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Zugleich mit seinen Legitimationspapieren hatte ihm der Direktor < auch die hundertundzwanzig Mark zurück- Segeben, die er beim Strafantritt in seinem Besitz gehabt alte, und nun erkundigte er sich freundlich nach seinen weiteren Absichten.
„Ich möchte nach Amerika gehen, Herr Direktor. Denn hier in Deutschland gelte ich doch nun mal für einen bestraften Menschen. Und es ist nicht angenehm, ans Schritt und Tritt daran erinnert zu werden. Ich kann doch wohl jetzt gehen, wohin ich will?"
„Gewiß ! Der Entlassungsschein ist ein vollgültiger Beweis, daß Sie Ihre Strafe verbüßt haben. Und im übrigen sind Ihre Papiere ja in bester Ordnung. Aber woher wollen Sie denn die zur Mswandernng erforderlichen Mittel nehmen?"
„Ich habe einen wohlhabenden Beiter, den ich darunr «ngehen werde, sie mir vorzuschießen."
„Nun, dann wünsche ich Ihnen das Beste für Ihre Zu- iftmft. Rach den Berichten meiner Beamten habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie ein ordentlicher und tüchtiger Mensch sind. Und wemi Sie sich dennoch entschließen sollten in Deutschland zu bleiben, werde ich Ihnen gern durch meine Empfehlung behilflich sein, soweit ich es vermag."
„Ich danke Ihnen, Herr Direktor. Und ich werde es gewiß nicht vergessen, wie gütig ich hier behandelt worden bin."
Der alte Herr reichte ihm die Hand. Und als ein freier Mann schritt der bisherige Gefangene durch das Tor der Anstalt, bis zu welchem emer der Aufseher ihm das Geleit gegeben hatte.
Fast um die nämliche Stunde am nächsten Vormittag war es, als ein junges Mädchen, das unschwer als ein sonnsonntäglich gekleidetes Dienstmädchen zu erkennen war, Einlaß in das Gefängnis begehrte. Sie sah sehr vnfgeregt aus, und nachdeni sie im Empfangsbureau eine Weile lebhaft mit einem der Unterbeamten gesprochen und denselben durch ihre Mitteilungen zu wiederholtem Kopfschütteln veranlaßt hatte, wurde ihr bedeutet, eine Weile |u warten, da dies eine Angelegenheit sei, die dem Herrn Direktor selbst unterbreitet werden müsse.
Nach Verlauf einer Viertelstunde, während deren sie ihre Ungeduld deutlich genug an den Tag gelegt hatte, wurde sie dann in das Amtszimmer des Anstaltsleiters geführt.
„Was für eine sonderbare Geschichte ist denn das, die Sie da erzählen? Sie wollen gestern aus Amerika einen Brief von demselben Paul Rennert erhalten haben, der während der letzten sechs Monate in unserer Anstalt rvar? Und Sie behaupten, daß nicht der hiesige, son.deru der amerikanische Rennert der richtige sei?"
„Ja, das behaupte ich. Ich !verde doch die Handschrift meines Bräutigams rennen. Und es hat ja auch seine Richtigkeit, mit allem, was er schreibt."
„Na, so lassen Sie einmal sehen!"
Der Beamte nahnr den Brief in Empfang, prüfte den Poststempel, verglich die Handschrift auf der Adresse mit derjenigen der Einlage und begann zu lesen. Er schüttelte während der Lektüre wiederholt den Kopf, denn es war in der Tat sehr merkwürdig, was in diesem Schreiben stand.
Nach einer sehr gefühlvollen Einleitung, in welcher der Absender davon sprach, daß er trotz allem, was sie ihm angetan, sein Gustchen nicht vergessen könne, und daß er ganz krank sei vor Sehnsucht, sie wiederzusehen, begann er mit einer weitschweifigen Erzählung seiner Erlebnisse. Und diese Erzähning trug in ihrer naiven Form allerdings ganz das Gepräge schlichter Wahrhaftigkeit. Er berichtete, daß er nach dem Tode seiner Mutier in die Rheinprovinz gegangen und bei dem Bankdirektor Neuhofs als Kutscher in Dreust getreten sei. Als er dann die Aufforderung erhalten habe, ferne Strafe abzusitzen, sei er mit Hilfe einer Summe von fünfhundert Mark, die ihm sein Herr M diesem Zweck gegeben, über die Grenze entflohen, und nachdem er sich falsche LegctunatioUspapiere verschafft, auf einem Auslvan- oerjchcsf glücklich nach Newport entkommen. Hier sei es rym vou Anfang an recht gut ergangen. Er habe eine ein* Echiche Stelle gefunden und trotz der kurzen Zeit seines Hcersems schon recht hübsche Ersparnisse machen können. Sein sehnlichster Wunsch sei, daß Gustchen übers Meer zu ihm herüber komme, um seine liebe kleine Frau zu werden, denn die amerikanischen Mädchen und was da sonst noch an Eingewanderteii vorhanden sei, wollten ihm gar nicht ge-
i Zeit von einem Paul Renrlert in Newßork fünfhundert Mark
sonderen Schwierigkeiten, seine Spur zu finden.
