Ausgabe 
5.5.1909
 
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darf der Sultan nach Manch imb Gesetz nicht haben. Nicht mehr Gemahlinnen, von den Sklavinnen und Dienerinnen dieser Ge- maUinnen ist Nirgends die Rede, und kein Gesetz verbietet dem Sultan, hundert oder zweihundert ober dreihundert Frauen, die nicht Kadyns sind, zu lieben.

Tatsächlich ist die Organisation des ganzenDar ul Sendet", so heißt der Harem des Sultans offiziell, folgende: Die Mutter und die Schwestern des Sultans suchen für ihn im Verein mit einem kleinen Heer von Beamten nach schönen TscherkessinneN und Georgierinnen, die sich noch im zartesten Kindesalter befinden müssen. Denn bevor sie dem Sultan vorgeführt werden, müssen sie in den Häusern vornehmer türkischer Familien erzogen und Unterrichtet werden. Eine freigeborene Turkin darf niemals dem Harem einverleibt werden, da ja jede Haremsfrau zur Sklavip wird. Die Glückliche, die dem Sultan den ersten Sohn gebiert, wird die offizielle Gemahlin des Sultans und genießt die höchsten Ehren. Sie ist aber keine Sultanin, da diesen Titel nur die Mütter, Schwestern und Töchter des Sultans haben.

Außer den Küdynen bewohnen dieGediklik" bett Harem, Frauen, die den Sultan persönlich bedienen. Alle übrigen weib­lichen Wesen des Harems heißen Odalik, was im westlichen Europa fälschlich zu Ddaliske verwandelt wurde. Diese Odaliks spielen eilte sehr eigentümliche und pikante Rolle int Harem. Unberührt betreten sie den Palast und harren des freundlichen Winkes des Sultans, der aber oft Jahre verstreichen laßt, bevor er winkt. Ist es aber so wseit, so wird aus der Odalik, die bis dalhin titil zutunliches Kätzchen, ein Spielzeug für die anderen Frauen, eine Puppe, die auf Wunsch, sang, sprang unb tanzte, war, eine Herrin, die ihre eigenen Sklavinnen und Eunuchen erhält. Sie darf sich aber dem Sultan nur nahen, wenn er es ausdrücklich verlangt. Und es soll vorgekommen sein, daß er an die eine oder die andere der Odaliks ganz und gar vergessen Hat.

Eine Stufe höher als sie stehen die Chassekis, das sind die Fmuen, die einem Prinzen das Leben geschenkt haben. Jede von ihnen bekommt aus der Staatskasse 25 000 Piaster jährlich. Wenn man nun bedenkt, daß der Kaja-Ehatun, der Hasnadan- Kadyn und vor allem der Sultan Walide, der Machthaber des Harems, enorme Gehälter bekamen, so kann man ermessen, welch ungeheure Last dieser kaiserliche Harem für das türkische Volk war.

Es scheint, daß sich der Harem unter Abdul Hamid bereits in auffallender Dekadenz befand. Diesitmr schon äußerlich zu be­merken. Die feenhaften Säle, die man sich nach dein Vorbild der Paläste aus Tausendundeiner Nacht vorzustellen pflegt, hatten in ihrer Pracht sehr gelitten, denn allerlei Moderner Bric-a-Brae war eingedrungen und verwischte den rein orientalischen Charakter. Im ganzen war das Serail ein schwüles Gefängnis, und von den blutigen Tragödien, die sich darin abgespielt haben, hat die Außen­welt keine Ahnung. Jugend, Schönheit unb Liebe haben hier niemals die türkischen Herrscher behindert, ihre Grausamkeiten zu betätigen. Auch Abdul Hamid hat manches junge, lebensvolle Weib und manchen Eunuchen in den Fluten des Bosporus ver­senken lassen. Ihn plagte ja immer das Mißtrauen wie ein Ge­spenst. Es wich auch, in den Mauern des Harems nicht von ihm. Man erzählt sich, daß er einmal eine Sklavin auf der Stelle niedergeschossen hat, nur hoeil .eine Bewegung von ihr ihm ver­dächtig brüsk vvrkam. Eine rührende Geschichte von zwei Odalisken wird berichtet, die mit leidenschaftlicher Liebe aneinanderhingen. Eine von ihnen zog sich den Verdacht des Hochverrats zu und war eines Tages spurlos aus dem Palast verschwunden. Ihre Genossin sah sie nicht mehr, aber sie wagte nicht einmal ihren Namen auszusprechen, um nach ihr zu fragen. Von Schmerz und Sehnsucht ergriffen, welkte sie dahin und starb kurze "Seit nachher.

