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Stimme, Mts der die Erregung zitterte, „fann dann eine Zeit für ihn kommen, in der er das Recht hat, feilt Leben zu gestalten, als hätte er nicht gesündigt? Darf er andere, die nichts von seiner Schuld wissen, an sein Leben fesseln? — Doch ich tue wohl besser," unterbrach er sich selbst, als nicht sogleich eine Antwort auf seine Frage erfolgte, „Ihnen ziterst zu sagen, mit wem Sie es zu tun haben. Mein Name ist .Hermann Haller, ich bin Leiter der Bergerschen Maschinenfabrik in H."
Der Geistliche machte eine Bewegung der Ueberraschung. „Ich bin bekannt in H.," sagte er. „Meine älteste Tochter ist dort verheiratet, ich habe öfters von Ihnen sprechen gehört."
„Wollen Sie mir sagen, was Sie von mir hörten?"
„Ich habe keinen Grund, es zu verschweigen. Ich hörte Ihren Namen nur mit hohem Lobe nennen. Man rühmte Ihre fleckenlose Ehrenhaftigkeit, Ihr Wohlwollen gegen Ihre Arbeiter, Ihre Tatkraft und Unermüdlichkeit. Man sagte, daß die Familie des Fabrikbesitzers, er selbst ist ja chohl vor einem halben Jahre gestorben?" — Haller nickte bejahend — „Ihnen ihren Wohlstand verdanke, daß Sie dieselbe vom Ruin retteten und auf die soziale Stufe hoben, die sie einnimmt."
Das Antlitz Hallers hatte sich gerötet, während der Geistliche sprach. „Was man Ihnen sagte, ist wahr," sagte er nach einer Pause, „aber es berührt nur die Oberfläche der Werhältnisse. Fünfzehn Jahre lang habe ich für den Besitzer gearbeitet, ohne nach Lohn oder Dank zu fragen. Er wäre zugrunde gegangen ohne mich. Ich lieh mich beleidigen, ja mißhandeln; ich kannte keine Ruhe, keine Erholung, hatte reine eigenen Bedürfnisse; und wenn ich mich am Tage zum Umsinken müde gearbeitet hatte, dann lag ich nachts schlaflos auf meinem Lager und rang mit Gott, bis meine Seele matt war wie mein Körper. Die Leute priesen inein Glück und ich empfand das Leben als unerträgliche Last; ich .erwachte keinen Morgen ohne den Wunsch, daß es der letzte für mich werde; ich schlief nie ein, ohne den Wunsch, nicht mehr zu erwachen; fünfzehn Jahre lebte ich so" — Haller aufgesprungen und schritt hastig im Zimmer auf und jab, plötzlich blieb er vor dem Geistlichen stehen und fragte, ihm voll ins Antlitz blickend: „Ist das Buße genug für seinen Raubmord?"
Der Geistliche erhob abwehrend die Hände: „Einen Raubmord? Cie?"
„Ja, ich! — Ich, der ehrenhafte, angesehene Fabrik- otrektor, der Wohltäter der Arbeiter, der selbstlose Freund der Familie, der ich diene, ich bin ein Raubmörder. Ich habe einen Menschen umgebracht, um ihm seine Barschaft zu nehmen, und ich bin jetzt zu Ihnen gekommen. Sie zu fragen, ob ich die Schwester des Ermordeten zum Weibe nehmen darf. — Nein, nein; ich bin im vollkommenen Besitz meiner Sinne," fuhr er mit mattem Lächeln fort, jals er den ihn scheu streifenden Blick des Geistlichen bemerkte. „Sie haben es mit keinen! Wahnwitzigen zu tun, Eie brauchen auch nicht zu fürchten, in Widerstreit mit sich selbst zu kommen, oo Sie niich dem Gericht ausliefern sollen oder nicht, das Gericht hat mir die Strafe für meine Tat verweigert. Doch ich will Ihnen erzählen, wie ich zu der Tat kam, wenn Sie Geduld haben, mich anzuhören." _ „ «Ich bin gern bereit, Sie anzuhören. Wir haben keine Störung zu befürchten."
Haller trank hastig ein Glas Wasser, das er aus der zur Hand stehenden Wasserflasche einschenkte, dann begann er, dre Augen an dem Geistlichen vorbei ins Unbestimmte richtend: „Ich habe früh meine Eltern verloren und habe nie Geschwister gehabt. Mit achtzehn Jahren stand ich allein und gänzlich auf mich selbst angewiesen in der Welt. Ich hcitte eine Bürgerschule besucht uiid meine Lehrzeit bei feinem Kunftschlosser durchgemacht. Vom Militär war ich, Är M phwachlich, befreit; so ging ich auf die Wanderschaft. Ich hatte den Kvpf voll unklarer, sozialistischer Ideen, ohne ihnen doch je praktischen Einfluß auf mein Leben gegeben zu haben, war gleichgültig gegen religiöse Dinge, ohne doch fV; Irreligiös zu sein, ich war nicht gut Und
Nicht böse. Geschickt in meinem Handwerk, hielt ich es doch nie lange an einem Orte aus, und da ich für das, was V.^rdrente, immer schnelle Verwendung sand, geriet ich Nicht selten in harte Not.
