Ausgabe 
5.8.1909
 
Einzelbild herunterladen

482

Sie greifen mich. Mach auf, mach auf!"

Sie kam nicht. Da ein mächtiger Tritt, die Türe flog krachend auf . . .

Er verlor das Gleichgewicht Und stürzte, sich überschla­gend, jählings in den Steinbruch hinab.

Am andern Morgen fanden ihn die Steinhauer, die an ihr Tagewerk gingen. Er lag mit zerschmettertem Kopf da, aber er gab noch schwache Lebenszeichen von sich. In aller Eile holte'man aus Orlenbach einen Leiterwagenherbei, bettete den Verunglückten darauf, so gut es ging, uub schaffte ihu in die Stadt.

Es läutete zehn Uhr. Dernarrige" Balduin suchte eben, leise vor sich hinpfeisend, die Straße nach Zigarren­stummeln ab. Da bemerkte er den Wagen, der langsam durch das Stadttor fuhr. Mit seinen Luchsaugen hatte er sofort auf dem Strohlager den Pflastermeister erkannt. Er stieß einen Schrei aus uub lief im Galopp in der Meisterin Haus.

Meisterin, sie kommen, heidi, ging das schnell. Er ist tot, mausetot. Das schöne Füllen. Hast's doch so fein gestriepelt. Ei du mein Vater! Arm geht er 'ans dem Erdenreich, sein himmlisch Bett ist wunderweich. Wie werden sich die Englein sren'n. Und die lieben Vettern und Basen kriegen alles. Hi, hi! Das junge Füllen und die alte Frau. Tut nicht gut. Heidi, ging das schnell. Tot, ntaufetot. Ei du mein Vater!"

Als der Wagen vorfuhr, stand die Meisterin an ihrer Haustüre, den düstern Blick auf den todwunden Friedmar richtend. Hastig meldeten die Steinhauer, wie sie ihn ge- stniden hatten.

Lebt er noch?" fragte fie mit gedämpfter Stimme.

Ja, er lebt noch."

Seid so gut," sagte sie im Flüsterton,und helft Wir, ihn ins Bett bringen."

Indes eine Frau aus dem Haus zum Arzt lief, trug uiau den Pflastermeister vorsichtig in die Schlafkammer und legte ihn sanft auf sein Bett. Die Meisterin dankte den Steinhauern und gab jedem ein kleines Geldgeschenk. Dann setzte sie sich an Friedmars Seite nieder. Der Arzt kam und untersuchte den Schwerverletzten mit großer Sorg­falt. Darauf nahm er die Meisterin beiseite uub raunte ihr zu:

Da ist leider keine Hoffnung mehr. Ich geb' ihm nur noch ein paar Stunden Frist."

Er drückte ihr teilnahmvoll die Hand und ging. Die Meisterin wich keine Sekunde vom Lager des Sterbenden. Um die Mittagszeit ging Friedmar still hinüber, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben. Wie er so dalag, von der Erhabenheit des Todes berührt, schien es, als schwebe ein Lächeln um feinen blassen Mund. Die Meisterin faltete die Hände des Toten und breitete ein weißes Linnentuch über ihn aus. Dann schritt sie mit feierlich ernster Miene langsam und lautlos aus der Kammer.

Zwei Tage später trug man Friedmar zu Grabe. Das Trauergeleite war nicht sehr groß, allein die Verwandt­schaft des erstverstorbenen Pfla'stermeisters war vollzählig erschienen. Die Meisterin in vollem Trauerstaat nahm alle Beileidsbezeugungen mit ruhiger Würde entgegen. Auch als der Pfarrer ihr Trost zusprach, blieben ihre Augen trocken. Da der Leichenzug sich schon in Bewegung setzte, humpelte der alte Kipping in der Meisteringute Stube" und erbot sich- ihr Gesellschaft zu leisten. Der Schrecken über Friedmars klägliches Ende war ihm in die Glieder gefahren, und der Weg nach dem Friedhof dünkte ihm bei seiner Hinfälligkeit zu beschwerlich. Die Meisterin setzte ihm beit bei Beerdigungen üblickenTröster" vor. Beim dritten Glas wurde der Alte gesprächig.

Ja, ja, man erlebt was, wann man alt wird. Wer hätt' das gedacht. Da krakel' ich mit meinen mürben Knochen herum, und so'n junger Mensch muß in seiner Kräftigkeit fort. Ich mein' als, er müßt' der Tür hereinkommen. Freilich, 's nutzt nichts. Hin ist hin. Wann man's so nimmt, er war doch gar leidlich, der Friedmar. Ja no, feine Mucken hat halt jeder, 's ist! jammerschad' um ihn. ©ein Mannwerk war ihm Spielerei. Und sein Geschäft M er verstanden wie einer. Ich will ja nicht sagen, daß er die Gescheidtheit mit Löffeln gegessen hat. Bewahr', sonst hätt' er sich nicht so festgeritten. Könnt' leben wie unser Herrgott in Frankreich, 's ist nicht zu glauben. Und dann die ewige Schnapstrinkerei. Meine Gret' selig hat

als gesagt, die Welt geht noch am Schnaps zugrund. seh'n wir's wieder. Son Elend, o je, o je!" "

