Ausgabe 
5.7.1909
 
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Wenig und sagte:'s ist Zeit, daß es zum Ende geht, es will nur schwer werden."

Er ging ein paarmal in dem Stübchen auf und ab. Der Regen draußen hatte aufgehört. Der Schein des Boll- mouds lag im Fenster. Ich atmete kaum; es war ganz still, nur sein Schritt, ein klein wenig schlurfend, unterbrach das Schweigen.

Dann sagte er, auf und ab gehend:

's ist gut, daß man das alles doch nur einmal er- leben muß, und ohne daß' man's vorher ahnt, denn es kommt doch vieles über einen, das man sich nicht selbst gibt, das aus ganz weiten, unnahbaren Beziehungen fließen muß. Es ist doch ein Rätsel, das Leben. Aber was will das sagen? Unsere Sinne sind so kurz, und wir halten für zerrissen und abgetrennt, was viel tiefer zusammenhängt. In meinen Jahren wenigstens, mein Lieber, will man sich's zum ^Ganzen schmieden, da will man runden und ab­schließen. Das große Rätsel bleibt ja wohl allemal be­stehen, aber viele kleine Rätsel lösen sich ganz von selbst, und das ist immer etwas."

Nun stellte sich der arme Lukas vor's Fenster. Es gab ein ernstes Bild. Sein vorgeneigter Kopf, die breiten Schul­tern, unb darüber, hinter ihm, das Kreuz des Fensters, das sich dunkel in die Mondhelle zeichnete. Ev stützte die Arme auf seinen Arbeitstisch und sprach langsam vor sich hin:

Ich ging nach unserm Hause, wo sie wohnen mußte. Es mochte elf Uhr vormittags sein. Sie war jetzt wohl in der Küche beschäftigt. Aber ich wollte sie jetzt nicht dort treffen. Es war mir, als habe ich eine größere Sicher-s heil in der Stube, die doch einmal mir gewesen war, darin doch so viel von mir, von meiner Kindheit lebte, darin mir nun die Erinnerung Kraft geben sollte und Hilfe leihen. Ich trat also gleich rechts in die Stube ein. Auf der Bank am Tische saß ein kleines Mädchen. Ich sah's lange an. Auch das Kind sah zu mir, aber es blieb ruhig, es fürchtete sich nicht.

Ich wußte gleich, daß es ihr Kind ivar, es hatte Aehu- lichkeit mit ihr. Und merkwürdig, mir war, als hätte ich als Kind ähnlich so ausgesehen. Mein Bild, wie ich's einst im Spiegel gesehen hatte, stand mir deutlich vor Augen.

Bor diesem Kinde zitterte ich. . .

Ich ging freundlich auf es zu.

>,Wie heißt du denn. Kleine?" fragte ich, halb flüsternd.

>,Luischen," sagte sie.

Gib mir mal 'ne Hand, komm!"

, Sie gab sie schüchtern.

1 Weißt du auch deinen andern Namen?"

>, Schlüssel."

-Weißt du schon, Wie alt du bist?"

Nein, aber Ostern komm' ich in die Schule."

Wo ist denn dein Vater?"

Die Kleine sah mich, groß -an, sie lächelte halb vev- legen.

Weißt du's nicht?"

Auf den Kirchhof ist er kommen."

Wo ist denn deine Mutter?"

Draußen. In der Küche ist die Mutter."

Die Kleine stand von der Bank auf und wollte hinaus- gehen.

Nein, bleib schön da, Kind, deine Mütter kommt gleich. Bleib schön bei mir, siehst du, ich bin der Onkel Lukas. Hat dir die Mutter noch nichts vom Onkel Lukas erzählt? Nein, noch gar nichts? Ei, so will ich dir recht viel von ihm erzählen."

Ich hatte das Kind lieb. Es war ihr Kind.

Ich nahm's aus meinen Schoß und flüsterte ihm schöne Dinge ins Ohr, durcheinander, buntes Zeug, wie's mir gerade einfiel.

Und gibst du mir auch einen Kuß? Willst du mir auch einen Kuß geben?"

Sie tat's nicht gleich. Da drückte ich das Kind an mich und küßte es. Mein Herz jubelte. In dem Augen­blick öffnete sich langsam die Tür. Das Geflüster mochte doch hinaus in die Küche gedrungen sein.

Lukas!"

Der Ruf war halb angstvoll, halb vorwurfsvoll, und in demselben Augenblick war mir das Kind entrissen.

Lukas!"

Dann blieb's einen Moment still, nur das Kind weinte in die Schürze der Mutter.

's ist doch dein Kind, Luischen?!"

Da war's,. als richtete sie sich noch höher auf. Ein tiefer, schwerer Ernst lag in ihren großen Augen. Ihr Mund wurde streng, ihre Züge wurden starr.

Ich blickte groß auf. Es ivar so feierlich jetzt.

's ist doch"

Ich wollte den Satz wiederholen, es ging nicht. Ich schluckte das Wort hinunter. '

's ist dein Schwesterchen, Lukas!" sagte sie voll Hoheit. Da traten mir Tränen in die Augen. Ich starrte sie. sragend an.