Die Erdrosselungen, die Ertränkungen im Bosporus, die Fol­terungen, die für unsere Zeit ganz unwahrscheinlich sind, kamen im Serail des Padischah öfter vor, als man denkt. Eines Tages hatte der Sultan aus Versehen einen seiner winzigen Revolver, von denen er sich niemals trennte, liegen gelassen. Ein Mädchen von zwölf Fahren, eine kleine Sklavin, nahm die Waffe in die Hand, vielleicht ohne zu wissen, was sie fei, vielleicht int Glauben, sie habe ein nenes Spielzeug gefunden. In diesem Augenblick kehrte Abdul Hamid zurück. Sofort schoß ihm der Verdacht eines Attentats durch das ^krankhafte Gehirn. Das Mädchen bemerkte das entsetzte Gesicht des Großherrn und brach in Tränen aus. Aber gerade dieser unschuldige Gefühlsausbruch schien dem Sultan ein Beweis des Verbrechens zu sein. Er ließ die kleine Sklavin verhaften undverhören", was int Jildiz gewöhnlich mit Martern verbunden war. Man stach ihr glühende Nadeln unter die Finger- vägel. Als das Mädchen aber fortgesetzt nur schluchzte, gewann vmn beit Eindruck, daß es wirklich nichts zu bekennen habe. Und dtese kleine Märthrerin kam zwar als Krüppel, aber doch mit dem Leben davon.

. !Wie viele Opfer jedoch stießen hier ihre letzten Schreie Und Dodesseufzer aus! Tod und Liebe wohnten in dem Serail immer schon nebeneinander.

Vermischter.

* Eskimvs Heimweh. Als im Fahre 1896 Komman­deur Perry von seiner großen Forschungsreise aus Grönland zurückkehrte, brachte er aus dem Gebiete des Humboldt-Gletschers einen Eskimojungen Mene mit nach Amerika. Vor einigen Tagen verschwand der Jüngling plötzlich aus Newhork. Man glaubte erst an einen Unglücksfall; doch ist jetzt, wie gemeldet wird, in Newhork ein Brief eingetroffen, in dem der Eskimo seine Llbsicht ankündet, zu seinem Volke znrückzukehren. Das Schreiben lautet: Wenn dieser Brief Sie erreicht, werde ich ein gutes Stück unter­wegs sein, da er erst nach drei Tagen zur Post gegeben wird.. Kümmern Sie sich nicht darum, wo ich bin: ich strebe einfach nach dem Norden. Ich habe Heimweh und bin enttäuscht, und als der Kommandeur Perry mir erklärte, er habe keinen Platz für mich auf seinem Schiffe, verlor ich die Hoffnung. Und als dann der Professor Bumpus vom Museum der Naturgeschichte sich weigerte, mir die Leiche meines Vaters ausznliesern, aus daß ich sie bestatten könnte, und sich auch weigerte, mir meinen Schlitten und mein Gewehr zu geben, da kam ich zu bet Ansicht, daß Euer christlicher Glaube nicht für einen armen Eskimvjnngen bestimmt ist. Schließlich sind meine eigenen Stammesgenossen menschlicher und zuvorkommender, und ich kehre heim. Eure Zivilisationi hat mir und meinem Volke nur Schaden gebracht. Lebt wohl!"

