Ausgabe 
5.6.1909
 
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Aber ewig dieses Italienisch um sie Herum. Sic war ordentlich fr öl), wenn sie deutsch radebrechten. Sie hatte das neulich bei der Tanzmusik gar nicht so bemerkt, gar nicht gefühlt, Ta war die Musik, da waren die anderen Mädchen.

Ein schöner Italiener!" hatten die gesagt.

Und sie hatte er zum Tanz geholt. Darauf tvar sie stolz. Sie hatte ja auch Bei der Tanzmusik bei ihm und den andcrM Italieners gesessen. Aber das war ihr ganz anders vorgekommen. Tics Lärmen, dies Fluchen und Spucken, es tvar ihr heute rein zum Ekel.

Sie betrachtete sich ihre Freunde. Die braunen, hartknochigen Gesichter unter den großen Hüten, die schwarzen Augen. Sie hätte sich fürchten, mögen. Selbst ihr Lächeln war bös, kam ihp verzerrt vor.

Ein paar Geschichten fielen ihr ein. Sie schauderte heimlich. Sie mußte an die Hübnerslies denken, die mit ihrem Kinde in den Grafenteich gegangen war. Und der Italiener wär fort über alle Berge.

Und an den Rothekarl mußte sie benfen,. wie er tot dalagt am! dritten Kirchweihtag. Wegen einer Kleinigkeit hatten sie ihn erstochen. Und keiner hätte sagen können, wer's getan hatte.

Tie Anna mußte an ihren Heimweg denken. Nein, nicht für alles, sie ginge allein mit denen nicht nach Hause am Ilbend, die fünf Stunden Weg.

Und wie die wieder heut' tranken! Auch der Fiori. Sie mußte immer mit ihm trinke».

O, wenn sie nur heraus könnte! Fortlaufen möchte sie. Beständig mußte sie an den Abend denken, an den Heimweg. Und die Hübnerslies fiel ihr ein, und der Rothekarl. O, sie hatte Angst! Eine Angst hatte sie!

Sie betrachtete den Fiori. Er war ja schön. Tiefe dunklen, leuchtenden Augen ! Tie roten Lippen und das schwarze Schnurr- Bärtchen darüber.

Aber sie hatte Angst.

Ein bißchen Furcht hatte sie ja immer gehabt, wenn sie sich abends hinterm Garten trafen. Aber so noch nicht tote heute.

Hätte sie ihr Vater nicht gleich geschlagen sie Hütt' ja nicht den Kopf aufgesetzt. Aber so

Doch jetzt wußte sie's, sie mochte doch den Fiori nicht.

Sie malte sich ihr zukünftiges Leben mit ihm aus. Er ver­diente ja viel, er verbrauchte aber auch viel. Ties starke Trinken! Und den ganzen Tag sie allein, ein paar Kinder zu Besorgen, und dann in der Mittagshitze hinaus auf den Arbeitsplatz, den Essenkorb in der Hand, lind immer die Angst um ihn _6ei der gefährlichen Arbeit! Wie oft geschah ein Unglück bei den Spreng­arbeiten!

O, dann war sie auch bald so alt uird abgerackert wie die anderen Jtalienerweiber! Und schließlich ging's wo anders hin! Gott weiß wohin! Unter ganz, ganz fremde Leute! Lauter fremde Menschen! Weinen könnt' sie ihr gut Teil, das Lachen wär ihr was Seltenes! Und die armen Würmchen, die Kinder!

Noch nie hatte sie seither ans Heiraten gedacht, so ernstlich wenigstens noch nie.

Ach, wie war's ihr jetzt so furchtbar!

Ta stieß der Fiori schon wieder an ihr Glas.

Sie war ganz verzweifelt. Sie wollte nicht mehr trinken.

Ta stieg ihm' eine Zornglut zu Kopf, er stieß sein Glas hin, er zischte einen Fluch, und er kollerte einen langen italienischen Satz heraus, daß ihn die anderen beruhigten. Sie beruhigten ihn, sie merkte es an ihren Gebärden; denn sie verstand ja ihre Sprache nicht.

