Ausgabe 
5.8.1909
 
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Donnerstag den 5. August

1909 Nr. \2\

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Die Pflastermeisterin.

Roman .,.. A lfred B o cf.

(Schluß.) (Nachdruck verboten.)

Es War an einem linden Märzabend, daß Friedmar die Dietkirchner Höhe erstieg. Tagüber hatte er sich ziellos in der Gemarkung herumgetrieben, Dietkirchen selbst hatte er nicht wieder betreten.

Hinter den Bergen glitt die Sonne hinab, das Farben- spiel des Tages erlosch und rings um den einsamen Wanderer tauchte sich mählich alles in Fahl und Grau. In der Krone einer Rotbuche sang eine Amsel ihr melodiöses Abend­lied, waldeinwärts stritt sich ein Flug Krähen mit wildem Lärm um das Nachtquartier. Bäume und Sträucher waren noch unbelaubt, und der Blick schweifte ungehindert von der Höhe talab. Noch deutlich erkennbar zog sich drunten in Dietkirchen die langgestreckte Pflasterbahn hin, die Fried­mars eigenstes Werk !var. Achtlos gingen die Menschen darüber hin, an den Pflastermeister dachte niemand mehr. Dort lugte aus dem Häusergewirre das rote Ziegeldach des Einhorns hervor. Eine feine, weißgraue Rauchsäule stieg aus dem Schornstein himmelwärts. Sonntag abend das wußte Friedmar zündete die Einhornwirtin in der Küche das Feuer Widder an, für der: Fall, daß etwasWarmes" begehrt wurde. In der Stube wartete Lina wohl jetzt den Leuten auf. Friedmar sah sie vor sich,' wie sie die Gläser füllte, und er vernahm den Klang ihrer Stimme, wie sie jedem Gast einWohl bekomm's!" zurief. Und die Burschen lachten und sahen sie mit unverschämten Blicken an, denn ihr Zustand ließ sich nicht mehr verbergen. Nun fiel gar am Wirtstisch ein anzügliches Wort. Die Lina wußte nicht, wohin vor Scham. Friedmar zuckte das Herz. Er ballte die Faust.

§unb, ich schlag' dich tot!"

Jawohl, so weit vom Ziel tat keinem >veh. Wäre er am Schenktisch gestanden, hätte keiner das Lästermaul auf­getan. Aber er sollte im Einhorn nicht mehr über den Zäun gucken, geschweige ins Haus kommen. So hatte 's die Lina gewollt, und an ihrem steinharten Kopf war all sein Zureden abgeprallt. Wozu das Verstecken, da alle Welt wußte, wie es mit ihnen beiden stand? Sie hatte allerdings einen gewichtigen Grund:Du hast doch mal deine Frau," waren ihre Worte,darüber kommst du nicht weg." Eine grenzenlose Wut erfaßte ihn. Warum kam er nicht darüber weg? Weil er ein Feigmatz war. Der Vorwurf, den er gegen sich selb-st -erhob, steigerte seine Erbitterung. Unwillkürlich zog er das Messer aus der Tasche und lockerte die Scheide. Was ivar dabei? Ein Stich, und er war die Klette los. Wenn er sich ausmachte und noch in dieser Nacht ans Werk ging. Es überlief ihn eiskalt. Mordgesetl'! Da kamen sie schon und griffen ihn und schleppten ihn ins Stockhaus. Und der baumlange Kerl grinste ihm entgegen: Gelt', Kamerad, 's gefällt dir unter der Kamrusche?"

Und rings schriee'.r sie:Kopf ab, Kopf ab, hui, tote das flitzt!" Er. raufte sich das Haar. Sein heißes Blut brachte ihn noch aus Hochgericht. Zitternd steckte er das Messer ein. Gab's denn keine Ruhe vor den fürchterlichen Gedanken? Plötzlich spürte er einen brennenden Durst. Trinken, nur rasch trinken. Gott sei Dank, doch noch ein Trost. Weint das so sacht die Gurgel hinunterlief, das tat toohl. Da ward's einem leicht zum Davonfliegeit. Da vergaß man die Marter und das ewige Elend. Trinken, nur rasch trinken!

Jetzt verließ er die Bergkuppe tlud wandte sich talab Orlenbach zu. In zwanzig Minuten hatte er das Dorf er­reicht. Vornan lag die Schänke. Da war eine lustige Gesell­schaft beisammen. Friedmar setzte sich still abseits. Zuerst trank er Bier in mächtigen Zügen, dann ordinären Fusel­schnaps. Man beobachtete ihn, aber man hütete sich, mit ihm anzubinden. Seine starken Fäuste waren im ganzen Umkreis bekannt. Stunde um Stunde verrann. Ein Gast nach dem andern entfernte sich. Friedmar saß mit brand­rotem Gesicht wie angewachsen und trank unaufhörlich. Gegen Mitternacht bot der SchankwirtFeierabettd". Da stand er mühsam aitf und wankte hinaus. Der Weg nach der Stadt führte mitten durch das Dorf, dann zog sich die Chaussee in fast gerader Linie hin. Es ivar stockfinster und gewitterschwül. Friedmar hatte die letzten Häuser hinter sich. Eine Zeitlang hielt er die Richtung der Straße inne. Plötzlich schwenkte er ab, querfeldein auf den Ortenbacher Steinbruch zu. Bei klaren Sittnen kannte er hier Weg und Steg. Der Bruch hätte ihm in guten Tagen manche Fuhre ©teilte geliefert. Ihm war's, als schritte jemand neben ihm her. Er drehte sich nm.

Wer ist da?"

Keine Antwort. Er torkelte weiter. Was ivar .das wieder? Da zupfte ihn wer am Rock.

Zum Teufel auch!"

Vor ihm flammte ein Feuerschein auf.

Friedmar!"

Das war die Stimme der Meisterin.

Marsch in dein' Stall. Den Schlüssel hab' ich. Hier bist du, und hier bleibst du. So sprech' ich!"

Gott verdamm' mich, du Satansweib. Hab' ich dich."

Ein Griff und das Messer heraus. Er stach wild um sich.

Krieg' die Kränk'! "

Er hatte gut getroffen. Ihr Blut floß in Strömen. Sie war hin. Jauchzend schwang er das Messer über seinem Kopf.

Alleweil bin ich dich los. Jetzt vorwärts zu der Lina." Er war in Schweiß gebadet. Er stolperte über den lockeren Grund. Nun stand er keuchend am Rand des Steinbruchs.

Lina, mach auf. Ich bin drüber weg. Da liegt sie tot. Horch, das Gericht. Ich will nicht ins Stockhans. Nein, nein. Wir müssen fort. Aufs Schiff. Mach doch auf!" Sie hörte nichts. Di« Türe war verschlossen. Die Ver» ziveislung packte ihn.