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In der Küche schwatzten die beiden Dlädchen. Das heißt, Hildegard schwatzte, und Hendrina hörte erstaunt zu. So fremd war ihr alles, die schnelle, lustige Sprache, wie das, was.Hildegard erzählte. Es rollten sich bunte Bilder vor ibr auf. Bilder des heitern Lebens, wie sie es nie geahnt hatte. Was die braune Hildegard da mit bingischer Zungenfertigkeit ihr vorplapperte, war die Schilderung einer immerwährenden Kirmes. Ach, nirgends auf der Welt wars schöner als in Bingen Sommers da wallte der Strom der Fremden immer ab und zu, ab und zu. Schiffe kamen und gingen, strvniauf uno --ab, Züge fuhren bergauf und bergab, Musik spielte, und alle Tage war etwas anoeres los. Wenn Hildegard ihr bißchen Hausarbeit getan hatte, für sich und den Vater gekocht, dann hatte sie den Nachmittag für sich. Dann putzte sie sich und frisierte ihre krausen, braunen Haare schön und holte ihre Kameradinnen ab, und dann schleirdcrten sie am Rhein entlang, in der Platanenallee oder unter den Userlinden. Lange waren sie nicht allein; wenn die Unterrichtsstunden im Technikum zu Ende waren, dann kamen die jungen „Techni" scharenweise. Jetzt ivfircit ja Weihnachtsferien, jetzt waren sie alle heim. Aber wenn sie nach Neujahr roiederkamen, dann sollte Hendrina mal sehen, Ivie juxig das wurde. Es gab ja immer Eifersüchteleien und allerhand Krakelst zwischen ihnen und den Binger „Barsch", die die Binger Mädchen den „Hergeloffnen" nicht überlassen wollten. Rein zum Totlachen wars manchmal. Im Sommer, wenn sie am Rheinquai spazieren gingen, immer auf und ab, auf und ab, abends nach dem Nachtessen, wenn der Mond ani Himniel stand und so schon ins Wasser schien, dann gingen die immer hinter ihnen drein, manchmal ganz nahe, aber manchmal wieder etwas entfernter. Und manchmal, da gingen sie auch miteinander, den Hafenweg hinauf, wo es so still war, und man auf den Bänken sitzen konnte.
Die braune Hildegard kicherte lustig, und ihre Brvmbeer- augen glänzten.
lind Sonntags, da gingen sie spazieren. In de» Binger- Wald, drüben aus der anderen Naheseite, n» man stundenweit herumlaufen konnte. Oder den Rhein hinunter nach dem F-ran- Iosenhaus, wo man so schön am Wasser saß und auf Aßmanns- hausen sah. Da wars auch immer lustig. Lauter junge Leute, die Binger und die „Technie"; dann setzte sich nachher ini Saal einer ans Klavier und spielte eins auf, und die andern tanzten. Und abends spät gingen sie miteinander heim und sangen — in — Ann in Arm in einer langen Kette — oder jedes Pärchen einzeln. Und im Winter, da wars auch schön.
Alle Augenblick was anderes. Tann Konzert ün Bahnhof und dann Ball. Und dann Fastnacht! — Und nun übersprudelte sich die Hildegard und erzählte von Kränzchen und Maskenbällen und von tollem Mummenschanz, daß der Hendrina Auge» immer größer wurden und immer glänzender, und sie fast den Atem anhielt und mit klopfendem Herzen zuhörte.
Während sie schwatzte, flogen ihre Finger blitzgeschwind, sie schälte Kartoffeln und fegte Gemüse und wirbelte an den Koch- Herd und stellte alles bei, und dann holte sie vom Haken einen Korb und war verschwunden, und im Handumdrehen wieder zurück und packte eine mächtige Brativurst aus, und bald bwtzelte es in einer großen Pfanne, und die Hildegard klapvcvte mit Geschirr uns .inte zwischen Küche und Stube hin und her, und als sie mit Schwatzen und Erzählen fertig war, da dampfte auch schon das Essen auf deut Tisch.
„Rotkraut und Brotwnrscht!" Baten Weingärtner schmunzelte behaglich. „Des is mei Leibesse. G'rad' als ob's Rochusdag wär', 's geht doch nix- drüwer. Die Hildegard is ä Mädche wie Band. Alles was recht ist. ä Schwätzbas und ä. Pläsierstengel, wo ä Geig' gehl, do muß je debei sein, un Ivan» se emol müßt dehäm bleiwe, ich glaawe, 's Herz mißt er vrrspvinge. Un immer mit'ni Schnawwel vorn. Awwer ihr Sach versteht sie! Ich Slaawe in W'm Haus gibt's besser Rotkraut und Brotwurscht."