* Im medizinischen Examen. Examinator:Wie lange kann ein Mensch ohne Gehirn leben?" Kandidat:Ent­schuldigen Sie, Herr Professor, wie alt sind Sie?"

Literatur.

Anton Springer, Handbuch der Kunstgeschichte. II. Das Mittelalter, 8. Aufl. Bearb. von Prof. Dr. I. Neu- wirth. V. Das 19. Jahrhundert. 5. Aufl. Bearb. von Dr. M. Osborn. Verlag von E. A. Seemann in Leipzig. Die lebendigste von allen Geschichtswissenschaften ist unstreitig die Kunstgeschichte. Die unablässige Forschung bringt fortwährend neues Material an das Tageslicht, und die Beurteilung deh zeitgenössischen Werke wird immer noch von mehrfach wechselnden Gesetzen bestimmt. Es ist daher das erste Erfordernis eines Lehr­buches der Kunstgeschichte, daß es auf der Höhe dieser Forschung wandelt und den veränderten Ergebnissen der Kunstkritik 'ständig Rechnung trägt. Dieser beiden Vorzüge darf sich das weit­bekannte Handbuch der Kunstgeschichte von An ton Springer rühmen, dessen neue Auflagen den Ereignissen auf bem Kunstgebiete textlich immer auf dem Fuße folgen, während sie bildlich die Zeugnisse einer aufs höchste gesteigerten Abbil­dungskunst barbieten. So haben wir in den beiden neu erschie­nenen Bänden über das Mittelalter und das 19. Jahr­hundert zwei Werke vor uns, die an Fülle unb Zuverlässig­keit des Inhaltes und an Reichhaltigkeit des Jllnstrationsmaterials schlechterdings nicht zu überbieten sein werden. Den Band über das Mittelalter hat der Wiener Kunsthistoriker Professor Dr. Josef Neuwirth wieder einer durchgreifenden Neubearbeitung unterzogen, die sich durch zweckentsprechende Angliederung der inzwischen ge­sicherten Forschungsergebnisse, sowie durch die immer vollkommener gestaltete Abrundung und Uebersichtlichkeit des Ganzen auszeichnet. Der Inhalt wurde um 100 Textseiten vermehrt, und die Anzahl der Abbildungen ist von 559 auf 708 gestiegen. Dieselbe Ver­vollkommnung hat aber auch die von Dr. Max Osborn vor zwei Jahren durchgeführte Neugestaltung des V. Bandes über das 19. Jahrhundert erfahren, die sich solch großer Zugkraft erfreuen durfte, daß sie innerhalb dieser kurzen Zeit nunmehr schon im dritten Neudruck vovliegt. Daß sich auch hier,bie Neubearbeitung nicht auf eine bloße Durchsicht beschränkt hat, beweist die Ver­mehrung des Buches um zwei Bogen, um 45 Abbildungen und drei neue Farbeudrucktafeln. Osborns Behandlung der Kunst des 19. Jahrhunderts ist überaus fesselnd und trotz der großen Fülle des zu berücksichtigenden Materiales überall klar und über­sichtlich. Sein Werk ist somit ein vortrefflicher Führer durch die moderne Kunst. Tas Springersche Handbuch gehört in dieser Neuesten Gestalt erst recht zu den besten Hilfsmitteln der Be­lehrung Mer das große Kunstgebiet, von den ältesten, Zeiten bis auf 'die jüngste Gegenwart.

Magisches Quadrat.

In die Felder nebeiistehenden Quadrats sind die Buchstaben AAAAADGLLNNPR R U ü derart einzutragen, daß die wagrechten u. senkrecht.Rechen gieichlaukend iolgendes bedeuten t 1. Männlichen Vornamen.

2. Stadt in Spanien.

3. Seltenes Metall.

4. Ein Eigenschaftswort.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Schach China Heine Ameise Unna Main Wahnsinn Eisen Ischia Rachen;

S cfi a u in wein.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.