Samstag den 6. Februar
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Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
'Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
IV.
Der Schleier blieb auch zart und rosenfarbig über beit nächsten Wochen hängen, in denen nicht nur die Natur farbenprächtige Blüten unter heißer Sommersonne trieb, sondern auch die Frühlingskeime in jungen Menschenherzen immer üppiger emporschossen und Knospen trugen, die sich beim ersten Anlast zu feurigroten Liebesblumen entfalten mußten. Die beiden jungen Offiziere hießen im Kameraden-kreise bald „die Unzertrennlichen", denn man konnte sie, Hassingen, der noch immer Zivil trug, aber täglich rascher und sicherer ansschritt, auf den Arm Espachs gestützt, fast jeden Nachmittag auf die Anlagen des Heidelbexges zusteuern sehen, zum Zweck von Gehübungen, wie sie jedem, der sich über diese Spaziergänge verwunderte, ernsthaft versicherten. Sie waren sich sehr nahe getreten und duzten sich seit einiger Zeit.
Hassingen lernte die kühle, überlegene, oft etwas ironische Art Espachs in gewisser Hinsicht schätzen, denn dieser schonte den Jüngeren durchaus nicht, sondern erinnerte ihn oft ironisch an den „Mangel an Gefühl" und an die „Vernunft", worüber er einst bei sich zu verfügen glaubte und wovon jetzt oft gerade das Gegenteil bei ihm zu bemerken war.
Auch pflegte er ihm sehr kühl und sachlich vorzurechn'en, daß nichts mal Nichts noch weniger wie nichts ergäbe, wenn man davon einen Hausstand zu gründen gedächte und zu diesem Zweck den bunten Rock auszöge, was schon eine Torheit an sich wäre, denn wer einmal wie Hassingen zum Soldaten erzogen und mit Leib und Seele Offizier sei, der wäre wie ein Fisch, den man auf den Sand geworfen, sobald er einen anderen Beruf ergreife.
Hassingen pflegte dann gänzlich ernüchtert zu sein und nahm sich vor, Helene Falk schonend darauf hinzuweisen, daß er kein armes Mädchen heiraten könnte, aber wenn ihre schwärmerischen und zärtlichen Augen unter dem Schatten des weißen Mullhutes so voll unbedingten Vertrauens zu ihm cmporgerichtet waren, verursachte, ihm allein schon der Gedanke, diese Augen könnten sich mit Tränen füllen, und er würde ratlos und unbeholfen neben ihr hergehen müssen, ohne bei der Gefahr ihnen begeg- nender Menschen eine herzlichere Aussprache mit ihr beginnen zu können, ein so peinliches Gefühl, daß er sich damit begnügte, den harmlosen Freund herauszukehren und jede Anspielung auf seine Verliebtheit zu unterlassen.
Zwischen Espach und Lisbeth Schäfser herrschte dieser mehr freundschaftliche Ton auf ganz selbstverständliche Weise, ohne die schwülen, kleinen Pausen, wo nur die Blicke sich kreuzen und dem unbefangenen Gespräch die Wirkung nehmen, wie dies zwischen dem anderen Pärchen der Fall war.
Erstens hattest die Beiden sich erst vor kurzen kennest gelernt.
ohne sich schon wochenlang verliebt miteinander beschäftigt zii haben, zweitens waren sie auch anders geartet.
Sie wären verwöhnte Kinder, die naturgemäß nicht diese Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit hatten, da gütige Elterst sie noch aus der Ferne mit liebevoll schirmender Sorge umgaben und eine lichte, traute Heimat ihnen jederzeit als Asyl des Friedens! offen Mtb.
Außerdem war sich Lisbeth der Tatsache bewußt, daß sie recht gut einen Offizier, einen armen Offizier sogar, heiraten konnte, geschweige denn Espach, der sie wiederum selbst als armes Mädchen hätte zur Frau nehmen können, und sie war, trotzdem sie den! jungen Offizier von Tag zu Tag lieber gewann und innerlich durchaus nicht so kühl veranlagt war, doch zu selbstbewußt, urst sich in eine bloße Liebelei ohne reellen Hintergrund einz»lassen. Sie war sich ganz einfach zu schade dazu.
Dieses kaum siebzehnjährige Mädchen hatte eine angeborene Routine, einen verliebten Mann in Grenzen zu halten, wie sie, erlernt, nur reifen, viel umworbenen Frauen eigen.
Deshalb glaubte Leutnant Espach seinen Augen nicht trauest zu dürfen, als-er eines Mittags verstaubt und erhitzt vom Exerziere platz in seine angenehm kühle, mit den Fenstern in Buchenwald! blickende Wohnung zurückkehrend, ein mattblaues Briefchen vor" fand, das in steiler, großer Schrift nichts enthielt als die viel" sagenden Worten: „Heute abend 10 Uhr am Gartenzaun wartest auf L." Er war so verblüfft, daß es ihm unmöglich war, alleist mit dieser Ueberrafchung fertig zu werdest.
Er griff nach der eben erst abgenommenen Mütze ünd ging im bestaubten Tienstanzuge und mit zweifelhaft sauberem Gesicht zu Hans Hassingen, der seit einigen Tagen wieder Dienst tat. Ter stand, als er bei ihm eintrat, an seinem Schreibtisch, ebenfalls noch im Staub und Schweiß des Exerzierens und starrte, ganz eben so überrascht auf ein mattrvsa Briefchen, das er geöffnet in der Rechten hielt.
Unwillkürlich lachte Espach laut auf und warf das blaues Briefchen zu der andersfarbigen Schwester.
„Heut abend 10 Uhr am Gartenzaun!" sagte er, und Hassingen nickte lachend.
Gleich darauf zeigte er wieder die vertiefte Sorgenfalte.
„Heut werd ichs ihr sagen, daß ich sie nicht heiraten kamt — int Dunkeln seh ich ihre Tränen nicht."
„Wir. habest heut Mondschein, alter Freund."
„Im Buchenwald gibts wohl Schatten genug — zum aller-- mindesten keine Zeugen, ich kann mich doch wenigstens mit ihr' aussprechen."
„Tue das!" meinte Espach, den ein mählich anfsteigendes Glücksgesühl übermütig zu machen begann, schon zwischen Tür und Angel, „aber Courage haben die beiden Mädels, Donnerwetter."
Mit diesen Worten überließ er Hassingen seinen teils freudigen, teils schwermütigen Grübeleien.
*
Kurz vor 10 Uhr gingest sie zusammen durch den schwülen. Mondhellen Jnniabend ihrem Ziel, dem Möllerschen Pensionat zu. Der trockene Sommer hatte das Laub zum Teil schon