Du hast kein Recht"

Weiter kam sie selbst nicht, aber sie behielt sich ganz in der Gewalt. In mir weinte es, heiße, heiße Tränen, die niemand sah, die wie Gift brannten.

Du darfst deiuen Vater nicht entehren, Lukas!"

Sie hatte sich mir weit fern gerückt.

Eine Weile stand ich unschlüssig und einfältig da und sand mich nicht zurecht in mir. Das Kind hatte halb neu-, gierig, halb ängstlich die Blicke auf mich gerichtet. Nun! wandte ich mich zum Gehen, aber in der Tür hielt mich's noch einmal fest.

Mutter!" sagte ich, halb unbewußt.

Da trat sie auf mich zu und gab mir die Hand. Sie sah mich fest an, und ich hielt ihren Blick aus. Sie zog! mich nach der Bank.

Setz dich, Lukas, du sollst mir willkommen sein! Jetzt kann ich dich begrüßen und aufnehmen. Gib deinem! Bruder die Hand, Luischen, 's ist dein großer Bruder, den du noch gar nicht gesehen hast."

Zwischen ihr und mir saß das Schwesterchen. Sie hatte wieder gesiegt. Aber seltsam, ich fühlte mich nicht unter­legen, ich fühlte mich wie in ihrer Hut.

Mutter und Sohn! Das war eine weite Scheidung. Und wie nah hatte einst alles zu ihr in mir gelegen. Nun stand sie mir wolkenhoch, wolkenfern.

(Schluß folgt.)

Die schlacht von Wagram

(5. und 6. Juli 1809.)

Von I. C. L u ß t i g.

Rasch nach dem Siege von Aspern und Eßling neigte sich der Stern des österreichischen Heerführers, des Erzherzogs Karl, zum! Niedergänge. Napoleon war im Jahre 1809, in ungebrochener Kraft und Energie, noch nicht der Mann, der einen solchen Schlag, ruhig hätte verwinden können, und der nicht mit allen Mitteln! danach gestrebt hätte, die Scharte auszuwetzen und den Gegner in erneutem Kampfe niederzuwerfen. Im Marchfetde hielten sich die beiden Armeen zwischen der Schlacht von Aspern und der kommenden Schlacht von Wagram auf, beide in der sicheren Er­wartung und Voraussetzung, daß es über kurz oder laug wieder zum Schlagen kommen müsse. Die österreichische Armee zog sich in der Gegend von Wagraut zusammen, und am 3. Juli 1809 morgens begibt sich Napoleon auf einen Punkt im Gelände, wo er die Gegend um Eßling beobachtet. Am Abend des 4. Juli um 10 Uhr wird dann unter starkem Sturm und Regengüssen! der eigentliche Uebergang über die Donau eingeleitet, während Groß-Enzersdorf bombardiert wird. Und um 2 Uhr morgens! schon sind vier Brücken fertig und die Truppen fangen an, über den Strom zu gehen. Der Kaiser, der während des Brücken­schlages an allen Orten anfeuernd tätig gewesen war, legt sich zu kurzem Schlafe nieder, und die Truppen nehmen inzwischen die ihnen angewiesene Schlachtordnung in der Enzersdorfer Ebene ein. Schon um 41/2 Uhr morgens steht Massena mit dem linken Flügel! an die Donau gelehnt, und die Division Legrande, die noch zur Täuschung des Gegners vor den Brücken am Aspernex Uferhause geblieben war, zieht nun von diesem Punkte ab, um sich ihrem! Armeekorps anzuschließen. Davout geht über die Flußbrücke und nimmt Aufstellung mit dem rechten Flügel bei Wittau; uni! 8 Uhr rückt sodann Oudinot zwischen Davout und Massena ein.

Auf der Seite der Gegner hatte am l.Juli Erzherzog Karl, beunruhigt durch den Uebergang der Division Leqrande, eine Vorwärtsbewegung gegen die Linie Aspern-Eßlinqen-Groß-Enzcrs--. dorf gemacht und ein Korps nach Wittau geschickt, am 3. Juli aber zieht er das Korps wieder zurück und steht nun wie vorher am Bisamberge und hinter dem Rußbach. Ein Korps' stellte! er in die Linie Aspern-Eßlingen-Groß-Enzersdorf, welche Linie er durch Verschanzungen verstärkte, llm 10 Uhr vormittags schob schon der Kaiser sein erstes Treffen in die Linie Groß-Enzersb dorf-Rutzendorf vor, während Bernadotte zwischen Oudinot und! Davout einrückte. Um Mittag ist auch das zweite Treffen der H-ranzösen schon gebildet, das aus den Truppen beS' Prinzen Agetz und der Garde besteht; ihm schließt sich ein drittes Treffen, Basfisres, an. Nachdem auf diese Weise fast die ganze Armee ausmarschiert ist, rückte sich der Kaiser um 12y2 Uhr mit einer