Aber ganz außer sich war sie. Wenn sie nur eine Hilfe finden könnte! Aber wen, aber wie!

Tu lieber Herrgott!"

Sie nahm ihr Glas und trank.

Sie sah sich um!, als ob sie eine Hilfe finden könntet lieber alle Tische ging ihr Blick, in jedes Auge. Er fiel auch auf den Jean. Ter hatte schon die ganze Zeit beobachtend zu ihr herüber gesehen.

Er musterte sie. Er musterte sie mit tiefer Befriedigung und stillem Wohlgefühl. Ein Weib! Es war sofort ein unbewußtes Einssein, ein Verlangen, ein Besitz. Aber in Reinheit, nichts Prostituierendes war darin. Es war wie ein Erwachen über den Jean gekommen, wie eine Verklärung lag's in ihm.

lind so wuchs alles in ihm, wie er diese Anna der Italiener betrachtete. Es wuchs still, wie eine heimliche Glut. Es machte ihm nicht heiß, es machte ihm mir wohl. Es nahm ihm nicht die Herrschaft über sich und peitschte ihm nicht die Sinne.

Diese Anna war schön. Sie hatte volles, blondes Haar, große blaue Augen. Ihr runder Kopf saß auf einem schlanken Hals, der aus einer weißen Krause wie feines Elfenbein leuchtete. Ihre Wangen waren rot, aber zart wie das Rot des Pfirsichst Sie waren sauber und appetitlich zum Anbeißen.

Ter Jean sah nach der Bewegung ihrer Hande. Aus ihre Anmut legte er Wert. Er hatte sich schon oft dabei ertappt, daß er das bei allen Menschen ;tt,at. Leute mit ungeschickten Händen, mit Steifheit und Ungeschick in ihren Handbewegungen, konnten ihn abstoßen. Tas hatte er wohl noch vom Theater her in sich.

Ohne weiteres Gezier mit den Fingern hatte sie ihr Glas

ncinmcn. Tie Hand hatte sich hübsch gerundet, das Gelenk leicht gebogen. Er lächelte. Sie hatte nicht gerade eine kleine Hand, aber groß war sie auch nicht. Und daß sie nicht Plumb und täppisch war, war ihm jetzt alles.

Tie Anna saß da wie eine beleidigte Prinzessin, wie cirt ängstliches Kind.

Und wie jetzt ihre Blicke umgingen!

Jean erkannte sofort: die schämte sich.

Und alles war in ihr gespannt. Es wirkte direkt auf ihn, auch in ihm trieb etwas zu einer Spannung. Er sah scharf zu ihr hin. Wie sie sich vor dem Italiener hütete, förmlich vor ihm verbarg.

Sie hatte Angst das wußte er mit einemMal.

Sie war voller Unruhe, aber sie verhielt sich ruhig. Sie wußte, daß sie ein gewagtes Spiel spielte.: ( , i

(Schluß folgt-)

Richard Wagners Morgenspaziergang.

Sehr hübsch schreibt Richard Wagner in einem Briefe an seine Freundin Mathilde Wcsendonk, der vom 27. Mai 1859 datiert ist, über die Geist Und Körper erquickenden Frühpromenaden zur Sommerszeit. Er weilte int Mai dieses Jahres zur Kur in Luzern, wo er jeden Morgen um 6 Uhr aufftaud, sein GlasKis­singer" trank und bis gegen 8 Uhr promenierte. Von der wohl­tuenden Wirkung dieser Morgenspaziergänge auf seine Arbeitsc- kraft berichtete er der geistvollen Fran, die an allen seinen Ar­beiten, Freude» und Sorgen innigsten Anteil nahm, in leicht plaudernder und zugleich'belehrender Art:

