Ausgabe 
6.2.1909
 
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JtfeWeit lassen, unb wenn bet NaWvinÄ tzinditrchstrtch, klang xZ wie höhnisches Zischeln und warnendes Geflüster.

Mer junge Menschen achten nicht auf die Stimmen der Natur, wenn die in der eigenen Brust so laute Sprache redet. Der letzte Rest von Hassingens vernünftigem Denken starb in dieser Heiken, Hellen Sommernacht, als er mit Espach ani Zaun des Heusionszartcus stand. ' ,

Bis in die Schläfen! pochte ihm das erregte Blut beun Nahen leise huschender Tritte, die sich der Lücke im dichten Strauchwerk näherten. ,

Zwei dunkle Gestaltei« mit verhüllten Köpfen tauchten tm hkendenden Mvndlicht auf.

Kein Wort wurde gewechselt, aber wie auf Kommando streckten sich zwei Paar kräftiger Mänireranne hilfreich aus und hoben die beiden Vermummtet« über den trennenden, niedrigen Zaun. Lisbeth machte sofort ihr Gesicht frei, wahrscheinlich, um Espach zu zeigen, das; sie iveder erregt noch zu besonderem Entgegenkommen bereit war. Ihre großen Äugen leuchteten im Mondschein genau so klar mit dem ihnen eigenen, tvachsanren und aufmerksamen Blick, her nur im Gespräch kokett und lebhaft aufzublitzen pflegte, wie Lei Sonnenschein, und der junge Offizier war klug und taktvoll genug, ihr ihm durch dieses nächtliche Rendezvous bewiesenes Vertrauen nicht durch irgend Ivelche verliebte Vertraulichkeiten zu täuschen.

Nebeneinander suchten sie zwischen den Stämmen des Waldes vorsichtig bis auf einen Weg zu kommen, der zu den weitverzweigten Anlagen des Heidelbergcs gehörte.

Mit dem anderen Paare hatten sie vorher einen bestimmten Pfiff verabredet, der sie wieder zum Zaum zusammenführen sollte.

Helene Falk und Hassingen blieben allein in bent gespenstisch Nvm Mond durchglänzten Walde, in dem es fast betäubend schwül ivar uird unheimlich still.

Die kleine, sensitive Helene, deren Augen so viel von trüu- Merischer Sehnsucht verrieten, war diesem schwülen Zauber und der Nähe des Geliebten nicht gewachsen.

Hassingen brauchte nur die Hand auszustrecken, um das scheue, zitternde Bögelchen gefangen darin zu halten.

Mit einem kleinen Seufzer, der zwischen Bangen und Be­friedigung schwankte, schmiegte sie sich an ihn. Für sie war es ja so selbstverständlich, daßihr Hans" sie beim ersten Alleinsein iu die Arme nehmen mutzte.

Gesprochen wurde zuerst nichts zwischen ihnen, sie dachten beide nicht daran, sie wntzten es ja schon lange, datz sie sich lieb hatten.

Er sagte nur:Meine liebe, kleine Helene!" und bückte sich nieder und küßte die frischen, unschuldigen Mädchenlippeu, die zuerst ein wenig scheu widerstrebten und sich dann freiwillig boten und nicht genug bekommen konnten.

Eine an Ekstase grenzende Hingebung und Zärtlichkeit offen­barte sich in einem Wesen, etwas Sinnverwirrendes, das ihn berauschte und zugleich erschreckte.

Und da kam ihm eine so jähe, erstickende Angst vor dem, was werden sollte, wenn er den Mut nicht sand, ihrer Liebe zur rechten Zeit den Todesstotz zu geben, datz er in seiner fast schroffen Ehrlichkeit, sie auf eilte Bank am Wege ziehend, sagte:

Ich hab noch keine Worte dafür gefunden, Helene, tute sehr ich dich liebe ich denke, du weitzt es auch ohnedies aber ich hatte auch nicht das Recht, dir von Liebe zu reden, nicht das Recht, dich zu küssen, denn ich kamt dich nie heiraten, Lieb­ling ich bin so arm, lute du gar nicht ahnen kannst, und sch habe außerdem noch Rücksichten auf meine Familie zu neymeit du hast auch kein Geld unsere Liebe ist also ganz aussichtslos, lind wir tun gut, uns heut zu trennen. Aber ich überlasse es

dir, darüber zu bestimmen."

Auf ein junges, argloses Mädchenherz fiel der erste Rauhreif tiiter bitteren Enttäuschung und tötete eine lichte, beglückende Illusion.

Wie erstarrt satz Helene Falk sekiutdenlang, ihre Hände, die in denen .Hassingens ruhten, wurden eiskalt, aber in ihrem Kopf war eine Glut, als durchfließe ihn all die Scham und der Schmerz, die sich wild in ihr anfbäumlen und das bis dahin so scheue Mädchen zu eurem temperamentvollen Ausbruch Hinrissen.

Sie entzog dem Geliebten ihre Hände, preßte ihr Gesicht hinein, warf sich vornüber, daß ihre wirre Haartolle ihre Kniee berührte lind knirrschte zwischen den Zähnen hervor:

Pfui, pfui! Oh, wie ich dich hasse, wie ich dich hasse! Du Hist schlecht, ich mag dich nie mehr sehen."