Nachdem durch eine telegraphische Anfrage an dem früheren Wohnorte des durchgegangenen Bankdirektors Neuhofs festgestellt worden war, daß in der Tat schon vor einiger
, fallen. Er hätte ihr auch schon ganz gut von seinem Ersparten das Reisegeld schicken kömreii, wenn er nicht zuerst die fünfhundert Mark hätte zurückzahlen müssen, die er von Neuhofs bekommeri.
Alles, was sonst noch in dem langen Briefe stand, war für den Direktor ohne Interesse. Die Hauptsache aber interessierte ihn desto lebhafter. Er richtete noch eine Menget Fragen an die Empfängerin des Schreibens, und ihre Antworten tonnten ihn nur in der Vermutung bestärken, daß der musterhafte 'Gefangene, dem mait sechs Monate lang die Gastfreundschaft der Strafanstalt erwiesen, nicht derjenige gewesen sei, fite den er sich ausgegeben. An und für sich lag darin durchaus nichts liuglaubliches, denn der verurteilt« Panl Rennert war ja keinem der Gefängnisbeamten persönlich bekannt gewesen, und in der Anirahme, daß nicht so leicht ein Unberechtigter sich zur Verbüßung der über einen anderen verhängten Strafe meldet, hatte man keinerlei weitere Nachforschungen angestellt, nachdem der Mann nicht nur Austveispapiere über seine Persönlichkeit, sondern auch die Aufforderung zum Strafantritt vorgelegt hatte.
Deutlich erinnerte fich der Direktor jetzt auch des ängstlichen Eifers, mit welchent der angebliche Paul Rennert sich gegen den ihm zugedachten Besuch der Auguste Möbms gesträubt hatte. Denn toeint er sich wirklich unter einem falschen Namen hier eingeschmuggelt hatte, so wäre ja bei dieser Begegnung der Betrug unfehlbar ans Licht gekommen.
„Warum konnte dieser amerikanische Brief nicht vierundzwanzig Stunden früher eintreffen!" seufzte der Direktor. „Dann wäre der Vogel noch im Käfig gwesen, und wir hätten etwas näher zusehen können, was eigentlich unter dem erborgten Gefieder steckte."
Aber auch so tvar es aller Voraussicht nach für diese Feststellung noch nicht zn spät. Sehr weit konnte ja der angebliche Rennert noch nicht gekommen fein, und da man mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen konnte, daß er sich im Gefühl seiner Sicherheit auch weiter des angenommenen Namens bedienen würde, so hatte es vermutlich keine be-
eingegangen seien, wttrbe von der Staatsanwaltschaft in Bartenstein mit tunlichster Beschleunigung das Fahndungs- verfahren gegen den falschen Rennert eingeleitet, hinter dessen erborgtem Nanten man eine lange gesuchte und für die Justizbehörde ungleich wertvollere Persönlichkeit vermuten mußte.
Sechsunddreißig Stunden später wurde Neuhofs in einem bescheidenen Spandauer Gasthofe verhaftet, als er eben seine Rechnung bezahlt hatte und im Begriff war, sich mit feinem Handtosfer zur Erreichung des Hamburger Expreßzuges nach dem Bahnhof zu begeben. Es hatte gar keitte Mühe gehabt, ihn zu finden, denn er war, wie man es Vermutet hatte, unter dem Namen Paul Rennert in dem Gasthofe abgestiegen und hatte gar nichts getan, seine Spur zu verwischen.
Obwohl er sichtlich aufs äußerste erregt und bestiirzt war, suchte er sich doch zu beherrschett und setzte seiner Festnahme keinen Widerstand entgegen. Trotzdem erachtete einer der Beamten es für zweckmäßig, feine Taschen zu untersuchen, uub die Maßregel war nicht überflüssig gewesen, da er dabei einen scharfgeladenen sechsschüssigen Revolver zum Vorschein brachte. Eilte noch viel intereifantere Entdeckung aber machte man später auf der Polizeiwache, wo man in dem Handkoffer vier sorgsam in Wachstuch eiuge- schlagelte Päckchen fand, deren jedes nicht weniger als hunderttausend Mark in Banknotert enthielt.
Nun sagte man dem Verhafteten auf den Kopf zu, daß er der Bankdirektor Ernst Renhoff sei, und er leugnete nicht länger. Nachdem fein raffinierter Plan fast im Augenblick des Gelingens gescheitert war, wußte er ja, daß es keine Hoffnung mehr für ihn gab, und er gestand alles. Schon lange vor dem Eintritt der Katastrophe, die seinem Kollegen Wernick das Lebert kostete, hatte er gewußt, daß er eines Tages genötigt sein würde, sein Heil in der Flucht zu suchen. Und er hatte für tiefen Fall zahllose Plätte enttvorfen, von betten ihm indessen keiner ausführbar erschien. Da war ihm während seiner letzten Uilterrednng mit dem Kutscher Rennert blitzartig jene Idee durch bett Kopf gefahren, die sich dann spater als eine so glückliche erwiesen hatte. Wo