Er leerte sein Glas und schielte nach der Meisterin! hinüber, die, ohne auf sein Geschwätz zu hören, andächtm in ihrem Gebetbuch las. Jetzt drang durch das offene Fenster, von den Wellen der warmen Frühliugslust be­tragen, der wimmernde Ton des Stcrbeglöckchens herein Der Alte nahm rasch noch einen Schluck und faltete die Hände. Die Meisterin aber betete laut:

Herr, allmächtiger Gott und Vater, verleihe unferm Dahiugeschiedeneti um deines lieben Sohnes willen die ewige Freude und Ruhe; lass' ihm leuchten dein ewiges Licht und gib ihm das ewige Leben. Uns aber, die wir hienieden bleiben und dem Entschlafenen nachschauen, tröste aus der Fülle deiner Barmherzigkeit! Sei unser aller Pfleger, Helfer und Beistand und lass' uns deine Güte und Gnade reichlich erfahren, bis auch unser Stündlein kommt und wir selig dahinfähren. O getreuer Herr und Heiland, geleite die Seele unseres Entschlafenen, die du selber durch dein Blut erkauft hast, in die Herrlichkeit Gottes um deiner Liebe willen. Amen!"

XII.

Ein taufrischer Frühlingsmorgen. Ueber dem weit­läufigen Gelände der Pflastermeisterin wob ein leichter Nebelschleier. Sobald die Sonne höher gestiegen war, zer- stob das feuchte Gespinst an der gotdnen Flut des jungen Lichtes. Nun trat der schöne Gartenbesitz in seiner ganzen Ausdehnung aufs anmutigste hervor. Aus dem satten Grün des Rasens hoben sich von kunstreich geformten Beeten farbenbunte Tulpen und Hyazinthen ab. Auf den Rabatten hatten Schneeglöckchen und Scilla abgeblüht, dafür standen jetzt Penss, Goldlack und Narzissen in vollem Flor. Die Bäume hingen voll Knospen und Blüten, und die Zier­sträucher schwenkten lustig ihre zarten Blätterfahilen. Im Gemüsegarten, der teilweise bereits diirchgegraben war, hantierte die Meisterin mit Spaten und Rechen. In diesem Frühjahr hatte sie sich zur Bestellung des Gartens keine Hilfe genommen, fie getraute sich allein damit fertig zu werden. Die angestrengte körperliche Wbeit tat ihrem wunden Gemüt wohl. Die trüben Gedanken freilich- die sie gewaltsam verscheuchen wollte, kamen doch. Sie be- arbeitete das KUrtoffelland. Ihr Arm bog und straffte sich unermüdlich, und der scharfe, blinkende Spaten durch- schuitt klingend Scholle um Scholle. Seitwärts lagen die Setzkartoffeln geschichtet. Ein paar Zoll tief legte man sie in den Boden, dann keimten sie ohne große Pflege auf, trugen Blüten und gaben reichliche Frucht. Jahr um Jahr erfüllten sie ihre nützliche Bestimmung und blieben immer dieselben. Darauf komitc man bauen. Die Menschen dahingegen, die so vieler Wartung bedurften, bis sie er­wachsen waren, blieben nicht dieselben und veränderten sich von Geschlecht zu Geschlecht. Der liebe Ävtt hatte sie ge­schaffen, daß fie blühen und gedeihen sollten, wie die > Blumen und die Pflanzen. Aber sie schlugen aus der Art. Sie kannten kein stilles, genügsames Dahinleben. Was jeg- i . lichem zuteil war, mißgönnten sie einander, und Haß und/ Scheelsucht hielten da ihre Wühlarbeit. Die Menschern wollten keine friedliche Gemeinschaftlichkeit. Alle ginge:« sie voll Eigensucht ihren verschiedenerlei Wünschen und (3rt lüsten nach. Nein, auf die Menschen war kein Verlaß. Am besten, man ging ihnen ganz aus dem Weg, und schloß sich in den Garten ein. Die Blumen und Pflaitzen waren dankbar für alles, was man an ihUen tat. Unter ihnen lauerte keine Hinterlist, war kein Verrat. Da war man gut aufgehoben. Und wenn der liebe Gott von droben eines Tages rief:Komm', 's ist Zeit!", dann suchte man sich hier ein ruhiges Plätzchen aus und grub, tief und >- immer tiefer, und grub sich zuletzt das eigene Grab . . >

Ganz unter dem Bann dieser Vorstellung setzte die Meisterin immer hastiger den Spaten ein. Und die Erd­schollen flogen auf und nieder. Gegen Mittag hatte sie ein großes Stück Kartoffelland umgestürzt. Wer sie hatte sich doch wohl zu viel zugemutet, denn sie fühlte sich nut einem Mal so hinfällig, daß sie die Arbeit eiuftellte und sich mühsam an ihren Lieblingsplatz unter der alten Eber­esche schleppte. Wie betäubt sank sie auf die Bank, doch erholte fie sich rasch wieder.

So geht's einem," sprach fie vor sich hin,wann man's mit Gewalt packen will, 's war mir ganz eigen, ordentlich schwindelig. Vielleicht, daß mir vom Bücken das Blut in bett Kopf gegangen ist? Ach wo! Das Micken hat mich