Und sie brach in schluchzendes Weinen aus.

Ein Anderer hätte ivohl versucht, sie zir trösten und zu be­schwichtigen, aber Hassingen war nicht der Mann dazu. Weinetrdc Menschen Erweckten an sich eilt schreckliches Unbehagen in ihm.

und er wüßte auch für Helenens Schrmrz keinen Trost, da er ihr nicht versprechen konnte, sie trotz aller Hindernisse zrt seiner Frau zu machen.

Ein Pfiff, der grell durch die Mcht tönte, endete die traurige und peinliche Szene.

Stumm schritt Hassingen Hinter dem Mädchen her, das ihrs Tränen niedergerungen, ihm aber kein gutes Wort mehr gesagt hatte. Herrisch zwang er sein heißes Gefühl nieder, das ihn zst einem versöhnenden Mschiedskutz drängte.

Ehe sie in Hörweite der beiden! Anderen kamen, die schon, in! angemessener Entfernung voneinander stehend, am Garteuzaun warteten, schlangen sich zwei schlanke Amte um den Hals beä Mannes und glühende Lippen preßten sich an Hassingens Wange. Er wandte sich und zog Helene an sich.^ Sie zitterte am ganzen Körper. Aus ihrem Gesicht, das weiß durch die helle Nacht leuchtete, glühten fieberisch erregte Augen, er fühlte, daß es noch -naß war von Tränen, als er sich darüber neigte, um es zu küssen.

Mit der Wildheit eines von Schmerz und Leidenschaft am- gewühlten Temperaments hatte sie seine Küsse erwidert. Ohne Worte hatte sie ihm eingestanden, daß ihr die Kraft fehle, sich von ihm zu trennen. Wer hätte an feiner Stelle die Selbst­beherrschung besessen, daS Opfer, das sie ihrem Stolz und ihrer Liebe durch das Eingehen auf ein aussichtsloses Verhältnis brachte, zurückzuweisen?

Selbst der besonnene Espach sand kein Wort des Tadels, aber er wars, der in jener schwülen, Hellen Sommernacht nach dem Bekenntnis des Freundes die Worte sprach, die Hassingen später iwch so ost int Ohre klingen sollten:Arme fleine Helene!" (Fortsetzung folgt.)

Aus einsamer tzüde.

Novelle von Helene S t ö k l.

(Nachdruck verboten.)

Es war gegen Abend. Der Geistliche einer kleinen Stadt saß ausruhend in seinem Studierzimmer. Frau und Kinder waren einer Einladung in die Nachbarschaft gefolgt, er selbst war zu ermüdet gewesen, sic zu begleiten. In seinen Lehnsessel zurückgelehnt, gab er sich seinen Gedanken htn. Die Töne, die er in seiner eben gehaltenen Nachmittags­predigt über die Vergebung der Sünden angeschlagen, zitter­ten noch in ihm nach.

Da klopfte es an seine Tür; ein ihm unbekaimter Herr trat herein. Er hatte ihn schott in der Kirche bemerkt. Nn- beweglich an einen Pfeiler gelehnt, hatte er während der ganzen Predigt die Augen voll durchdringender Frage nicht von ihm gewandt. Nicht ohne einige Spannung, was den Fremden zu ihm führen könne, blickte er ihm entgegen. Es war ein mittelgroßer, schmächtig gebauter Mann von etwa 35 Jahren, mit wohlgebildeten Zügen, die aber durch den eigentümlich verschleierten Ausdruck der dunklen Augen etwas Verschlossenes, fast Düsteres, erhielten.

Der Geistliche hatte sich erhoben:Womit,kann ich Ihnen dienen?" fragte er, nachdem er vergebens eine Anrede des Fremden, der an der Tür stehen geblieben war, erwartet hatte.

Ich weiß nicht, ob ich zu gelegener Zeit komme? Ich habe Ihre Predigt gehört und komme in einer Gewissens­sache" er hielt einen Augenblick inne.

Ich stehe zu Ihrer Verfügung." Der Geistliche uahnt feinen Lehnsessel wieder ein und wies ans einen gegenüber- stehenden Stuhl.

Der Fremde zögerte, sich zu fetzen.Ick) darf das, wovon ich reden will, als unter dem Beichtsiegel gesagt betrachten?"

Gewiß dürfen Sie das. Was Sie in diesem Raume sprechen, verhallt auch hier."

Ich möchte zuerst einige Fragen an Sie stellen." Der Geistliche neigte zustimmend sein Haupt.Sie glauben/ daß es für jede Sünde Vergebung gibt?"

Wie sollte ich nicht? Es ist der Grundstein, auf deut die Lehre Christi sich aufbaut."

Aber die Folgen einer Tat können hierdurch! utcht aufgehoben werden?"

Wer seine Sünde aufrichtig bereut, >vird sich der Strafe dafiir nicht entziehen wollen."

Nicht immer läßt eine Schuld sich äußerlich abbüßen. -

Auch die innere Buße entsühnt."

Und wenn jemand seine Sunde nun gebüßt hat, so gut es ihm möglich war," fuhr der Fremde fort mit einer