Samstag den S. Juni
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1909 - Nr. 86
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Spätinghof.
Roman von K. v. d. Eider>
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Während Frauke an Tines Bett saß und ihr die Kissen glättete, die Medizin reichte und ihr jedes Wort, jeden Wunsch vom Gesichte ablas, fuhr Ian in großer Unruhe sein Heu eilt. Noch waren sie dabei, das letzte Fuder aufzuladen, da fing es an zu regnen. Unter dem Zucken der Blitze und dem Rollen des Donners, unter Hü und Hott und Peitschenknall rollte der letzte hochbeladene Heuwagen in die Lohdiele von Spätinghof.
Ian bekam am andern Vormittag einen Brief von Frauke, worin sie schrieb, daß Tine wohl sehr schwach und krank sei, daß man aber hoffen dürfe, sie noch eine Weile am Leben zu erhalten. Ian sollte sich Zeit lassen mit der Reise und ruhig erst alles zu Hause ordnen. Eine Stunde später erhielt er ein Telegramm, welches die Worte enthielt: „Komme sofort, es geht zu Ende." Da zog sich Ian in größter Eile an und ließ sich vom Knecht nach Husum fahren, um noch den Mittagszug nach Heide zu erreicheu.
Gegen Abend langte er in Helliugstedt an. Er hatte, da die Post schon fort war, den Weg von Heide zu Fuß zurücklegen müssen. Müde, vom Regen durchnäßt, kam er an.
Am Mittag halte Frauke eine kleine Unterredung mit Janne gehabt, und nun stand das junge Mädchen schon seit Stunden am Wohüstubenfenster und wartete auf einen großen Mann mit blondem Bart, der eintreten sollte.
Als Ian Thomsen sich endlich nach dem Häuschen mit der Sonnenuhr gefunden hatte, öffnete sich die Tür wie von selbst, und auf der Schwelle stand ein feines, junges Mädchen mit hellem .Haar, Ivie eine aufgeblähte Rose anzuschauen. Es war dasselbe junge Mädchen, das einmal an ihni vorübergegangen war, wie ein Bild, das einem nicht fremd ist. Sie sah ihm selber ähnlich und war seine eigene Tochter. Beide Hände streckte ihm das liebliche, junge Kind entgegen und sagte mit ihrer hellen, zwitschernden Stimme: „Guten Tag, mein Vater."
„Mein Kind," sagte Ian tief erschüttert. Er hielt sie in den Armen und sah ihr in die Augen.
Er hatte den ganzen, langen Weg über Tines Bild vor Augen gehabt, ihre dunklen, forschenden Augen, ein bleiches Antlitz, von wirrem, schwarzem Haar umrahmt, und nun trat ihm frisch und rosig, wie ein holdseliger Gruß, ihre Tochter entgegen. Ihre Tochter — seine Tochter — sein eigen Fleisch und Blut.
„Mein Kind, mein einziges, liebes Kind!" Mehr konnte er nicht sagen.
Zaune half ihm aus dein Regenrock. „Erst mußt du Kaffee trinken," sagte sie, und schon stand hinter ihr Liese mit heißein Kaffee und frischen Rollbrötchen.
„Wo ist Frauke?" fragte Ian.
„An Mutters Bett. Die läßt sie nicht von sich. SlUtt trink erst, Vater, dann gehen wir hinein."
Ian betrachtete seine Tochter. Wie frisch und unge- zwnngen sie sich bewegte, wie das warme junge Blut in ihr pulsierte! Nein, an ihr war nichts von der krankhaften Scheu, nichts von der demütigen, dienenden Art der Mutter. Ihre Augen blickten hell, es lag nichts darin von der geheimen Qual, von dem Forschen und Fragen, das in Tines Augen immer gelegen hatte.
In der Stubentür erschien Franke. Sie legte den Finger auf den Münd und winkte mit leiser, fast unmerklicher! Kopfbewegung; Hand in Hand folgten ihr Ian und feine Tochter.
Es war ein kühles, nicht unfreundliches Zimmer, iit dem Tine lag. Vor dem Fenster war ein Gewirr von großen grünen Blättern. Draußen zwitscherten die Stare.
Tine lag ganz in weißen Kissen. Liese hatte die feinsten weißen Bezüge aus dem Schrank hervorgesucht; nichts er- schien ihr gut genug für ihre Tine.
War das wirklich Tine, diese Frau mit dem bleichen- abgemagerteu Gesicht und dem silberglänzenden Haar? Ja, es waren ihre Augen; ihre wunderbar großen, dunklen Augen. Aber sie blickten klar und ruhevoll, als schauten sie schon den Himmel. Jan las keine Frage mehr in ihren Augen, kein Forschen nach unergründlichen Rätseln, keine Angst vor dunklen Gewalten.
Vor Tines Bett tutete der große Mann. Er vermochte es nicht, sie anzusehen, die ihn mit einem überirdischen Ausdruck im Gesicht anlächelte.
„Nun ist alles gut," hauchte sie.
„Tine, meine liebe Frau," sagte Jan.
„Mein lieber Mann."
Erschüttert, mit stillen Tränen in den Augen wandteik sich die Umstehenden ab.
Tine deutete mit schwacher Handbewegung auf ihre Tochter. „Magst du sie leiden, Jan? Sie hat ganz helles. Haar."
Große Tränen rannen über die gebräunten Wangen des Mannes. „Ich danke dir, Tine, für solche Tochter."-
Die Sterbende lächelte beglückt. „Kannst du mich auch verstehen?"
„Ja, jetzt verstehe ich dich ganz und gar."
Liese näherte sich dem Bette mit einem Glase süßest Weines." „Einen Schluck!" flehte sie.
Mit Aufbietung ihrer letzten Kraft, Von Frauke gestützt, nippte sie an dem Glase.
„Mutter," hauchte sie.
Noch einmal schien die Kraft in ihr aufzuleben. Sitz winkte: „Vergeßt Liese nicht, sie war meine Mutter!"
Liese wandte sich ab und begrub ihr Gesicht in den Händen. Sie hatte noch niemals einen Menschen sterben sehen.


