, an dem Stehpult, an dem sonst nur der dicke Portier seine prosaischen Schristleistnngen vollbrachte, auf einen Firmenbogen des Hotels mit flüchtiger Hand die Worte:
„Mein Liebling! Mitten im Trubel deö Mainzer Rosen- zubutags fühl ich mich einsam und sehne mich nach dir. Ich kann doch den Buchenwald und meine süße, kleine Helene Nicht vergessen, der ich im Geiste heiß und innig die blastroten Lippen küsse."
Er trug den Brief selbst bis zum nächsten Brieftasten.
_ W imir schon völlig Nacht draußen, eine klare Sierneim stckcht. Vom Rhein her wehte ein kühler, feuchter Hauch,
Förmlich erstickend umfing die heiße, von Speisen- undWesii-- MjM Md verschiedene Parfüms gesättigte Luft des kleinen
Zimmers den Zurückkehrenden. Niemand beachtete ihn, itttr ein Paar goldbraune Frauenaugeu sandten ihm mitten aus der Unterhaltung mit dem Husaren einen prüfenden, mißtrauischen Blick zu, den er nicht bemerkte. Die verwöhnte Frau begriff nicht ganz, warum er sie so kampflos den anderen überlassen hatte? und durch die Trennung von ihr anscheinend doch verstimmt war. Ersah gezwungen liebenswürdig drein, als die jugendliche Exzellenz eben an ihn herantrat und ihn etwas gönnerhaft ins GesiMch zog.
Die Tochter platzte schon im nächsten Bloment dazwischen, „Mama, wir wollen tanzen — geh mal hier ein bißchen fort
— wir räumen die überflüssigen Tische und Stühle in eine Ecke —i es geht famos." f >
„Ihr seid verrückt, Kinder."
„Aber es ist doch Karneval, Mamä; Leutnant Keßler sagt, die Verrückten sind die, die nicht alle Tollheiten mittnachen —> und wenn wir schon nicht in die Stadthälle gehen, dann tauzenj wir eben hier."
„Und der Narr, der euch zum Tanze aufspielt?"
Tie schmalen, schwarzen Augen lachten keck.
„Leutnant Keßler sagt, Herr von Hassingen sei so Musikalisch, und da er doch mit seinem Knie nicht tanzen kamt — und weit gerade ein Klavier da ist." Sie hob bittend die vollen, rosigem Hände. „Picht wahr, Sie ttins, Herr von Hassingen?"
„Wenn Sie mich denn durchaus zum Narren machen wollen, was bleibt mir schließlich übrig?" scherzte der blonde Offizier, ober feine Stirn entwvlkte sich nicht.
So fast er denn am Klavier, während die anderen unter beit * surrenden Gasflammen des Kronleuchters sich drehten. Ter Raunt war eng, die Geschicklichkeit der Tanzenden groß. Man merkte die Erziehung der Hofbälle.
Besonders Lena von Rieding und bet schlanke, schöne Husaren- Offizier taten sich durch Grazie und Gewandtheit hervor, und! .Hassingen sah sie zuweilen vorüberwalzen, sah, wie sicher er führte, wie schmiegsam sie sich dem Druck seiner Hand fügte.
Er sah auch das Glühen der Bewundernng in den dunklest Männeraugen, die auf dem goldbraunen Köpfchen an seiner Schulter ruhten, und eine große Bitterkeit kam ihm, daß manche nur die Hand auszustrecken brauchten nach einem Glück und vor deut seinen Berge sich türmten.
Finster starrte er aus seine mechanisch sich bewegenden Finger, da rauschte vor ihm ein Frauenkleid, wie fein anderes rauschte — Lena von Rieding lehnte vor ihm, die weiße Hand mit deut tückisch funkelnden Smaragden auf das Klavier gestützt.
Ihr Haar war zerzaust, ihre Wangen glühten, aber eine leichte Unruhe flackerte in ihren Augen.
„Warum auf einmal die finster gefaltete Stirn, mein Freund?" fragte sie halblaut zwischen Scherz und Ernst.
Er bemühte sich heiter zu erscheinen.
„Es ist die Hassingensche Sorgensalte, mir von einem Urahn überliefert, dem das Leben mehr genommen als gegeben hat. Zit Unrecht trag ich sie nicht. Aber gleichsam zur Entschädigung hat derselbe Ahn mir das Talent vererbt. Ihnen hent, ohne daß man mirs gelehrt, zum Tanz auffpielen z» können."
„Es ist eilte schöne Gabe, sie Hilst über manches hinweg."
Er ließ die Hände von den Tasten sinken, denn sie hatten schon ein paarmal in der geteilten Aufmerksamkeit ihres Besitzers daneben gegriffen.
„Sie sind doch sicher auch musikalisch, gnädige Frau!" sagte er, der vielen neugierigen Ohren wegen den vertraulichen Toit vermeidend.
„Ich habe früher viel gesungen, aber jetzt schon lange nicht . mehr."
Ter traurige und zugleich sinstere Zug, der ihm schon einmal an ihr aufgesallen, huschte über ihr heißes Gesicht.
„In Bordighera sang ich znm letztenmal!" setzte sie wie ztl sich selbst hinzn.
Tann glitt das liebenswürdige Gesellschaftslächeln Wirt die roten Lippen.
Es galt beut Husaren mit dem schönen, vornehmen Gesicht und den Samtaugen, der seine Tänzerin ganz selbstverständlich! wieder für sich beanspruchte, nachdem er notgedrungen eine Pflicht- runde mit den übrigen Damen erledigt hatte.. Eifersüchtig war er nicht ans den blonden Offizier. Eine Millionenwitwe konnte immer nur für den Kavalleristen in Betracht kommen.
Sein „Bitte, Herr Kamerad, noch einmal den Tvnanwalzer!" klang zu verbindlich, um kameradschaftlich vertraut zu erscheint
(Fortsetzung folgt.)


