1909
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Der arme Lukas.
Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holz am er.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
12. Kapitel.
llnser Leben hat Augenblicke, in denen unser Tun unter einem dunkeln Triebe steht, der alles bestimmt. Wir können uns dann nicht Rechenschaft über unser Tun geben, wir sind dann abhängig, int Zwang, wir sind Kinder und Blinde. So weiß ich nicht, was mich trieb, nicht zuerst in unser Häuschen zu gehen. Auf den Kirchhof trieb's mich. Ohne weiteres Ueberlegeu nahm ich den Weg dahin.
Gleich eilt paar Schritte nach dem Eintritt blieb ich mitten auf dem Hauptweg stehen. Da also lagen alle int gleichen Boden wieder vereint, dem sie entwachsen waren, nur selten ein Fremder unter ihnen, und auch sein Grab gleich den andern, gleich heimatlich. Auch mein Boden war das! Sollte er mir nicht auch einmal zur Ruhestätte lverden können?!.
Aber schon war ich über diesen Gedanken hinaus. Nicht der Boden ist's, der unsere große Heimat wird, die Rühe ist's; in ihr gehen wir auf, aus ihr steigen wir zu dem neuen Leben, zu dem uns das vergangene reifte. 9iein, es verliert sich nichts. Das Leben ist unerbittlich, es enthält alles zu seiner ewigen Dauer, unser Gutes und Schlimmes, und beide sind ihm gleich wert.
Fast mechanisch schritt ich weiter. Ich hatte es int Gedächtnis behalten, wo das Grab meiner Mutter war. Auch wo Großvater und Großmutter lagen. Aber freilich, da tvar vieles anders geworden. Ich mußte nun doch suchen, denn nun lagen so viele Gräber, so viele Reihen bis zu dem Pfade, auf dem ich ging, vor ihren Gräbern, so daß ich sie nicht iviederfand, in der Menge, .Es fiel mir ein, daß man an sie nun längst nicht mehr denke, daß man ganz andern nun nachweine.
So ging ich Schritt um Schritt weiter. Da bleibt mein Auge wie gebannt haften. Ein noch ziemlich frischer Kranz, ein noch ziemlich frischer Hügel und viel Blumen, und ein frisches Kreuz darauf, und in großer Schrift der Name meines .Paters. Ich traue meinen Augen nicht, ich gehe näher, ich sehe scharf hin. Der Name meines Paters!
Ich stand stumm, starr und erschüttert. Ich habe diesen Augenblick nie vergessen, er war schwer, er hatte mich überfallen, unvorbereitet. Ich mußte meine ganze Kraft auf» bieten, ihm nicht zu erliegen, nicht verzweifelt gegen mich und mein Leben zu wüten.
In dem Augenblick war's nur mein Pater, der da unten schlief. Meinen Pater hatte ich verloren, und dieses eigene Gefühl des Kindes zu dem Manne, der es ins Leben gerufen, diese starke, innerste Perbindung und Teilhastiq- keit zu ihm, das war jetzt lebendig in mir, mehr wie je
im Leben, da ich ihn besessen hatte und da dieses Fühlen mein Verhältnis zu ihm hätte regeln sollen.
Und so iveinte mein Herz. Ich dachte nicht an mich, ich dachte nur an ihn, und eine Frage nach seinem Wollen, eine Frage nach seinem Erfüllten lag in mir.
Ich habe nie von ihm gehört, wie er das Leben auffaßte, welchen Zweck er für sich int Leben sah, welche Ziele er sich gesteckt hatte. Nun war mir, als sei es ihm eine Enttäuschung geblieben. Klein, den kleinen Verhältnissen entsprechend, wenn mau's von außen betrachtet, aber doch so groß für den, der sie erlebt, iuie sie für den ist, der int goldenen Wagen seinem fernen Ziele zujagt und es nie erreicht. Rur die Verhältnisse ändern sich, ihre Werte bleiben die gleichen.
.'Und jetzt dachte ich auch an mich.
Ich möchte in seiner Sterbestunde vor feinen Geist getreten sein. Hat er mich geliebt? Er war mein Pater! Durfte er so in mein Lebet! eingreifen? Und ist mein Leben ihm nicht nun zu einer Schuld geworden, die er sich auf» geladen? Mochte ihm das je auch eingefallen fei», mochte er darüber nachgedacht haben? Mag es ihn ivohl bedrückt haben, und mag's in seiner Sterbestunde vor ihm gestanden haben, dunkel, mit brennenden Augen, feindlich und furchtbar?
Ich war vielleicht seine größte Hoffnung gewesen, ich war vielleicht sein Stolz gewesen. Er hat sich um diese Hoffnung betrogen, er selbst. Und ich? Ja, wo liegt seine Schuld? Hatte er nicht ein Recht dazu? Und wo war die Pflicht größer? Und was war Sinn und Absicht des Lebens in diesem seltsamen Zusammentreffen?
Ich ging zum Grabe der Mutter, da war Friede. Sie hat teilte Täuschung an der Wirklichkeit erlebt, der Tod hat sie davor bewahrt, er war gütig.
Sie hatte vom Leben keine Gunst und keinen Gewinnst erhalten, es hat sie nur mit einer Hoffnung entlassen, vielleicht sogar mit einem Vertrauen. Zwischen ihrem diesseitigen Leben und dem jenseitigen stand es ihr nun als Bindeglied, als ein gutes Bindeglied. Sie wußte ja nicht . ' .
Die Gräber von Großvater -und Großmutter suchte ich noch auf. Sie sagten mir nichts weiteres. Was von ihrem Wesen bestimmt war, in mir fortzubestehen, war längst in mir aufgegangen, und ich ivußte es längst, ihr Grab verriet rnir's nicht erst.
Auf dem Rückwege mußte ich wieder am Grabe des Paters vorbei. Die Blumen sind von „ihrer" Hand, fiel mir ein. Da schrie es verzweifelt auf in mir. Jetzt war's frei, jetzt hatte sich's durchgebissen. Das ist wie Feuer, das sich durch Mauern frißt. Das Lebe»! Herrgott!
„Pater!" schrie ich, „Vater!"
llnd ich ging vorn Kirchhofe fort. Ich — ja, sag' ich's fest heraus, alles Verrungene war mir verloren jetzt, all der stille Besitz. Ich — wollte ins Leben gehen!"
Der arme Lukas war tief erschüttert, er hüstelte ein