Ich ivar auf meiner Wanderung nach Holstein hinaüf- §5kommen. Es war ein strenger Winter, ich hatte keine Arbeit finden können, und meine Barschaft war bis auf j
den letzten Heller aufgezehrt. Einen ganzen Tag lang war ich in der bitteren Kälte gewandert, ohne einen Bissen, um meinen Hunger zu stillen. Ueber Nacht war ich heintlich in einen Stall gekrochen, am Morgen wanderte ich weiter, den grimmen Hunger in mir.
Da traf ich mit einem andern Handwerksburschen zusammen, er war Schlosser wie ich, aber er hatte die Tasche voll, Geld. Er zeigte mir seinen vollen Beutel, und als ich gierig den Inhalt von Mark und Pfennigen musterte, sagte er mir prahlend, daß er noch eine Brieftasche mit 50 Mark bei sich trage. Die Mutter habe sie ihm geschickt. Vom Vater sei nichts zu bekommen, mit dem stehe er schlecht, aber dafür müsse die Mutter herhalten. Wo sie's hernähme, kümmere ihn nicht, er sähe nicht ein, warum er als einziger Sohn sich etwas abgehen lassen solle. „Zum Hungerleidsn wie andere Leute," er blickte spöttisch auf mich, „fei er nicht geboren."
Der Weg ging über eine Heide, auf der weit und breit keine menschliche Behausung zu sehen war. Aus einem Steinhaufen rasteten wir. Mein Begleiter zog Brot und Wurst aus der Tasche und aß, ohne mir einen Bissen anzu- bieten. Ich war zu stolz, um den großtuerischen Menschen um etwas zu bitten, obwohl jeder Bissen, den er aß, mir zur unerträglichen Qual wurde.
Wir gingen weiter. Die Kälte und der Hunger ließen mich taumeln. Mühselig schleppte ich mich hinter dem rüstig Ausschreitenden her. Das Blut stieg mir in die Augen, in meinem Kopfe drehte es sich, der Schweiß trat mir auf hie Stirn trotz der Kälte. Die Brieftasche mit den 50 Mark darin, wenn ich sie hätte! Ich malte mir aus, wie das Brot, das Fleisch schmecken müßten, das ich mir dafür kaufte, wie mir die Ruhe in der warmen Schenke gut tun würde.
Ich fiel und raffte mich wieder auf. In meinen Ohren brauste es, vor meinen Augen tanzten feurige Funken. Ich sah und wußte nichts mehr, als daß da jemand vor mir eiuherging, der eine Brieftasche mit 50 Mark bei sich trug, und daß ich diese 50, Mark haben müsse. Ich strauchelte wieder, und als er sich umkehrte und mir eine höhnende Bemerkung zurief, da sprang ich ihm an den Hals, nicht hinterrücks, nein, Auge in Auge. Wie mit eisernen Klammern umspannte ich seine Kehle; als ich die Hände löste, starrte mir ein blaues, entstelltes Antlitz entgegen, der Körper fiel zur Erde, ich hatte ihn erwürgt."
Haller hielt schwer atmend inne. „Ich hatte einen Menschen umgebracht," fuhr er dann fort, seiner Stimme gewaltsam Fassung gebend, „absichtlich, um ihn zu berauben, und doch schwöre ich Ihnen, Herr Pastor, bei dem ewigen Gott, der über uns ist, die Tat hatte mich überfallen wie ich den Nuglücklichen. Noch zehn Minuten vorher hatte ich so wenig an Word gedacht wie Sie in diesem Augenblick. Ich hatte eine Tat begangen, die mich für immer von Glück und Seeligkeit schied; aber nicht meine Mordlust, der Hunger in mir hatte sie begangen.
Für den Augenblick kam mir die Größe meiner Tat nutzt ins Bewußtsein. Ich riß die Brieftasche aus dem Rock des Toten und floh dantit über die Heide. Im nächsten Krug kaufte ich mir Fleisch und Brot, das ich außerhalb des Dorfes verzehrte, dann wanderte ich weiter die ganze Rächt hindurch trotz der grimmigen Kälte. Am Morgen Truste ich wieder Lebensmittel und ging weiter, nachdem ich für- kurze Zeit, den Kopf auf einen Wirtshaustisch ge- legt, geruht hatte. Nur wenn ich ganz erschöpft war, legte ich mich in einem Stall, einer Scheune zur Ruhe nieder, sonst wanderte und wanderte ich, einen dumpfen Schmerz im Kopse, als könne ich durch das stete Wandern den Gedanken entfliehen, die mich überfielen, sobald ich ruhte.
_ Das Geld hatte ich aus der Brieftasche genommen und' die^e in einem der alten Hünengräber auf der Heide ver- graben. Je mehr meine Kräfte schwanden, desto ruheloser Ivard ich. Kein Schlaf wollte mehr in meine Augen kommen. Sobald ich sie schloß, stand der Ermordete vor mir und scheuchte die Ruhe von mir. Allmählich gesellte er fich auch am Tage zu mir und wich nicht von meiner Seite.
Endlich konnte ich es nicht länger ertragen. Der Erwürgte wollte sein Recht, das sollte ihm werden. Wemr ich die Strafe für meine Tat erlitt, dann mußte er wohl von mir ablassen. Es war in einer kleinen rheinischen Stadt, top ich mich dem Gericht stellte. Ich bekannte mich des Mordes schuldig, gab alle Umstünde an, dann brach ich zusammen.
- Grieb an das zuständige Gericht; die Anttvort