Nach dem Essen gingen sie wieder hinaus an den Rhein. Die Eisfläche lag jetzt ganz still. Das Knistern und Knattern hatte aufgehört. Am Ufer waren die Leute schon in lebhaftester Tätigkeit. Die Eisschollen, die wild durcheinander lagen, wurden befette geschafft, ein Durchgang geschaffen und geebnet. Auf ^rs Rheiners selbst durfte iwch niemand. Der Polizeidiener Rausch stand martialisch am User aefgepflanzt, ein anderer spa- Sterte auf und ab. Es sei noch zu gefährlich, hieß eS. Eine Zeitlang machte niemand einen Versuch. Aber drüben am andern Ufer, nw der Rüdesheimer Berg sich in einer geraden Masse dehnt, da gingen ganze Trupps unruhig hin und her. Und plötzlich löste sich ein schwarzer Punkt von ihnen ab, sprang die steile Uferböschung hinab aufs Eis. Jetzt war er darauf, jetzt kam er eilig näher. Ein junger Bursche wars. Schon war er mitten
lenkte seine Kappe, schrie und jauchzte lustig, andere da drüben auf die Eisfläche, bewegtest sich eilig vorwärts. Der erste war jetzt ganz nahe. Polizeidiener Rausch kam so eilig, als es seine Würde erlaubte, näher, um dem Uebeltäter einen schlechten Empfang zu bereiten. Aber dev sprang mit weiten Sätzen stromab, während er seine Arme heftig schwenkte und dabei Hurra schrie. Dann kam er ans Land, ein Menfchenknäul sammelte sich um ihn, er war der Held, der erste, der herüber gekommen war. Andere folgten, bald sah man ganze Trupps, die sich durch das aufgetürmte Eis springend und hopsend Hindurchwauden. Es gab jedesmal einen lauten Jubel, wenst sie herüber ganten. Und nun formte Rausch nichts mehr'wehren. So viel er auch hin und her rannte und heftig schalt, überall sprangen die jungen Burschen aufs Eis, rannten eilig hinüber ans andere Ufer.
Und nun durste auch das Bahnen der Wege beginnen. Die Leute kamen mit ihren Pickeln und Schaufeln Sie ebneten das Eis, bahnten einen Weg stromauf nach Rüdesheim zu, das da drüben im Sonnenschein seine Dächer glitzern ließ. Andere brachten schon Asche und Sand, um den Weg zu bestreuen. Es war schwere Arbeit, der Schweiß rann den Emsigen trotz der Kälte von der Stirn. Aber sie schafften lustig mit viel derben Späßen. Es gab ja Verdienst, vom lieb er gang wurde ein Eisgeld erhoben, und wenn das Wetter so blieb, dann würden wo bl Tausende hinüber und herüber wandern. Sie wachten/ auch eifrig darüber, daß fein Unbefugter arbeitete, durch jahrelanges Herfommen war fcst- geseht, wer mithelfen durfte, und wehe dem, der sich hätte dazu drängen wollen. Zu beiden Seiten des Weges wurden hier und da Tannenbäumchen aufgepflanzt. Der Weg ging in seltsames Schlangenwindungen, wo gerade das Eis am besten wat. Oben' bei Rüdesheim regte sich'S auch. Wer scharfe Augen hatte, konnte schon selten, wie der Weg auch da entstand, auch schwarz bestreut und mit Bäumchen eingefaßt. „Die Redesemmer schaffe aach," hieß es. Und bann wurden Erinnerungen ausgetauscht, wie es war, das letztemal, als der Rhein zuging und das vorletztemal. Und ein ganz alter Schiffer, der aber noch eifrig die Hacke schwang, fing aus einmal an, zu erzählen: „Jo wir dä Rhei Anno achtzehnhundertnndzwäundverzig zu is gange---“
(Fortsetzung folgt.)
Zn Sicherheit.
Erzählung von Reinhold O r t m a n n.
■8icä)i>rud verboten
(Schluß.)
Die Mitgefangenen musterten ihn mit neugierigem Micken, denn es war im trostlosen Einerlei ihres Lebens immer ein Ereignis, wenn einer von ihnen zu ungewöhn- licher Zeit in das Bureau des Direktors beschieden wnroe. Ta ihnen eine Unterhaltung verboten war, fr bemühtest sie sich, aus dem Gesichtsausdruck von Nummer siebenund-- ueuuzm zu erraten, ob ihm in der Höhle des Löwen Gittes oder Ählimmes widerfahren sei.
Aber das ernste Geslcht des Gefangenen war ganz undurchdringlich, und er nahm die unterbrochene Arbeit Wiede» aus, ohne auch nur einen einzigen Blick mit seinen Nachbarn zu wechseln.
Daß mit ihm nicht viel anzufangeu fei, wußte man freilich längst. Er war vom ersten Tage au das Muster eines fleißigen, bescheidenen und folgsamen Gefangenen gewesen, und dementsprechend war er zwar von den Aufseherst wohlgelitten, bei seinen Leidensgefährten aber, gegen biel er eine fast scheue Zurückhaltung beobachtete, recht wenig beliebt.
War er also bis zum heutigen Tage schon still und §u* rückhaltend gewesen, so wurde er nach dem Empfang jenes Briefes noch scheuer und verschlossener. Er hatte ihn abends in seiner Schlafzelle noch einmal sehr aufmerksam gelesen; aber er hatte ihn nicht beantwortet. Und die arme Auguste Möbius tu Schwentifchkeu, die wohl Tag für Dag fehn- süchtig nach dem Briefträger ansschauen mochte, wartete vergebens.
3.
Au einem stillen Herbstvormittag stand Rennert, der sechs Monate laug nichts weiter gewesen war als eine Nummer, wieder vor dem graubärtigen Anstaltsdirektor, diesmal aber nicht mehr im gestreiften Gefänguisanzuge, sondern in sauberer und anständiger bürgerlicher Kleidung.
Er hatte feine Strafe verbüßt, und feine musterhafte Führung hatte ihm vollen Anspruch gegeben aus eine besonders wohlwollende tfomt der Entlassung.


