Tine winkte Jan mit den Augen. „Janne ist versorgt, richte ihr die Hochzeit aus/'
Tine wies auf Frauke. „Führe sie heim, ehe es Winter wird, solange noch die Spätings grün sind."
Dann seufzte sie auf. „Nun kann ich ruhig sterben."
Ihr Atenr wurde schwächer. Jan saß auf der Bettkante Und hielt ihre Hand in der feinigen. Janne kniete vor dem Bett und sah in heißer Angst zn der Mutter empor. Frauke hatte ihren Arm unter das Kopfkissen geschoben, sie hielt die Sterbende mit ihren starken Armen. Immer kräftiger stützte sie die mühsam Atmende. Liese, die alte, treue, stand 'am Fußende des Bettes, das Weinglas noch immer in der zitternden Hand.
„Mein — Mann," hauchte Tine,
„Meine liebe Fran."
Einmal noch öffnete sie die Amgen.
„Ich will hier begraben werden, nicht in der Marsch!" „Alles, was du willst."
„Und keinen Stein auf mein Grab, keinen Stein."
„Alles, >vas du willst, meine liebe Deern."
Immer schwächer wurde Tines Atem. Ihre Augen waren nur noch halb geöffnet. Jan fühlte die Hand in der '(einigen immer kälter werden, immer kälter. Kalt, eisig kalt wurde die Hand.
Durch Jans Körper rieselte ein kalter Schauer.
Er erhob sich mit einem Seufzer. Sachte legte er die erkaltete Hand auf die weiße Decke und drückte behutsam die halbgeöffneten Augen zu.
„Tine ist tot."
„Tot?"
Da ließ Franke das Kissen sanft hintenübergleiten. Liese stellte mit zitternder Hand das Weinglas beiseite. Alle falteten unter Tränen die Hände Und beteten ein stilles .Gebet für die Entschlafene.
18.
Ans dem schönen Hellingstedter Kirchhofe, der abseits der Straße hinter dem Dorfteiche lag, wurde Tine Thomsen Heerdigt. Gerade unter dem Schatten der hohen Pappeln, nach deren Kronen sie von ihrem Platz im Lüsthause ans so oft mit sehnsuchtsfeuchten Augen geblickt hatte.
Acht graubärtige Hellingstedter Arbeiter trugen den blumengeschmückten Sarg. Hinter dem Sarge schritt Jan Thomsen, ihm zur Rechten Niets Sönksen, zur Linken Mars Harbek. Dann kam noch dieser und jener aus dem Dorfe dazu. Tischler Wasen, der den Sarg geliefert hatte, Volker Murksen, der an keinem Sarge und bei keinem Gottesdienste fehlte, die Nachbarn, Schuster Tiedemann gegenüber und noch ändere. Es war kein großes Gefolge.
Franke und Liese sahen mit Johanna vom Fenster ans -em traurigen Zuge nach. Sie waren tiefschwarz gekleidet Und hatten rotgeweinte Augen.
Am andern Morgen ging Jan nach Dörpeln nach Har- bekshof. In der gemütlichen Wohnstube saßen sie längere Zeit um den Tisch, Fran Harbek, Jan und Niels. Zuletzt wurde auch Mars hereingernfen.
„Mars," sagte Frau Harbek, „der Herr ist dir wohl schon bekannt."
„Herr Thomsen von Spätinghof?" sagte Mars.
„Ja. Er ist Johanna Thomsen ihr rechtmäßiger Vater. Das hast du dir wohl nicht gedacht, was, mein Jung? Herr Thomsen will seiner Tochter zehntausend Taler mit» geben und sie ein Jahr lang in der Meierei ausbilden lassen. Wenn das Trauerjahr um ist, könnt ihr denn Verlobung feiern, und die Deern kann dann bis zur Hochzeit ihre Aussteuer nähen. Na, was meinst du dazu?"
Mars Harbeks Augen leuchteten. „Ja, Mutter, das ist mir alles recht. Am liebsten wäre es mir aber, Johanna käme hierher, und du lerntest sie an. Du verstehst doch den Kram aus dem Effeff."
„Ei, sieh mal an, was du für einen schlauen Kopf hast? Also ich verstehe was von dem Kram. Ja, mein Junge, das könnte dir so passen."
„Mutter, ich will gern so lauge aus ein Jahr zu Onkel Wert nach Efde gehen; dann lerne ich auch mal einen Unterschied kennen. Mich dünkt auch, mir könnten wohl schon früher Verlobung feiern, und Janne könnte ihre Aussteller ganz gut nebenbei fertig machen."
„Der Junge hat einen einschlägigen Kopf," meinte Niels, ,,'er hat so unrecht nicht."
Frau Harbek drohte ihrem Einzigen mit dem Finger.
„Junge, Junge, was bist du für ein Schlingel! Bloß damit deine lüttje Brant ein warmes Nest hat, willst du zu dem alten, quefigeit Onkel gehen, bei dem es nicht einmal ein Knecht aushält. Na, geh man, schaden kann es dir nicht, wenn du mal Mores kennen lernst. Du sollst deinen Willen haben, dann habe ich nachher keine Nackscherereien."
(Schluß folgt.)