Liebes Kind, ich gönnte auch Ihnen die Erfrischung dieser Morgenpromenadcu, ich befinde mich seitdem ganz merklich besser; die leichte Ermüdung des ungewohnten Spazierganges geht nach etwas wenig Ruhe schnell vorüber und wirkt desto befreiender und erleichternder. Sie kenne» das gewiß auch schon von Ihren verschiedenen Badekuren her. Allein man vergißt xs, und doch! sollte man dieses Regime für alle Sommer als wirklich nerven­stärkend und bluterfrischend beibehalten. Der eigentliche Tag ist im Sommer doch nicht int Freien zu verbringen; die Morgen da­gegen sind das eigentlich Erkrästigende, während die Abende eben nur das Beruhigende sind. Am Tag über kann man lieber einmal eine gehörige Siesta halten. Freilich auch abends Vicht spät schlafen gehen. Das kommt dann aber alles miteinander. Ich! werde es nun den ganzen Sommer so halten, wo ich auch sei, und später vielleicht noch früher mich ausmachen. So lebhaft und überzeugend ist diesmal die Wirkung der frühen Morgenprome- naden mir ausgefallen. Folgen Sie mir doch ja! Wesendonk wird gewiß nichts dawider haben, im Gegenteil. Sie loben! Das, was Ihnen an einem solchen Morgen verloren geht, kann Ihnen der ganze Tag, selbst mit dem Abend nicht ersetzen: er ist die schöne Blutenknospe des Tages, der eigentliche Kern der Sommerfreude. Und da wir uns so Sonne und Sommer wünschen, sollte man! doch wissen, was eigentlich daran das Schönste ist. Zur Arbeit habe ich die Sonne auch über alles gern, aber eben die abge­haltene, gegen die man sich angenehme Kühlung zu verschaffe» sucht. Sie wirkt dann wie Beifall, Ruhm und Ehre, die man ver­schmäht, von denen es aber doch ein behagliches Gefühl erweckt, daß man aus Reichtum sie draußen liegen läßt; umgekehrt werden wir an unsere Armut erinnert! Wer Licht und Wärme suchen muß, ist eben traurig daran."

Dieser Brief Wagners, den die B. V. veröffentlicht, hat auch noch dadurch besonderes Interesse, weil er einen Einblick ge­währt in die Sorgen, die ihm die Gestaltung seinesParsifal" be­reitete. Während seines Luzerner Aufenthaltes hatte ihn die Schwierigkeit der Ausgabe,den Amfortas in das wahre, ihm gebührende Licht zu stellen und doch das Hauptinteresse dem Parsifal" zuzuwenden, wenn er nicht als. kalt lassender Deus ex machina eben nur schließlich hinzutreten sollte", derartig ent­mutigt, daß er in dem Briefe wiederholt ausruft:Solch eine Arbeit sollte ich mir noch vornehmen, Gott soll mich bewahren". Und dann weiter:Heute nehme ich Abschied von diesem un­sinnigen Vorhaben, das mag Geibel machen, und Liszt mag's komponieren! Wenn meine alte Freundin Brüuhilde in den Scheiterhaufen springt, stürz' ich mich mit hinein und hoffe auf ein seliges Ende! Dabei bleib' es. Amen!"

Trotz dieser feierlichen Bekräftigung ist es glücklicherweise nicht dabei geblieben, und gerade imParsifal" hat der Meister die ganze edle Größe feiner Kunst offenbart, die jedes Fahr im Bayreuther Festspielhause Tausende ans den Sorgen und Niedrig­keiten des Alltags in eine Welt voll Schönheit, Licht und Glanz versetzt, in der sie wie bezaubert weilen, bis der letzte Ton ver­hallt" ist und der eiserne Vorhang langsam fallend sich vor der Bühne senkt. ____________

vermischtes.

* Solle» die Schauspielerinnen heiraten? Marcel Prevost, der feinsinnige Kenner der Frauenseele, hex soeben als Nachfolger Sardous in die Akademie gewählt worden! ist, wirst im Matin die interessante Frage auf. Er spricht dabei von den Umwälzungen, die sich sowohl in unseren Anschauungen über die Ehe als auch in der Stellung des Schauspielerstandes