Der Held.
Bon W i (h e 1111 Holzalne r.: (Fortsetzung.)
Der Jean war also mit den Buchenauer Burschen zur Kegelbahn nach Schafbach gekommen. Er war unterwegs zu ihnen gestoßen.
In der Kegelbahn wär's nun schon laut. Und heiß, sehr heiß. Tie Lust dick vom Tabaksgualm.
Ter Jean wünschte, lieber nicht hierher gegangen zu sein. Wenn er noch mal draußen wäre, ging er vorbei. Ta er abeü nun mal drin Ivar — immerzu.
Er begrüßte den Lehrer, den er kannte.
Tann suchte er sich einen Platz abseits, von wo ans er gut sehen konnte. Er wollte nur zusehen.
Ter Ochsenwirt brachte ihm ein Glas Bier.
„Nicht mitkegeln, Herr „Ober"?"
„Will mal sehen, später mal einen Wurf, warum nicht!"
Ein paar am Tisch hörten das.
„Taust kriegt der Herr „Ober" die Uhr, dann adje Partie!" Ter Jean sagte aber nichts darauf, er sah still zu.
Weitere Gäste kamen, einzeln, zu zweien und dreien — meist aus den umliegenden Ortschaften. Tie Schafheimer waren schon ziemlich vollzählig da.
Es war besetzt in der Kegelbahn. Nun kamen noch die Weilauer und gleich nach ihnen die Hatzbacher. Sie hatten die Weitestest Wege) und wurden darum allgemein begrüßt.
Jetzt hieß es zusammenrücken. Und man tat's auch. Nur dst und dort war mal einer, der schimpfte.
„Ter Knoll soll for Tisch und Stiehl sorje, so c Druckerei!"
An Jeans Tisch saßen ein paar Hatzbacher. Einer erzählte, dir Italiener aus Hatzbach, die da beim Bahnbnu beschäftigt waren, kamen noch.
„Gibt's aach noch Krawall heil", sagte einer.
Ja, und sie hätten auch noch die Tremplers Anna bei sicht Tie hätt' sich dem einen an den Hals geworfen, am Somitajg vor acht Tagen, auf der Tanzmusik hätt' sich's gemacht. Eist „schöner Kerl" sei der Italiener ja. Aber es sei doch schad für dic Anna. Sie habe auch schon ihr Teil Schläge daheim gekriegt. Aber sie lasse scheints nicht los.
Sie habe doch ein paar tausend Mark Vermögen und sei von guten1 Leuten. Und sei auch immer so still und ordentlich gerne)en. Und auf einmal ganz vernarrt.
Man müßt's ja sagen, schön sei der Italiener, der schönste und „feinste" von denen. Aber 's gäb doch auch noch „schöne Kerl" im „eigene Ort". _ , J
Und dann wisse man auch, wie's da gehe. Erst alles Lieb's und Gnt's. Tann mal so ein Suff — und dann sei's geschehen. Bis danns Kind da scji, sei der Kerl längst vierdnstet — oben käm's mal zur Heirat, dann Hunger und Schläge.
' Ta wär's doch schad um die Tremplers Ann al Und baust hätt' man ja immer 's Totenhemd bei den Kerlen an. Beim Geringsten 's Messer.
Teck Jean hörte nur mit halbem Ohr.
Er läunte das ja all gerade so gut. Und bei der Hübnerslies Ivar's ja gerade so gewesen. Tie Mädels nehmen ja aber nicht Vernunft an.
Ta waren die Italiener schon. Sechs, acht Mann.
Sogleich gab's ein Lärmen, daß das Kegeln einen Augenblick aussetzen mußte. Tie Italiener forderten einen Tisch für sich, Ter Ochsenwirt sprang. Man mußte den rauflustigen Burschest rasch den Willen tun. Er hätte ihnen schon lieber gleich auf den Rücken gesehen. Tas waren immer böse Gäste, und erst wenn sie betrunken waren! Und das waren sie bald. Sie tranken ja daS Bier wie Wasser. Und das starte Rauchen und Lärmen dazu — da stieg's rasch inS Hirn.
Nun hatten sie ihren Tisch.
Tie Anna saß mitten unter ihnen. Es wurde ihr doch, bald ein bißchen genierlich, dies Lärmen der Italiener, dies Welschen, das sie ja nicht verstand. Erst war ihr das so merkwürdig vor- gekominen, und sie lachte dazu. Bald wär's ihr aber doch keine Unterhaltung mehr. Tas Fremde hatte sie gereizt, die Gesten, die redenden Augen, das hatte ihr gefallen. Auch die gewandtere Art der Italiener. Wie wurde ihr nur das Glas hingehaltest zinst Prosit! Cara mia! wie lag ihr das im Ohr!
Bald hatte das alles aber den ersten lockenden Reiz verlörest. Sie staunte nicht mehr, es war ihr bekannt, fast gewohnt. Fremd sreilich blieb cs ihr, so eine halbe wehe Komik lag ihr barm. Heute wenigstens. Es war ihr unbehaglich. Vielleicht weil Jifi das einzige Mädchen auf der Bahn war.
Doch da wollte sie sich drüber wegsetzen.


